Pepper Adams - 10 to 4 at the 5-Spot

Veröffentlicht am 15. August 2026 um 23:55

 

Pepper Adams10 to 4 at the 5-Spot

Riverside RLP 12-265; 04/1958; Engineer: Ray Fowler; Producer: Orrin Keepnews

Donald Byrd – tp*; Pepper Adams – bs; Bobby Timmons – p; Doug Watkins – b; Elvin Jones – ds.

 

Side A:

1) ‘Tis (Theme)*

2) You’re My Thrill

3) The Long Two/Four*

 

Side B:

1) Hastings Street Bounce*

2) Yourna*

 

Ich muss zugeben, dass Pepper Adams’ doch recht straighte Live-Aufnahme 10 to 4 at the 5-Spot nach der historischen Wucht von Monk’s Music und der Hitze von It’s Time! im ersten Moment etwas leichtgewichtig rüberkam. Aber natürlich waren musikalische Revolution oder Grenzüberschreitungen nicht das Anliegen dieser Platte. Im Gegenteil – sie sollte ein Club-Publikum gut unterhalten, nicht mehr... Aber auch nicht weniger. Und so findet sich auf dem Album eine Palette von abwechlungsreichem und vitalem Hard Bop, der zugänglich genug ist, dass er die Gelegenheitshörer im Publikum nicht vergrault, aber auch den echten Fans genug Substanz bietet, um sie am Ende des Abends zufrieden zu entlassen.

 

1958 war Pepper Adams dabei, sich in New York als eine ernstzunehmende Stimme auf dem Baritonsaxophon zu etablieren, aber er kam, wie drei seiner Bandkollegen, ursprünglich aus Detroit. Man kannte sich zumindest lose aus den Tagen in der Detroiter Szene. Und war auch schon gemeinsam im Studio: Mit Trompeter Donald Byrd, damals ebenfalls ein aufstrebender neuer Star, hatte Adams bereits zweimal gemeinsam für Riverside aufgenommen: auf Alben von Gigi Gryce und Johnny Griffin. Byrd und Adams sollten in den nächsten Jahren noch häufiger zusammenarbeiten, oft für Blue Note unter der Führung von Byrd, etwa bei Off to the Races, Byrd in Hand oder Live at the Half Note. Watkins und Jones plus Wynton Kelly waren die Rhythmusgruppe auf The Pepper-Knepper Quintet, dem Album, das Adams einen Monat zuvor mit dem Posaunisten Jimmy Knepper eingespielt hatte. Auch mit dem letzten im Bunde, mit Pianist Timmons, war Adams schon im Studio gewesen – beide waren Sidemen auf Lee Morgans The Cooker im Januar 1958.

 

Zum Material auf 10 to 4 at the 5-Spot: Insgesamt ein bunter Strauß, mal besser, mal eher funktional. Das Album beginnt mit dem Titel ‘Tis, komponiert von Thad Jones, Elvins Bruder. Gemäß den Liner Notes komponierte er eines Tages zwei Stücke – einen Blues (‘Tis), einen zweiten, der kein Blues war (‘Taint). Kann man ja mal machen, aber einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt man so in den meisten Fällen erst einmal nicht. Allerdings wird das Stück recht flott angegangen, sodass in der Bandperformance dann doch mehr Energie steckt als in der Komposition selbst. Bei der Ballade You’re My Thrill darf Byrd eine rauchen gehen, Adams ist der einzige Bläser hier und teilt sich die Solistenpflicht mit Timmons. Orrin Keepnews bezeichnet Pepper Adams in den Liner Notes als „tough“ und das ist er auch. Er hat einen herben, unsentimentalen Stil auf dem Bariton, der mit der coolen Ästhetik von Gerry Muligan nicht viel gemeinsam hat. Wie schon im Opener darf Bobby Timmons auch hier solieren und es scheint fast, als würde er sich einen kleinen Schabernack leisten, wenn er in seinem Solo die eigentlich inakzeptabel verstimmten Tasten des Club-Pianos fast genüßlich nutzt. Ist aber witzig.

