The Jazz Messengers

Veröffentlicht am 22. Mai 2026 um 00:22

 

The Jazz Messengers

 

Columbia CL 897; 04 & 05/1956; Engineer: Tony Janak (a.k.a. Jannick); Producer: George Avakian;

Donald Byrd – tp; Hank Mobley – ts; Horace Silver – p; Doug Watkins – b; Art Blakey – ds.

 

Side A:

1) Infra-Rae

2) Nica’s Dream

3) It’s You or No One

 

Side B:

1) Ecaroh

2) Carol’s Interlude

3) The End of a Love Affair

4) Hank’s Symphony

 

Hier, bei ihrem einzigen Gastspiel für Columbia, erleben wir das Finale des ursprünglichen Jazz-Messengers-Kollektivs. Loyalität war auch im Jazz eine seltene Qualität. Nach dieser Aufnahme verließ Silver die Band. Byrd, Mobley und Watkins nahm er gleich mit, um an seiner Idee von Hard Bop mit diszipliniert durcharrangierten Stücken zu feilen. Blakey dagegen sollte aus den Jazz Messengers, den Namen durfte er behalten, eine Art Kaderschmiede des Jazz formen. Zunächst holte er Trompeter Bill Hardman und am Altsax den jungen Jackie McLean - ein Freund des Blogs - in die Band, dazu kamen Sam Dockery am Piano und Spanky DeBrest am Bass.*

 

Um es vorwegzunehmen: Das letzte Aufbäumen der originalen Messengers verdient das Prädikat ehrenwert. Die Band präsentiert sich blendend eingespielt und in echter Spiellaune; von der ersten bis zur letzten Sekunde herrscht hochkonzentrierte Energie. Fünf der sieben Titel sind Eigenkompositionen – das unsterbliche Nica’s Dream von Silver erlebt hier seine Premiere, außerdem steuert er Ecaroh bei. Von Mobley stammen Infra-Rae, Carol’s Interlude und Hank’s Symphony. Dazu gibt’s mit It’s You Or No One und The End of a Love Affair zwei unaufgeregt groovende Standards.

 

Seltsamerweise sind alle Mobley-Kompositionen auf dem Album deutlich eingängiger als die Stücke auf seinem Debüt für Blue Note, das er ein paar Monate später einspielte. Vielleicht sorgte die Qualitätskontrolle von Silver und Blakey dafür, dass nur hochkarätiges Material den Weg auf das Album fand?

 

Was ebenfalls auffällt: Infra-Rae, Carol’s Interlude und besonders der Closer Hank’s Symphony sind klassische Hard-Bop-Workouts: hochoktanige, moll-gefärbte Knaller und Features für einen extrem lebhaften Blakey, der die Band mit seinem permanent variierenden Spiel antreibt, als würde er im Maschinenraum ständig Kohlen ins Feuer schaufeln. Byrd, Mobley und Silver reagieren auf Blakeys Wucht mit hellwachen, fokussierten Soli.

 

Im Gegensatz zu der Version auf Horace-Scope (wir berichteten) wird Nica’s Dream hier in epischer Länge von knapp zwölf Minuten gespielt. Ist das die definitive Version? Kann man diskutieren, mir gefällt sie jedenfalls ausgesprochen gut. Nach dem furiosen Infra-Rae nimmt es etwas Tempo aus dem Spiel, was der Dynamik der Platte guttut. Blakey sorgt auch hier mit ständigen Rhythmuswechseln für viel Bewegung, zeigt sich besonders in den latineskem Passagen aber zurückhaltend und sehr gruppendienlich. Dazu kommt, dass die inhärente Melancholie des Titels der Frontline wie auf den Leib geschneidert scheint. Donald Byrds heller, klagender Trompetenton bildet einen effektiven Kontrast zu Mobleys samtiger, minimal angerauter Kanne, während die Hard-Bop-Cops Blakey und Silver dafür sorgen, dass die beiden während ihrer langen Soli nicht mäandrieren.

 

Silvers zweiter Titel Ecaroh ist eine gewitzte Midtempo-Nummer mit einer absteigenden Melodie, die du nach ein paar Malen nicht mehr aus dem Ohr bekommst. Ursprünglich hatte er sie für Blue Note mit einem Trio eingespielt, aber die beiden Bläser verleihen dem Stück eine neue Dimension. Hier swingt Ecaroh mit so entspanntem Duktus, dass man kaum glauben kann, dass es von derselben Band stammt, die Infra-Rae und Hank’s Symphony eingespielt hat.

 

Zwei eingängige Standards runden das Programm ab. It’s You Or No One und The End of a Love Affair bieten am Ende der beiden Seiten mit lockerer Zugänglichkeit und Midtempo-Groove auch weniger genre-affinen Hörern Orientierung.

 

Fazit: The Jazz Messengers beschert der Ur-Version des gleichnamigen Ensembles einen Abgang mit Würde. Die Band klingt phänomenal geschlossen und das kompositorisch starke, eingängige Material bietet alle dynamischen Schattierungen zwischen kontrolliert simmernd bis heftig brodelnd. Kurz darauf sollten sich die Wege von Silver und Blakey trennen. In seiner Autobiographie Let’s Get to the Nitty Gritty nennt der Pianist als einen der Gründe die Suchtprobleme Blakeys. Davon jedoch ist auf dem Album nichts zu hören.

 

Musik: ****1/2

 

Sound: Columbias Toningenieure setzten damals Maßstäbe. Die Rückseite des Albums enthält eine ganze Spalte zu den Details der Aufnahmetechnik und einer Garantie (!), dass Albumkäufer Klangtreue an der Grenze der technischen Machbarkeit erleben. Es waren andere, qualitätsbewusstere Zeiten!

 

Verfügbarkeit auf Vinyl: Aktuelle Columbia-Reissues gibt es im Frühjahr 2026 nicht; als günstige Alternative bleibt eine ordentliche Ausgabe auf Waxtime mit dem Bonus-Track Ill Wind. Um die 20€.

 

 

* Im Laufe ihrer langen Existenz sollten die Jazz Messengers ihre Besetzung so häufig wechseln, ab Mitte der 1960er fast im Albumtakt, dass es schwer wurde, den Überblick zu behalten. Auf Hardman folgten Lee Morgan, Freddie Hubbard, erneut Morgan. Die Saxophonisten wechselten noch rascher: nach McLean kam Johnny Griffin, dann Benny Golson, erneut Mobley für ein kurzes Gastspiel, bevor schließlich Wayne Shorter für fünf Jahre eine ungewöhnlich stabile Phase einleutete. Für Piano und Bass galt Ähnliches. Das Resultat – Blakeys Alben klingen eigentlich nie gleich. Erst um 1961 stellte sich mit einem Kern aus Cedar Walton (p), Hubbard (tp) und Shorter (ts) eine gewisse Kontinuität ein.

 

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