Thelonious Monk Septet - Monk's Music

Veröffentlicht am 10. August 2026 um 19:30

 

Thelonious Monk Septet – Monk’s Music

Riverside RLP 12-242; 06/1957; Engineer: Jack Higgins; Producer: Orrin Keepnews

John Coltrane – ts; Coleman Hawkins – ts; Ray Copeland – tp; Gigi Gryce – as; Thelonious Monk – p; Wilbur Ware – b; Art Blakey – ds

 

Side A:

1) Abide With Me

2) Well, You Needn’t

3) Ruby, My Dear

 

Side B:

1) Off Minor

2) Epistrophy

3) Crepuscule with Nellie

 

Im Jahre 1955 verpflichteten Orrin Keepnews und Bill Grauer Thelonious Monk für Riverside. Zugleich Chance und Risiko für das kleine Label: Monks Bedeutung als musikalischer Innovator war unbestritten, allerdings eben auch sein Ruf als Exzentriker, dessen Platten trotz ihrer musikalischen Qualität wie Blei in den Regalen lagen. Aber ihr Mut wurde belohnt. Nach zwei Trio-Alben mit Fremdkompositionen gelang Monk mit Brilliant Corners, seinem ersten Riverside-Album mit mehrheitlich eigenen Kompositionen, der kritische Durchbruch. Ein halbes Jahr später folgte Monk unverdünnt (abgesehen vom 57-sekündigen Abide With Me, s.u.) auf Monk’s Music.

 

Gleich vorweg: Monk’s Music ist derzeit meine Lieblingsplatte in Monks Riverside-Katalog.1 Die Kritiker mochten und mögen sie weniger als Brilliant Corners, man wirft ihr unter anderem unsaubere Ensemble-Passagen und das ein oder andere vergeigte Solo vor, aber micht ficht das alles nicht an. Die Platte hat, auch bedingt durch die unübliche Besetzung, eine ganz besondere Frische und die Ensemble-Passagen sind dadurch zu erklären, dass… aber eins nach dem anderen.

 

Monk und Produzent Orrin Keepnews hatten für den 25. und 26. Juni 1957 ein Septett in die Reeves Sound Studios bestellt. Neben dem Altsaxophonisten Gigi Gryce, mit dem Monk ein halbes Jahr vorher auf Nica’s Tempo gearbeitet hatte, waren drei weitere Bläser dabei: Trompeter Ray Copeland und mit Altmeister Coleman Hawkins und dem aufstrebenden John Coltrane gleich zwei Tenorsaxophonisten. Dazu kamen Wilbur Ware am Bass und Art Blakey an den Kesseln.

 

Aber der erste Tag war ein Fiasko. Blakey erschien eine Stunde vespätet2 und brachte damit Monk so aus dem Konzept, dass er sich schließlich weigerte, weiterzuspielen und das Studio verließ. Man hatte lediglich zwei Takes von Crepuscule with Nellie im Kasten. Am nächsten Tag war Monk wieder spielbereit, aber der Druck auf Keepnews und die Band war hoch, denn die Musiker waren stark gefragt und hatten entsprechend volle Terminkalender. Dass trotz der widrigen Umstände ein Klassiker des modernen Jazz eingespielt wurde, spricht für die Leistung aller Beteiligten.

 

Also wissen wir jetzt schonmal, wieso einige Ensemble-Passagen nicht die Tightness von Horace Silvers Platten für Blue Note haben. Es fehlte einfach die Zeit, die Band komplett einzunorden. Weiterhin sind die Arrangements größenteils tendeziell schlicht, Monks Kompositionen sind hier kaum mehr als Vehikel zum Solieren. Nicht so schön für Monk-Puristen, weniger problematisch für Genusshörer: dank der Qualität der Musiker ist es nämlich beinahe vorteilhaft, dass es so frisch und unkompliziert zur Sache geht.

