Jackie McLean - It's Time!

Veröffentlicht am 13. August 2026 um 00:40

 

Jackie McLean – It’s Time!

 

Blue Note ST-84179; 08/1964; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion

Charles Tolliver – tp; Jackie McLean – as; Herbie Hancock – p; Cecil McBee – b; Roy Haynes – ds.

 

Side A:

1) Cancellation

2) Das’ Dat

3) It’s Time

 

Side B:

1) Revillot

2) ‘Snuff

3) Truth

 

Vielleicht eins gleich vorweg: Wer seine Frontline dunkel und erdig mag, muss sich vermutlich woanders umschauen, denn McLean und Tolliver liefern auf It’s Time einen schneidenden, durchdringenden Ensemble-Sound, der meilenweit von locker goutierbarem Wohlfühlklang entfernt ist. Ich finde, dass sich die Platte trotzdem lohnt, aber es wird einem einiges abverlangt.

 

Verglichen mit One Step Beyond vom April 1963 ist It’s Time! oberflächlich betrachtet ein Schritt zurück in die Hard-Bop-Orthodoxie: Statt Hutchersons Vibraphon gibt es wieder einen Pianisten, und Grachan Moncur IIIs avantgardistische Posaune hat das Feld geräumt zugunsten von Charles Tollivers Trompete. Außerdem sitzt Roy Haynes am Schlagzeug statt des unfassbaren (im wahrsten Wortsinn) Tony Williams. Aber keine Sorge – auch die hier versammelte Crew zeigt sich durchweg abenteuerlustig und bereit, musikalisch jene Ausrufezeichen zu setzen, die Reid Miles auf dem markanten Cover bereits grafisch setzt. 

 

Zwei von ihnen hatten die Blütezeit des Hard Bop Mitte bis Ende der 1950er noch erlebt: der Leader McLean und Drummer Roy Haynes. Letzterer, sechs Jahre älter als McLean, durfte mit Charlie Parker und Bud Powell sogar noch Bebop-Luft schnuppern, zeigte sich aber im Laufe seiner Karriere äußerst offen für Umbrüche. Ende der 1950er spielte er mit Thelonious Monk auf dessen Live-Alben Thelonious in Action und Misterioso, 1960/61 dann mit Eric Dolphy. Genau wie Williams vor ihm leistet Haynes einen wichtigen Beitrag zum Albumsound. Während Williams auf One Step Beyond viel Raum ließ, macht Haynes dagegen mit seiner messerscharfen Attacke mächtig Druck und liefert einen enorm lebhaften, nervösen Puls, der die ohnehin hitzige Musik weiter befeuert.

 

Dazu trägt auch Bassist Cecil McBee bei. Er hatte ein paar Jahre zuvor noch R’n’B mit Dinah Washington gespielt und sich dabei einen felsenfesten Walking Bass antrainiert. Nach seinem Umzug nach New York machte ihn das bei örtlichen Avantgardisten wie Andrew Hill, Sam Rivers oder eben Jackie McLean zu einem gefragten Sideman, der auch abgehobene Musik erden konnte.

 

Hancock und Tolliver schließlich waren beide jung genug, um die Gassenhauer der Mitt-50er nur von Platten zu kennen. Hancock hatte 1962 sein Blue-Note-Debüt eingespielt und sich danach schrittweise vom labeltypischen Hard Bop entfernt. Für Charles Tolliver war It’s Time! dagegen das Plattendebüt überhaupt. An Selbstbewusstsein mangelte es ihm jedenfalls nicht, denn er steuert drei der sechs Kompositionen bei, die übrigen drei stammen von McLean.

