Donald Byrd – Byrd In Hand
Blue Note BST-84019; 05/1959; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion
Donald Byrd – tp; Pepper Adams – bs; Charlie Rouse – ts; Walter Davis jr. – p; Sam Jones – b; Art Taylor – ds.
Side A:
1) Witchcraft
2) Here Am I
3) Devil Whip
Side B:
1) Bronze Dance
2) Clarion Calls
3) The Injuns
Ab 1956 war Donald Byrd bei Blue Note ein gern gesehener Gast im Studio, denn er trank nicht, hatte keine Drogenprobleme und war dementsprechend zuverlässig. Zunächst agierte er allerdings meist als Sideman. Er spielte eine immense Zahl von Sessions für Leute wie Art Blakey, Horace Silver, Paul Chambers, Hank Mobley et al. Erst im Dezember 1958 bekam er seine erste Session als Leader mit Off To The Races. Ein halbes Jahr später folgte das Album, um das es hier geht.
Für Byrd In Hand hatte Donald Byrd eine dreiköpfige Frontline zusammengestellt mit Monks künftigem Tenoristen Charlie Rouse und einem Musiker, den Byrd aus Detroit kannte und mit dem er noch viele weitere Sessions einspielen sollte: dem Baritonsaxofonisten Pepper Adams. Ergänzt wurden die Bläser vom Pianisten Walter Davis Jr., der sich gerade im Blue-Note-Orbit etablierte. Allerdings sollte er nicht lange beim Label bleiben: Im August 1959 spielte er sein Debüt Davis Cup ein, danach hörte man ihn noch ein, zwei Mal als Sideman, dann war für ihn Schluss. Sam Jones am Bass und der unverwüstliche Art Taylor am Schlagzeug komplettierten das Line-Up.
Im Vergleich zu seinen frühen Sessions als Sideman bei Alben wie Hank Mobley Sextet (BLP 1540) und Sonny Rollins Vol. 1 (BLP 1542) wirkt Byrd auf mich hier reifer und mehr bei sich. Den strahlenden Ton besitzt er noch immer, aber seine Soli kommen mit weniger Noten aus und die Ausflüge in die höchsten Register des Instrumentes sind seltener.
Außerdem demonstriert er auf diesem Album eine Gabe, die nicht jeder hatte: er konnte eingängige Stücke komponieren. Here I Am, Devil Whip und The Injuns sind von ihm, Davis steuert Bronze Dance und Clarion Call bei, dazu kommt Cy Colman & Carolyn Leighs Witchcraft.
Damit startet das Album auch. Ehrlich gesagt kannte ich Witchcraft nur in dieser Version, aber in den späten 1950ern war das Stück offenbar in aller Munde. Ol’ Blue Eyes hatte damit 1957 einen Hit gelandet und so war es kein Wunder, dass sich auch die Jazzer damit beschäftigten. Byrd & Co. gehen Witchcraft in einem entspannten Midtempo an. Während des Themas spielt Byrd die Melodie, die Saxofonisten kommentieren sporadisch.
Eines der Highlights ist jedoch Byrds seltsam zwischen Traurigkeit und Zuversicht schwebendes Here I Am. Es beginnt mit einer Art statischem Moll-Vamp, der immer wieder mit Passagen in straightem Swing alterniert; dieses Muster zieht sich auch durch die Soli. Die melancholische Stimmung passt gut zu Byrds strahlendem Trompetenton, dessen sparsame (was die Notenzahl angeht) Läufe immer wieder mal Expeditionen in die hohen Register wagen, bevor sie auf festen Boden zurückkehren
Beide Saxofonisten setzen tonal starke Kontraste zu Byrd. Das Baritonsaxofon von Pepper Adams hat sowieso einen rauen, manchmal fast abrasiven Ton, aber auch Charlie Rouse haut in die gleiche Kerbe. Verglichen mit Smoothies wie Getz und Webster ist sein Ton hart und sein Spiel wirkt kantiger. Wie gesagt: der Kontrast zu Byrd ist stark und manchmal wirkungsvoll. Aber der Schuss kann auch nach hinten losgehen, mir persönlich ist er gerade auf dem schnellen und leicht boppigen Devil Whip schon zu prononciert. Wenn Byrd am Ende des Themas in den höchsten Lagen bläst und die beiden Saxofone dazu im Chor bellen, dann ist der Effekt vielleicht dramatisch, jedoch nicht wirklich schön.
Aber für schöne Momente sind auf dem Album andere Stücke zuständig. Neben Here I Am auf Seite 1 findet man sie auch in der ersten Davis-Komposition Bronze Dance, einem weiteren Swinger mit Latin-Einschlag in der Bridge. Hier agieren die beiden Saxofone sanfter: Pepper Adams klingt fast mulliganesk cool und auch Rouse bläst mit weniger Härte.
Auch die zweite Nummer von Davis ist eingängig. Clarion Call spielt auf die Clarintrompete an, die im Barock für Fanfaren eingesetzt wurde. Folgerichtig darf Byrd auf diesem Stück richtig schmettern, aber da er so einen schönen Ton hat und seine beiden Kollegen an ihren Holzblasinstrumenten die Höhenflüge der Trompete mit ihrem dunklen Timbre erden, höre zumindest ich ihm dabei gerne zu. Abseits des Themas schwingt das Stück in flottem 4/4-Swing.
Noch etwas schneller wird es beim abschließenden The Injuns, einem Kuriosum. Das Thema klingt mit seinem stampfenden Um-Pah-Rhythmus wie Hollywoods Idee von Indianermusik, aber bei den Soli wechselt das Stück in lupenreinen Hard Bop und wir bekommen flinke Soli von Byrd, Rouse, Pepper und Davis.
Fazit: Wer ein Album sucht, das beispielhaft für den Jazz auf Blue Note in den späten 1950ern steht, der ist mit Byrd In Hand gut bedient. Kein ganz großer Labelklassiker, aber eine solide Hard-Bop-Session mit einer ungewöhnlich dunklen Bläserfront und ein paar starken Kompositionen.
Musik: ***1/2 bis ****
Sound: Gute frühe Stereoaufnahme von RvG.
Verfügbarkeit auf Vinyl: Im Frühjahr 2026 nicht einfach. Aktuell gibt’s keine Nachpressung von Blue Note und selbst meine preiswerte, aber gut gemachte Ausgabe von Rat Pack/MCPS scheint momentan ausverkauft zu sein.
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