Sonny Rollins - A Night at the "Village Vanguard"

Veröffentlicht am 2. Juni 2026 um 23:58

 

Sonny Rollins – A Night at the Village Vanguard

Blue Note BLP 1581, 11/1957, Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion

Sonny Rollins – ts; Wilbur Ware, Donald Bailey1 – b; Elvin Jones, Pete La Roca1 – ds

 

Side A:

1) Old Devil Moon

2) Softly, as in a Morning Sunrise

3) Striver’s Row

 

Side B:

1) Sonnymoon for Two

2) A Night in Tunisia1

3) I Can’t Get Started

 

Beinahe ein ganzes Jahrhundert wandelte Sonny Rollins, der Saxophon-Koloss und letzte Riese aus dem Mesozoikum des Jazz auf unserem Planeten. Nun ist er gegangen, aber eine Sache haben wir noch: seine Musik. Und zu A Night at the Village Vanguard, seinem letzten Album, das er für Blue Note einspielte, habe ich noch nichts gesagt, dabei ist es für viele, auch für mich, das Highlight in seinem Labelkatalog.

 

Inzwischen gibt’s von dem Album eine Archivausgabe in Blue Notes Tone Poet Series namens A Night at the Village Vanguard: The Complete Masters. Dazu später mehr1, aber hier soll es um die ursprüngliche LP gehen – eben genau die Auswahl von Stücken und genau die Dramaturgie, die für Generationen von Hörern, Kritikern und Musikern zu einem Klassiker der improvisierten Musik wurde.

 

Vor der Aufnahme hatte Rollins bereits ein paar Wochen im Vanguard hinter sich, während der er mit wechselnden Besetzungen – anfangs mit einem regulären Quintett nach Hard-Bop-Norm – und Musikern experimentierte, bevor er zu der Einsicht gelangte, dass ihm nur die harmonische Freiheit eines pianolosen Trios den Raum geben konnte, den er für seine Improvisationen brauchte. Die Band sollte auf ihn, und ihn allein zugeschnitten sein und er brauchte Leute, die in der Lage waren, ihm reaktionsschnell zu folgen, wenn die Situation es verlangte.

 

Aber selbst am Tag der Aufnahme gab es noch eine personelle Änderung: Das Album mag A Night at the Village Vanguard heißen, mitgeschnitten wurden jedoch zwei Sessions – die erste nachmittags mit Donald Bailey und Pete La Roca, die zweite am Abend mit Elvin Jones und Wilbur Ware. Legendenstatus erreichte das Abend-Trio, aber es spricht für La Roca und Bailey, die auf A Night in Tunisia spielen, dass man die Platte völlig bruchlos durchhören kann.

 

Zum Material: Wir bekommen sechs Titel, vier Standards und zwei Kompositionen von Rollins, Striver’s Row auf der ersten Seite und den Blues Sonnymoon for Two auf der zweiten. Bis auf die abschließende Ballade I Can’t Get Started bewegen sich die Stücke sämtlich in einem Spektrum von mittleren Tempi, nie zu langsam, nie überhitzend. Als wesentliche Unterscheidungsmerkmale wirken hier die markanten Melodien der einzelnen Titel und kleine Variationen bei der solistischen Rollenverteilung; das reicht aus, um ein Gefühl von Monotonie zu vermeiden.

 

Stand die Session zu Newk’s Time ein paar Monate vorher noch im Zeichen einer gewissen solistischen Selbstbeschränkung, so legt Rollins hier alle Fesseln ab. Da ihm kein anderes Melodieinstrument in die Quere kommt, kann er machen, was er will… und meistens will er dieses Mal die Stücke bis in den hintersten Winkel durchleuchten. Die Platte wirkt daher weniger freundlich-zugänglich als Newk’s Time, dafür aber künstlerisch ambitionierter, als wolle Rollins eine Bestandsaufnahme seiner Möglichkeiten präsentieren.

 

Und die fesseln auch nach knapp siebzig Jahren noch. Ich könnte den ausgedehnten Exkursionen von Rollins stundenlang zuhören. Jeder Song folgt dem gleichen Prinzip: Das Thema wird vorgestellt, fast ein wenig beiläufig, dann legt Rollins los und spielt und spielt… dabei scheinen ihm die Ideen nie auszugehen. Ich kann nicht hören, dass er sich wiederholt oder auf irgendwelche Phrasenbänke zurückgreift; er soliert, bis er das Gefühl hat, für den Augenblick, für diesen Titel, alles gesagt zu haben. In diesem Moment geht es entweder zurück zum Thema oder es schlägt die Stunde seiner Mitstreiter. Die folgen ihm auf dem Album wie musikalische Schatten. Elvin Jones, hier noch vor seiner Zeit bei Coltrane, aber bereits mit der hibbeligen Beweglichkeit, die selbst seine Begleitung interessanter macht als die Soli einiger Kollegen, kriegt in der Regel am Ende der Stücke Gelegenheit zu einer Reihe von Fours. Ware wiederum rückt bei Softly, as in a Morning Sunrise in den Fokus, wo er das Thema vorstellt und nach dem langen Beitrag von Rollins selbst ein großes Solo spielen darf.

