Joe Gordon - Lookin' Good

Veröffentlicht am 21. August 2026 um 14:40

 

Joe GordonLookin’ Good!

 

Contemporary CS 7597; 07/1961; Engineer: Roy DuNann; Producer: Lester Koenig

Joe Gordon – tp; Jimmy Woods – as; Dick Whittington – p; Jimmy Bond – b; Milt Turner – ds.

 

Side A:

1) Terra Firma Irma

2) A Song for Richard

3) Non-Viennese Waltz Blues

4) You’re the Only Girl in the Next World for Me

 

Side B:

1) Co-Op Blues

2) Mariana

3) Heleen

4) Diminishing

 

Hard Bop von der Westküste? Gab es auch – hier von Joe Gordon auf Lookin’ Good!, seiner ersten Aufnahme als Leader für Lester Koenigs Contemporary.

 

Der Trompeter Joe Gordon wurde 1928 in Boston geboren, wo er auch im Jahr 1947 seine ersten Schritte als Berufsmusiker unternahm. Er arbeitete unter anderem mit Charlie Mariano, Lionel Hampton und Charlie Parker und gehörte 1954 kurz zu Art Blakeys Jazz Messengers. Wichtige Einflüsse waren Clifford Brown und Dizzy Gillespie, mit dessen Big Band er zeitweise auf Tour ging.

 

1958 zog Gordon nach Los Angeles, und wurde dort bald zu einem gefragten Sideman. Er arbeitete mit Musikern wie Benny Carter, Barney Kessel, Harold Land, Dexter Gordon und vor allem Shelly Manne, dessen Quintett er 1959/60 angehörte. Auf den legendären Shelly Manne and his Men at the Blackhawk Vol.1-4 ist er zu hören, wie auch auf Thelonious Monks Gastpiel im Westen, ebenfalls betitelt At the Blackhawk.

 

Als Leader war Gordon bislang nur einmal in Erscheinung getreten, 1955 hatte EmArcy das heute kaum zu findende Introducing Joe Gordon herausgebracht. Im Juli 1961 erhielt Gordon bei Contemporary schließlich die Gelegenheit zu seinem zweiten Album als Leader. Lookin’ Good! sollte alle Facetten von Gordon zeigen, also erlebt man ihn hier nicht nur als Solisten in der Tradition von Clifford Brown, sondern auch als Komponisten, alle acht Titel sind von ihm. Begleitet wird er auf dem Album von einer Riege aus L.A.-Sessionmusikern, denen wir auf NJF noch nicht begegnet sind, die aber ihren Kollegen von der Ostküste nicht nachstehen. Bassist Jimmy Bond und Drummer Milt Turner legen ein gleichzeitig erdiges wie elastisches Fundament und agieren mit souveräner Unaufdringlichkeit – man nimmt sie eigentlich erst dann wahr, wenn man bewusst auf sie achtet. Echte Entdeckungen sind auch Pianist Dick Whittington und Altist Jimmy Woods. Whittingtons Spiel erinnert mich mit seinen manchmal locker perlenden, mal bluesig gefärbten Läufen und gelegentlichen Blockakkorden, z.B. auf Non-Viennese Blues Waltz, an Wynton Kelly, und das ist ausdrücklich als Lob gemeint. Wie seine Kollegen vom Rhythmusteam verzichtet auch Whittington auf demonstrative solistische Exzesse, scheint vielmehr darauf bedacht, die Bläser gut aussehen zu lassen. Jimmy Woods’ Spiel ist beweglich und packt bluesig zu, wenn er will, kann aber auch, wie auf Mariana, harmonisch offen und fast orientalisch anmutend klingen. Er hat einen vibratoarmen und unsentimentalen Ton, der mich manchmal an Art Pepper erinnert, nur zur Orientierung.

 

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Es ist immer riskant, sich bei einem Album allein auf die Kompositionen einer einzigen Person zu verlassen, schließlich können die schöpferischen Säfte plötzlich versiegen oder zu oft in die gleiche Richtung fließen. Zum Glück für uns ist das hier kein Problem. Gordon war ein vielseitiger Komponist, dessen Titel mühelos eingängig (aber nie simpel) klingen und eine Vielzahl von Stimmungen schaffen. Terra Firma Irma, Gordons Frau gewidmet („a very earthy person“) ist ein attraktiver modaler Uptempo-Swinger im Stile von Duke Pearsons Jeannine. Es besitzt denselben schwebenden, leicht hypnotischen Charakter, über dem die Solisten ziemlich frei agieren können, und das tun sie dann auch. An Gordon mag ich das elegante, zurückhaltende Spiel, kein Ton zu viel, keine Ausflüge in die höchsten Register, keine technischen Fisimatenten wie dramatisch gepresste Töne, schlicht Arbeit im Dienste der Musik. Woods setzt einen schönen Kontrast. Mit einem leicht schneidenden, gelegentlich minimal überblasenen Ton kreiert er ein stärker emotionales Solo. Whittington perlt und schwebt, bevor auch Milt Turner die Gelegenheit zu einem kurzen, aber verbindlichen (rhythmisch genau auf den Punkt) Beitrag erhält. A Song for Richard ist eine Moll-basierte kleine Perle (und nicht die einzige hier, siehe unten) mit Gordon auf gestopftem Horn, die in einem entspannteren Groove swingt, bevor der Non-Viennese Waltz Blues das nächste Ausrufezeichen setzt, denn tatsächlich entwickelt dieser Walzer einen packenden bluesigen Drive, der Wien ziemlich weit weg erscheinen lässt und dem Team Gelegenheit zu lässig swingenden Statements gibt. Ich habe ja in diesem Blog hier und da schon meine Schwäche für Richard „Blue“ Mitchell erwähnt, dessen unaufgeregtem Spiel im mittleren Register mit seinem leicht melancholischen Unterton ich jeden Tag zuhören könnte. Gordon erweist sich hier sein Bruder im Geiste. Seine Beiträge sind perfekt temperiert – nie zu kühl, nie zu hot, nachdenklich, aber nicht soft. Und zwischen den Noten darf der Hörer auch mal Luft holen. Mit dem enigmatisch betitelten You’re the Only Girl in the Next World for Me klingt die erste Seite aus, wie sie begonnen hat: mit einem recht schnellen Swinger, der aber bei aller Eile nie ins Schwitzen gerät.