 

Häufig geht es dabei in hohem Tempo zur Sache. Der Opener Cancellation ist ein Beispiel. Tolliver selbst sagt dazu in den Liner Notes: „The piece is modal… We don’t go through the chord changes in the old way… the challenge is to find out how melodically inventive and free you can be.“ Nach einem etwas kantigen Thema entfalten sich daher die Soli mehr, als dass sie sich an einem Sicherheitsseil aus Akkorden entlanghangeln. McLean nimmt das erste und wechselt zwischen langen, klagenden Noten und Passagen, auf denen er klingt, als würde er vom Leibhaftigen gejagt. Tolliver folgt ihm und lehnt sich, so mein Eindruck, harmonisch noch ein wenig weiter aus dem Fenster. Interessant ist auch die Arbeit der Rhythmusgruppe. Während Haynes und McBee einen brodelnden Drive entwickeln, verändert Hancock permanent seine Gestalt wie aufsteigender Zigarettenrauch. Mal unterstützt er mit einem Akkord, mal schiebt er mit diskordanten Clustern oder verzögert mit Pausen und spärlich gesetzten Noten.

 

McLeans Das’ Dat ist ein Blues im Midtempo, aber natürlich in einem modernen Outfit – also hinreichend abstrakt, sodass er in den Charts kaum für Unruhe gesorgt haben dürfte. Formal blickt man zurück, aber während der Soli verlassen unsere Helden immer wieder die gut ausgeschilderten harmonischen Pfade. So klingt das Alte neu, aber auch ein wenig unvertraut. McLeans It’s Time ist das zweite modale Uptempo-Workout der Platte. Charakterlich ähnelt es Cancellation, lediglich die Tonart ist eine andere.



Eine kleine Überraschung bietet Tollivers Revillot, der Opener von Seite 2 (übrigens kein Französisch, lest es rückwärts). Es ist doch tatsächlich ein Jazz-Walzer, aber von Johann Strauss sind wir weit entfernt. Haynes spielt den 3/4-Beat so fluide und mit gegenläufigen, ständig wechselnden Akzentuierungen, dass man das Metrum erst bei genauerem Hinhören bemerkt. In den Soli gibt es die inzwischen bekannte harmonische Mehrdeutigkeit. McLeans ‘Snuff knüpft dann wieder an Cancellation und It’s Time an – ein modaler Uptempo-Burner, der noch einmal ordentlich Druck aufbaut.

 

Und hier, gegen Ende der zweiten Seite, kommt man als Hörer vielleicht doch ein wenig an seine Grenze. Die Musik auf It’s Time! ist in jeder Sekunde intensiv, aber wenn man versucht, sich an ein Thema zu erinnern, dann wird es schwer.*  Man will ja weiß Gott nicht immer reine Melodieseligkeit, aber auch abstraktere Alben profitieren von einer inneren Dynamik und dem ein oder anderen einprägsamen Moment. It’s Time! bietet anspruchsvolle Musik, lebt dabei jedoch mehr von seiner fiebrigen Intensität als von seiner Eingänglichkeit. Aber noch sind wir ja nicht am Ende und der letzte Titel, Tollivers verträumte Ballade Truth, vertreibt Gedanken an aufkommende Monotonie; so endet das Album auf einer besinnlichen Note.

 

Fazit: Auf den ersten Blick erscheint It’s Time! weniger avantgardistisch als One Step Beyond, nicht zuletzt wegen der Quintettbesetzung mit seiner Frontline aus Altsax/Trompete, deren heller, manchmal schneidender Ensembleklang allerdings nicht jedermanns Sache sein dürfte. Aber der Eindruck von Konventionalität täuscht. Das Album bietet einen intensiven, modalen Jazz, oft in hohem Tempo, der alte harmonische Strukturen hinter sich lässt… dabei aber auch diese gewisse Eingänglichkeit opfert, die aus einem herausfordernden ein rundum begeisterndes Album macht. Die Ballade Truth am Ende setzt einen wohltuenden Kontrast zur Intensität der übrigen Stücke.

 

Musik: ****

 

Sound: Exzellente Aufnahme ohne echte Schwächen. Selbst McLeans und Tollivers Ausflüge in hohe und höchste Register sind sauber eingefangen.

 

Verfügbarkeit auf Vinyl: Im Sommer 2026 gut, wenn auch teuer als Teil von Blue Notes Tone Poet Series. Schön gemacht, wie alle Tone Poets.

 

*Bei Avantgardisten kein seltenes Problem. Dass es aber grundsätzlich möglich ist, auch abseits der Konvention markante Titel zu komponieren, beweisen Leute wie Monk oder Andrew Hill.

 

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