 

Seine Wirkung auf mich erzielt A Night at the Village Vanguard jedoch als überwältigende Gesamterfahrung, weniger als Ansammlung einzelner Titel. Du legst die Platte auf und es geht ab. Das Energielevel bleibt bis zu I Can’t Get Started praktisch konstant, und wenn das Album und wir, die Hörer, dieses Stück erreichen, dann hat man die Verschnaufpause auch verdient. Gibt es dennoch Lieblingstitel? Vielleicht Softly... auf Seite 1, weil ich das Stück sowieso mag und das hier möglicherweise meine definitive Version ist. Und auf Seite 2 Sonnymoon for Two oder A Night in Tunisia mit dem jugendlichen Überschwang Pete La Rocas – er war neunzehn, als er diesen Gig spielte, da ging ich noch zur Schule.

 

Nach knapp vierzig Minuten Hochspannung kommt I Can’t Get Started mit seiner ruhigen Nachdenklichkeit in dramaturgischer Hinsicht gerade recht. Das gesamte Album transportiert dich in einen Jazzclub im New Yorker Greenwich Village vor fast siebzig Jahren, und I Can’t Get Started markiert das Ende eines atemlosen Sets. Zeit für eine kleine Pause, für ein Bier oder das nächste Glas Wein, weil man das gerade Gehörte erst einmal sacken lassen muss.

 

Fazit: A Night at the Village Vanguard zeigt einen entfesselten Sonny Rollins auf einem kreative Peak in Begleitung zweier phänomenal aufmerksamer und reaktionsschneller Rhythmusgruppen. Ein Meilenstein.

 

Musik: *****

 

Sound: Der Klang vermittelt packende Live-Atmosphäre, doch es gibt einen Haken: Rollins und Ware/Bailey sind gut eingefangen, aber die Becken der Drummer übersteuern ziemlich. Das Vergnügen an der Musik wird dadurch nicht groß geschmälert, und die Platte bleibt im Blue-Note-Kanon – aber als smarter Hintergrund zum Dinner mit Vorgesetzten gibt es Besseres.

 

Verfügbarkeit: Im Frühjahr 2026 als sehr aufwendige A Night at the Village Vanguard: The Complete Masters in Blue Notes Tone Poet Series erhältlich. Gut, aber mit ca. 80 € für viele prohibitiv teuer. Die ursprüngliche Platte auf Blue Note gibt es zurzeit nur gebraucht bei den einschlägigen Anbietern. Wer Neuware sucht, findet ein interessantes Angebot mit alternativem Cover (ein Session-Foto von Francis Wolff) und einem Bonus-Track für ca. 20 € beim Label Jazz Images/Elemental.


****

 

1Lohnen sich die Complete Masters in der Tone Poet Reihe? Kommt drauf an, was genau man sucht. Die klassische BLP 1581 ist mit ihrer sorgfältig kuratierten Auswahl an Stücken ist ein kanonisches Meisterwerk. Wer ein Gefühl für Rollins im puristischen Trio-Format auf einem ersten kreativen Höhepunkt sucht, der ist hiermit gut bedient.

 

Ist man aber erst einmal auf den Geschmack gekommen, dann führt am Ende kein Weg an den Complete Masters vorbei. Die Outtakes sind alles andere als Ausschuss – die Musik bewegt sich auf demselben Niveau und der Vibe stimmt ebenfalls. Langweilig wird es also nicht, obwohl sich irgendwann vermutlich doch eine gewisse Sättigung einstellen könnte.

 

Das Killerargument für diese Tone Poet Edition ist jedoch der Sound: Erst vor wenigen Jahren tauchten die echten Original-Masterbänder von Rudy Van Gelder wieder auf. Es stellte sich heraus, dass selbst die erste Blue-Note-Pressung von 1958 auf einem Band zweiter Generation (einer Kopie) basierte. Bei den Complete Masters hören wir also zum ersten Mal das tatsächliche Masterband – und damit die klanglich beste Version, die je existiert hat.

 

Kevin Gray hat die originalen Mono-Bänder direkt analog gemastert. Der Sound beamt den Hörer durch Raum und Zeit – du hörst das Klirren der Gläser im Village Vanguard, das Atmen von Rollins und den tiefen, holzigen Punch des Kontrabasses. Der klangliche Vorteil ist allerdings nur im direkten Vergleich hörbar. Absolut betrachtet klingen auch die regulären Ausgaben schon ordentlich.

 

Kurz: Wegen des überragenden Klangs, der liebevollen Aufmachung (Gatefold-Cover) und des informativen Booklets ist das Set seinen hohen Preis wert. Aber nicht alle brauchen drei Platten voller Rollins-Improvisationen, und diese Leute können viel Geld sparen. Eine reguläre Pressung – wie beispielsweise meine Cadre Rouge DMM-Ausgabe von Pathe Marconi aus den 1980ern – klingt gut und auch die Pressqualität lässt kaum Wünsche offen. Man kann entspannt gebraucht kaufen ohne qualitativ eklatant abzusteigen.



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