The Long Two/Four gehört zur Riege der Jazz-Märsche, wir hatten hier ja bereits Wail March von Sonny Rollins und Benny Golsons kanonischen Blues March. Und mit letzterem teilt sich The Long Two/Four auf jeden Fall die Eingängigkeit. Das Stück wird hier Donald Byrd zugeschrieben und ist ein veritabler Gassenhauer, der einen mit seinem moll-lastigen Thema – fünf Staccatonoten, die wie Ausrufezeichen im Raum stehen, bevor sie von einer Kette längerer Noten abgelöst werden – unmittelbar packt. Major Jones allerdings leistet mit seinem Spiel einen ganz wichtigen Beitrag, gegen Ende bekommt er auch ein längeres Solo. Das ist insofern bemerkenswert, weil Byrd den Titel ein paar Monate später unter dem Titel Off to the Races für sein gleichnamiges Album auf Blue Note erneut aufnahm, dieses Mal mit Arthur Taylor am Schlagzeug. Und ehrlich gesagt hat die Version mit Elvin Jones ziemlich klar die Nase vorn. Jones selbst mochte den Titel wohl auch und empfand möglicherweise seinen Beitrag als so wesentlich, dass er das Stück ein paar Jahre später erneut aufnahm und für sich selbst reklamierte: Auf seinem Album Puttin' It Together erschien es als Kei Ko's Birthday March. Wer am Ende tatsächlich für die Komposition verantwortlich war, konnte ich nicht herausfinden. Aber wie auch immer – klasse Nummer.

 

Seite 2 beginnt mit dem zweiten langen Workout der Platte, einem Titel „adadapted by Pepper from a number remembered from an old recording“, so die Liner Notes. Tatsächlich unterlegt Timmons den Blues Hastings Street Bounce mit einem Boogie-Woogie-Piano und würzt sein Solo mit seinen typischen Läufen und Blockakkorden. Wir bekommen hier echtes Club-Futter mit dem Flair kleiner Swing-Bands, das vielleicht kompositorisch keine Bäume ausreißt, aber zu dem man gut löten kann. Die Platte schließt mit dem schönsten Stück, Byrds melancholischem Yourna. Beim Thema kommt der Salz-und-Pfeffer-Kontrast der beiden Bläser besonders wirkungsvoll zur Geltung, als würde Byrds strahlendes Horn getragen von Peppers zufrieden brummelndem Bariton. Beide Bläser solieren, Pepper bedächtig und bodennah, Byrd dreht die ein oder andere Pirouette in luftige Höhe, bevor Timmons und sogar Watkins auch kurz randürfen.

 

Fazit: Lebendigen, vitalen Hard Bop gab es nicht nur auf Blue Note. Mein erster Impuls waren vier Sterne, weil dieses Album in der Summe gut unterhält. Aber wie kann ich die rechtfertigen, wenn hier vor kurzem erst Jackie McLeans It’s Time! ebenfalls vier Sterne bekommen hat? Man kann kaum argumentieren, dass sich 10 to 4 at the 5-Spot auf demselben Niveau bewegt, persönlicher Geschmack hin oder her. It’s Time! ist wirklich ambitioniert in dem Sinne, dass es ein ernstzunehmendes künstlerisches Statement auf handwerklich höchstem Niveau darstellt. Und in dieser Hinsicht ist es schlicht das bessere Album. Aber 10 to 4 at the 5-Spot möchte ja keine Grenzen verschieben, sondern in erster Linie gefallen – und genau das gelingt ihm mit Groove, unkomplizierter Zugänglichkeit und Soli, die nicht permanent neues Terrain erkunden müssen. Diesen unmittelbaren Appeal sollte man nicht kleinreden. Wenn ich Gäste empfange, die mit Jazz wenig am Hut haben, ist es für mich allemal eine bessere Wahl als das fordernde It’s Time!

 

Musik: ****

 

Sound: Noch okay, aber keine audiophile Perle. Kommt auch drauf an, welches Stück man gerade hört – die Aufnahme insgesamt hat historischen Charakter, mit ausgeprägter Rechts-/Linksverteilung im Stereobild, ausgenommen Yourna, das in Mono aufgenommen wurde, warum auch immer. Bei ‘Tis lässt sich die Beckenarbeit von Elvin Jones am besten verfolgen, bei den anderen Titeln klingt er, als würde er seine Becken in einam anderen Raum spielen; Toms, Snare und Bassdrum sind dagegen okay. Das etwas verstimmte Klavier und die Bläser sind ausreichend prominent im Mix, man kann sie problemlos hören. Byrds Trompete steht aufnahmetechnisch noch am besten da.

 

Verfügbarkeit auf Vinyl: Im Sommer 2026 nur gebraucht bei den einschlägigen Anbietern. Ich habe bei Ebay eine Ausgabe für knapp 20 € gesehen, aber in der Regel läuft wenig unter 50 €.

 

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