 

Der Co-Op Blues bietet im Thema gospelige Untertöne, die der agnostische NJF ja nicht wirklich braucht, aber während der Soli gibt es einen infektiösen Midtempo-Groove, der einen versonnen lächeln und zum Bierglas greifen lässt. Ein Kompliment an die Rhythmusgruppe, die kräftig swingt, dabei aber jederzeit selbstverständlich wirkt. Mein Highlight der Platte ist Mariana, ein zweiter Walzer, aber dieses Mal nicht bluesig, sondern mollgefärbt folkloristisch und extrem eingängig, manche Avantgardisten müssten vor Neid erblassen. Dass Mariana kein bekannter Jazz-Standard wurde, ist eine der mittleren Ungerechtigkeiten des Lebens und kann nur mit Gordons Obskurität erklärt werden. Die Ballade Heleen ist ein weiteres nachdenkliches Sahnehäubchen. Gordon spielt zwei kurze Soli auf niedriger Flamme, die einen ebenso kurzen Beitrag von Whittington einrahmen, Woods macht Pause. Diminishing, benannt nach seiner eigenen Akkordbewegung, zieht das Tempo zum Abschluss noch einmal an und weist vielleicht am meisten in Richtung Postbop. Besonders Woods erkundet in seinem Beitrag freieres Gelände, Gordon und Whittington bleiben mit ihrem lockeren Swing auf dem Boden des Hard Bop.

 

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Man fragt sich nach Lookin’ Good unwillkürlich, warum man von Joe Gordon so gut wie nie etwas gehört hat. Das Album zeigt einen souveränen Improvisator mit eigener Stimme und einen Komponisten, der Stücke schreiben konnte, die nicht nur hängenbleiben, sondern auch nachhallen. Die acht Titel des Albums sind markant und ufern nie aus, sodass es selbst bei oberflächlichem Hören nie langweilig wird.

 

Aber leider war Gordon eine weitere tragische Figur des Jazz. Bereits Mitte der 1950er war er heroinanhängig. 1958 zog er von Boston nach Los Angeles, wo er sich 1959 einer Entziehungskur unterzog. Es folgte ein 18-monatiges Engagement in Shelly Mannes Band, seine stabilste und musikalisch fruchtbarste Phase. Danach arbeitete er weiter als Sideman für Contemporary, bevor schließlich die Einladung zu Lookin’ Good! kam. Zwei Monate später spielte er, ebenfalls für Contemporary, als Sideman auf Jimmy Woods Awakening!!

 

Nach der Session mit Woods wurde es wieder still um ihn. Ob Gordon seine Heroinsucht jemals endgültig überwunden hatte, ist nicht überliefert, aber sein Leben blieb von Problemen überschattet und im Jahr 1963 lebte er in prekären Verhältnissen in einem ‚rooming house‘ in L.A., im Grunde nicht mehr als ein angemietetes Zimmer. Dort brach der Brand aus, an dessen Folgen er am 4. November 1963 starb.

 

Fazit: Lookin’ Good bietet die seltene Chance, eine Stimme im Jazz zu hören, die einiges zu sagen hatte, sich aber nur selten kreativ ausdrücken konnte. Joe Gordon überzeugt hier mit eingängigen Kompositionen und einem lyrischen, zurückhaltenden Stil. Unterstützt wird er von einem kongenialen Team aus wenig bekannten Musikern, die aber mit ihren berühmteren Kollegen von der Ostküste auf Augenhöhe spielen. Eine Platte, die man gerne auflegt: Vergnügen garantiert, aber auch eine gewisse Wehmut.

 

Musik: ****1/2

 

Sound: Großartig, fast makellose Aufnahme von Contemporarys Roy DuNann. Die Platte besticht mit vorbildlich natürlichen Timbres der Instrumente, das gilt auch für die Drums, die hier nicht mit Hall überladen werden. Einzig das zum Ping-Pong neigende Stereobild verrät das Alter der Aufnahme.

 

Verfügbarkeit auf Vinyl: Im Frühjahr 2026 nicht einfach. Aktuell gibt’s keine Nachpressung von Craft, meine OJC aus den 1980ern ist online gebraucht zu bekommen, aber mit ca. 50 € teuer zu bezahlen. Dafür ist sie einwandfrei gepresst und klingt wirklich super.

 

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