 

Interessant ist auf jeden Fall auch der Vergleich zwischen zwei Titanen des Tenorsaxophons. Coleman Hawkins, zum Zeitpunkt der Aufnahme zweiundfünfzig Jahre alt, war einer der Begründer des modernen Saxophonspiels, und John Coltrane sollte wenige Jahre selbt zu einem prägenden Einfluss werden. Hier sitzen also der Altmeister und ein junger Hoffnungsträger zusammen und beide spielen Monk. Ihre Stile sind dabei so unterschiedlich, dass man sie problemlos unterscheiden kann. Hawkins wurzelt noch tief im Swing und hat einen robusten Ton, Coltrane spielt schon hier längere, modernere Linien, die stärker zu fließen scheinen, und sein vibratoarmer Ton hat etwas Klagendes.

 

Ähnlich wie bei Saxophone Colossus ist der Anfang des Albums derart markant, dass man es innerhalb einer Sekunde erkennt – die Bläser spielen für gut fünfzig Sekunden einen unbegleiteten Chorus der englischen Hymne Abide with Me.

Es folgt meine Lieblingsversion von Well, You Needn’t: Monk stolpert im Intro dissonant eine Tonleiter hinauf, Wilbur Ware rifft frei auf dem Bass, bevor Monk mit donnernden Clustern den Einstieg ins Thema markiert. Es klingt, als würde ein 30-Tonner ein paar Sekunden lang schlingern, um sich dann zu fangen und unaufhaltbar ins Rollen zu geraten. Monk nimmt das erste Solo, bevor er mit einem deutlich hörbaren Coltrane! Coltrane! an den jüngeren Tenoristen übergibt. Manche hören hier einen zögerlichen, fast eingeschüchterten Trane, schließlich standen mit Hawkins und Monk zwei Legenden mit im Studio, aber den Eindruck habe ich nicht. Vielmehr stürzt er sich mit Verve in sein Solo und die Pausen in seinem Beitrag erinnern mich ein wenig an die von Monk selber, der bekanntlich auch nicht jede freie Sekunde mit Noten füllen musste. Alle Musiker dürfen solieren. Copeland und Hawkins schlagen sich wacker, Wares Beitrag leidet unter einem leicht indistinkten Bass-Sound und Gigi Gryce gerät bei seinem Einstieg etwas ins Schwimmen, sammelt sich aber nach einer Weile.

Auf seinen ersten Aufnahmen für Blue Note hatte Monk die bittersüße Ballade Ruby My Dear bereits im Trio eingespielt. Hier nimmt er einen Bläser dazu: Coleman Hawkins, der sich mit einem wunderbar warmen, einschmeichelnden Ton als gefühlvoller Balladeur erweist.3

 

Seite 2 bietet drei weitere Klassiker aus dem Monkschen Kanon. Kann man schon Off Minor als kantig bezeichnen, ohne mit Protest rechnen zu müssen, ist Epistrophy mit seinen unerwarteten Intervallsprüngen und seinen gegeneinandergesetzten Motiven, die fast zu zanken scheinen, geradezu widerborstig. Crepuscule with Nellie dagegen ist von zärtlicher, zerbrechlicher Schönheit. Monk schrieb es für seine Frau, als sie ernsthaft erkrankt war, und ließ, soweit ich weiß, dabei nie ein Solo zu. Alle drei Stücke haben für mich etwas beinahe Definitives. Mir fällt jedenfalls auf Anhieb keine Interpretation ein, die ich lieber mag.

Besonders Off Minor bekommt durch Copelands hohen Trompetenton eine leicht hysterische Note, die meiner Meinung nach hervorragend zu Monks spröder Musik passt. Mein Highlight ist dennoch das knapp elfminütige Epistrophy, das Monk ansonsten gerne als Erkennungsmelodie zum Abschluss von Live-Sets benutzte. Hier bekommen wir dagegen eine XXL-Variante mit Soli von allen Beteiligten. Crepuscule with Nellie dagegen ist reduzierter. Es wird zum großen Teil im Trio mit Piano, Bass und Schlagzeug gespielt, erst gegen Ende steuern die vier Bläser eine interessante, gedeckte Klangfarbe bei.

