Sonny Rollins – Newk’s Time
Blue Note BST 84001, 09/1957, Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion
Sonny Rollins – ts; Wynton Kelly1 – p; Doug Watkins1 – b; Philly Joe Jones – ds
Side A:
1) Tune Up1
2) Asiatic Raes1
3) Wonderful! Wonderful!1
Side B:
1) The Surrey With the Fringe on Top
2) Blues for Philly Joe1
3) Namely You1
Am 25. Mai 2026 starb Sonny Rollins, der letzte lebende Gigant des Hard Bop in seiner klassischen Form der 1950er Jahre und für viele einer der größten Improvisatoren der Musikgeschichte. Dem würde ich nicht widersprechen. Auch beim berühmten NJF sind wir ihm ja schon mehrmals begegnet und Platten wie Saxophone Colossus und Way Out West kommen mit auf meine einsame Insel.
Seine bislang hier besprochenen Aufnahmen für Blue Note (BLP 1542 und BLP 1558) haben nicht ganz diesen Nimbus, aber wir sind mit seinen Aufnahmen für das Label noch nicht am Ende und ich kann schonmal vorwegnehmen, dass Live at the Village Vanguard ein weiterer Meilenstein ist. Hier und heute geht es jedoch um die letzte Studio-Aufnahme für Blue Note.
Newk’s Time (den Spitznamen „Newk“ erhielt Rollins wegen seiner Ähnlichkeit zum schwarzen Baseballstar Donald Newcombe) wurde am 22. September 1957 aufgenommen, aber erst im März 1959 veröffentlicht. Anscheinend konnte Lion nicht so schnell pressen lassen wie er aufnahm, denn qualitativ dürfte das Album zur Crème der Sessions aus 1957 gehören.
Schlechte Begleitmusiker gab es bei Blue Note eigentlich nie, aber selbst gemessen an den hohen Labelstandards ist das Team auf Newk’s Time erste Sahne. Philly Joe Jones war damals fest angestellt bei Miles Davis, ein Job, den man nicht einfach so bekam. Doug Watkins war einer der gefragtesten Session-Bassisten des Hard Bop und das galt ebenso für Wynton Kelly am Piano. Und alle sind hier in blendender Spiellaune...
… da kann eigentlich nur Gutes bei rumkommen und so ist es dann auch. Die dritte und letzte Studio-Session von Rollins für Blue Note ist mein persönlicher Favorit. Das liegt zum einen an der Begleitmannschaft, zum anderen aber natürlich auch an Rollins selber und am Material – es ist im besten Sinne unprätentiös, aber das gilt auch für die Interpretationen. Rollins versucht hier niemals, die Stücke bis in den hintersten Winkel solistisch zu durchleuchten, was er ja konnte, wenn er wollte. Das Ergebnis ist eine beseelte, gutgelaunte Platte, die klingt, als würde jeder der Beteiligten zwar konzentriert, aber unverkopft frei von der Leber spielen. Die Abwesenheit solistischer Exzesse hält das Album kurz, nach nicht einmal 35 Minuten ist es vorbei. Jede Seite bietet drei Stücke, von denen keines die sieben Minuten erreicht.
Auf Seite 1 gibt es gleich drei Uptempo Swinger: Miles Davis’ Tune Up, Asiatic Raes von Kenny Dorham, das uns auf seinem eigenen Album Quiet Kenny unter dem Titel Lotus Blossom begegnet ist und Wonderful! Wonderful!, ein zeitgenössicher Top-20-Hit des Sängers Johnny Mathis. Rollins hat einen wahrhaft herkulischen Ton, quasi das Nebelhorn des Hard Bop, und einen Solostil, zu dem mir nur das Attribut autoritär einfällt, aber im positiven Sinn: er klingt schlicht immer kontrolliert und konzentriert. Seine Beiträge sind voller Wendungen und Schlenker. Mal verzögert, mal beschleunigt er ansatzlos. Auf langgezogene Töne folgen unvermittelt Notenkaskaden, hier und da taucht plötzlich geisterhaft ein musikalisches Zitat auf, nur um im nächsten Moment wieder zu verschwinden. Ich bin kein Saxophonist, und sicher entgehen mir viele Feinheiten in Rollins’ Spiel, aber ihm zuzuhören, ist wie bei Messi zuzuschauen: man weiß nicht, wie er es macht, aber man ist jederzeit gebannt. Zu Rollins stentorischem Ton liefert der federleichte Kelly den passenden Kontrast: während seiner Improvisationen, die sich oft mit katzenhafter Eleganz in den höheren Registern des Pianos bewegen, setzt er mit der linken Hand kaum Akzente. So bekommen seine Soli eine schwerelose, unaggressive Qualität, die, wie ich finde, dieser Musik gut steht. Besonders aufgefallen ist mir das bei Asiatic Raes, das beim Thema zwischen einem latineskem Beat und einem schnellen Swing in der Bridge wechselt. Während des Solos von Rollins wird der Beat Switch beibehalten, bei Kelly geht’s direkt in den Swing und bleibt dort auch – dadurch entsteht der Eindruck, der Song habe nun den Bodenkontakt verloren, den er bei Rollins noch hatte.
Seite 2 startet mit einer Überraschung: The Surrey with the Fringe on Top als Duett zwischen Rollins und Philly Joe Jones. Gut sechs Minuten nur Drums und Saxophon – ist das zu asketisch? Nicht wirklich. Zum einen war Jones ein quicklebendiger Typ am Schlagzeug. Nur stoisch 4/4 zu spielen war so gar nicht sein Ding und ihm allein könnte man schon eine Weile zuhören, ohne dass die Gedanken zu wandern beginnen. Aber er ist ja nicht allein, sondern liefert sich mit Rollins einen wirklich unterhaltsamen Dialog und beim folgenden Blues for Philly Joe, dem einzigen Original der Platte, sind eh wieder alle an Bord. Auch dieses Stück geht ein ziemlich strammes Tempo und Kelly zeigt, dass er, wenn nötig, mal bluesig zulangen konnte. Watkins war ein walkender Titan am Bass, der wie kaum ein anderer mit langen Schritten die Changes durchmessen konnte und darf hier ebenfalls kurz ran. Ganz zum Schluss, beim gut dreiminütigen Namely You, wird die Temperatur zum ersten Mal runtergefahren – in einem gelassen schlendernden Midtempo nehmen wir Abschied vom Album. Zwischen den Themen liefern Kelly und Rollins kurze Beiträge, Jones kriegt noch ein paar Fours und dann war die Studiokarriere von Sonny Rollins bei Blue Note Geschichte. Seine letzte Aufnahme für das Label machte er im November 1957 im Jazz Club Village Vanguard, aber dazu ein anderes Mal mehr.
Fazit: Newk’s Time ist eine enorm kurzweilige, entspannte, aber nie lustlose Session mit einer phänomenal agilen, lebendigen Rhythmusgruppe und Rollins in Hochform. Hard Bop geht kaum besser.
Musik: *****
Sound: Auch der Klang stimmt. Rollins’ Horn steht lebensgroß vor dem überwältigten Hörer, das Piano von Kelly perlt wie Champagner aus den Speakern, die Drums von Jones klingen knackig und präsent, der Bass von Watkins hat sowohl Bauch als auch Definition – ich finde nichts zu meckern!
Verfügbarkeit: Im Frühjahr 2026 erhältlich als Teil der Blue Note Classic Vinyl Series.
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