 

Auch bedingt durch die unglücklichen Umstände haftet Teilen von Monk’s Music etwas Unfertiges an. Coleman Hawkins, no less, verhaspelt sich beim Einstieg auf Epistrophy und Gigi Gryce scheint zu Beginn seines Beitrags auf Well, You Needn’t leicht desorientiert, bevor er sich fängt und sein Solo mit halbwegs intakter Würde zu Ende bringt. Mich stört das nicht, ich empfinde beim Hören solche unvollkommenen Momente als Bereicherung. Jazz ist nunmal eine spontane Musik, sie entsteht im Moment und lebt auch vom Risiko.

 

Fazit: Betrachtet man Monks Oeuvre auf Riverside, dann ist Monk’s Music vielleicht nicht der Liebling der Kritiker, dafür aber meiner. Wir bekommen einige seiner bekanntesten Kompositionen in einem Septett-Format, das durch die vier Bläser ungewohnte Klangfarben und mit seinen starken individuellen Stimmen sowie den relativ knapp bemessenen Soli exzellente Unterhaltung bietet. Ein Klassiker!

 

Musik: *****

 

Sound: Ansprechende, lebendig klingende Aufnahme von Riverside-Toningenieur Jack Higgins. Wie öfter bei Riverside klingt der Bass ein wenig matt, was den Hörspaß allerdings kaum stört.4

 

Verfügbarkeit auf Vinyl: Im Sommer 2026 gut zu bekommen, die erhältlichen Ausgaben reichen von der preiwerten Waxtime, um die 20 €, bis zur highendigen Acoustic Productions für 50 €, wobei die Ausgabe von Craft für ca. 40 € schon sehr hohe Ansprüche befriedigt. Siehe dazu auch Fußnote 4.

 

1: Derzeit deshalb, weil es auch schonmal Thelonious in Action war; vor Jahren hatte ich sogar eine Phase, da habe ich die allgemein nicht besonders hoch angesehene Monk in Italy fast täglich gehört. Die Sache ist also im Flux.

 

2: Gemäß Rat Race Blues, der Gryce-Biografie von Noal Cohen und Michael Fitzgerald

 

3: Ein paar Wochen später spielte Monk Ruby My Dear erneut ein, dieses Mal mit John Coltrane. Der Vergleich mit Hawkins ist interessant – beide waren ausgezeichnete Balladeninterpreten. Die oben erwähnte Ausgabe von Monk’s Music auf Waxtime bietet tatsächlich beide Versionen nebeneinander. Historisch nicht korrekt, aber ich kann den Gedanken dahinter verstehen.

 

4: Die gegenwärtig erhältlichen Versionen bieten die Mono-Aufnahmen. Im Sommer 1957 experimentierte man bei Riverside allerdings auch schon mit der damals neuen Stereophonie und tatsächlich liefen parallel zu den Aufnahmen in Mono auch welche in Stereo. Monk's Music war Riversides erste Veröffentlichung in Stereo. Diese Version ist klanglich der Hammer, aber leider selten. Vor einigen Jahren hat Vinyl Me, Please aus den USA ein Reissue veröffentlicht, dem auch ein Büchlein mit einem lesenswerten Essay zur Session beiliegt. Mit ein bisschen Glück kann man diese Ausgabe gebraucht noch für unter 50 € finden. Kann ich wärmstens empfehlen, aber ein Nachteil soll hier nicht verschwiegen werden: Crepuscule fehlt, bei diesem Stück versagte anscheinend das Aufnahmegerät für Stereo.

 

Die VMP-Ausgabe: Cover, Rückseite mit einer Erklärung der neuen Stereophonie (Mitte) und informatives Booklet (rechts).

An den Labels sollt ihr sie erkennen: Die reguläre Version in Mono (links) und die stereophone Ausgabe von VMP.

 

Kommentar hinzufügen

Kommentare

Es gibt noch keine Kommentare.