Cliff Jordan & John Gilmore – Blowing In From Chicago
Blue Note BLP 1549, 03/57, Engineer: Rudy van Gelder, Producer: Alfred Lion
Cliff Jordan, John Gilmore – ts; Horace Silver – p; Curly Russell – b; Art Blakey – ds;
Side A:
1) Status Quo
2) Bo-Till
3) Blue Lights
Side B:
1) Billie’s Bounce
2) Evil Eye
3) Everywhere
John Gilmores Gastspiel auf Andrew Hills Andrew!!! gab den Ausschlag, mich einmal mit Blowing In From Chicago zu beschäftigen, dem Album, das Gilmore gemeinsam mit Cliff Jordan, einem weiteren Tenorsaxophonisten aus Chicago, im März 1957 für Blue Note einspielte. Für beide war es das Labeldebüt, für Jordan sogar, soweit ich weiß, seine erste professionelle Aufnahme überhaupt. Gilmore dagegen spielte seit 1953 mit Sun Ras Arkestra und hatte bereits auf mehreren Alben mitgewirkt.
Beide Protagonisten kannten sich seit ihrer Jugend und absolvierten ihre Ausbildung unter Captain Walter Dyett, der an der DuSable High School praktisch eine Ein-Mann-Kaderschmiede des Chicago Jazz aufgebaut hatte. Etlichen seiner Musiker sind wir in diesem Blog schon begegnet, wie dem Bassisten Wilbur Ware und den Saxophonisten John Jenkins (Alt) und Johnny Griffin (Tenor).
Gemäß den Liner Notes zum Album nennen sowohl Gilmore als auch Jordan Saxophonisten mit mächtigem Ton als Vorbilder, darunter Gene Ammons, Don Byas und Sonny Rollins. Ihre Live-Erfahrung sammelten sie in den Clubs der Stadt, häufig in R&B-Bands, und bei Jam Sessions, wo man sich entweder behauptete oder unterging. Und auf Blowing In From Chicago hörst du diese toughe Schule: Bei beiden klingen die Nebelhörner der Tenortradition, Ammons und Rollins, noch nach, sie spielen mit einem körperlichen, kernigen Ton und ordentlich Druck. Das heißt allerdings nicht, dass Gilmore und Jordan reine Epigonen sind. Tonal mögen sie sich ähnlich sein, aber stilistisch gingen sie bereits in unterschiedliche Richtungen. Gilmore ist auch hier schon kantiger und härter, Jordan in der Tendenz weicher, lyrischer. Dennoch ist die Frontline aus zwei klanglich recht ähnlichen Tenorsaxophonen für mich die Achillesferse des Albums. Blowing In From Chicago ist keineswegs schwach, aber man muss schon ein ausgemachter Freund des Instruments sein, um sich nicht dann und wann beim Genuss des Albums eine weitere Klangfarbe zu wünschen.
Wenn das Album in der heiß umkämpften Jazz-Szene New Yorks eine Duftmarke setzen sollte, dann sind die Stücke und die Begleitmannschaft gut gewählt. Es gibt drei kräftige Uptempo-Swinger: Das boppige Status Quo, eine Komposition von John Neely (ein weiterer Musiker aus Chicago), Charlie Parkers Billie’s Bounce und Horace Silvers Everywhere. Dazu gesellen sich zwei Nummern von Jordan, der schon hier beweist, dass er eingängige Melodien komponieren kann: Bo-Till, dessen Thema mit einem lockeren Latin-Beat unterlegt ist, und den Moll-Blues Evil Eye auf der zweiten Seite, beides Medium-Swinger. Komplettiert wird das Set von Gigi Gryces Blue Lights, wie Evil Eye ein Swinger in Moll.
Damit jedoch kommen wir zu einem zweiten Punkt, der manchen Hörern Probleme bereiten könnte: Bei den Tempi tut sich nicht allzu viel, das Spektrum von flottem Mid- bis Uptempo muss reichen. Da kann man von Glück reden, dass die Begleitmannschaft veritabler Hard-Bop-Adel ist: Art Blakey am Schlagzeug entfacht wie immer mächtig Feuer, unterstützt von Dillon „Curly“ Russell am Bass, einem echten New Yorker Sessionveteranen, der seit den 1940ern auf zahlreichen Schlüsselaufnahmen mitgewirkt hatte, und Horace Silver am Piano.
Wie gesagt, mit seiner Wucht und Drive kann das Album beeindrucken. Dass jedes Stück swingt, versteht sich bei dem Team von selbst. Trotzdem frage ich mich, ob man hier bei der Auswahl des Materials nicht doch zu sehr auf Sturm und Drang gesetzt hat. Gleich vom Start weg nämlich drücken Gilmore und Jordan einen mit ihrer Front aus zwei Tenorsaxophonen regelrecht in den Sessel, der Effekt erinnert mich an die großen Bläsersätze und Tenor Battles aus der Swing-Ära. Raffinierte Arrangements sind eher Fehlanzeige – meist geht es Unisono zur Sache, lediglich in der latinesken Verschnaufpause im Thema von Bo-Till gibt’s ein bisschen Kontrapunkt. Unisono-Sätze können durchaus wirken, wie bei den Moll-Swingern Blue Lights und Evil Eye. Aber die Dosis macht das Gift...
... und die bereits angesprochene tonale Ähnlichkeit der beiden Protagonisten: Auch auf der bereits besprochenen Monk’s Music spielen zwei Tenöre: Altmeister Coleman Hawkins und der junge John Coltrane. Ihre stilistischen und klanglichen Unterschiede sind allerdings ausgeprägt und sorgen für interessante Kontraste. Das empfinde ich bei Gilmore und Jordan weniger, obwohl man die beiden bei genauerem Hinhören durchaus unterscheiden kann.
Jedoch hört man eben nicht die ganze Zeit genau hin, man will es gar nicht. In der Regel legt man eine Platte auf und lässt sie einfach durchlaufen. Aber tut man das mit Blowing In From Chicago, dann hat man schnell den Eindruck, ständig Tenorsaxophon zu hören, oft auch noch in gefühlt demselben Tempo, lediglich ab und zu unterbrochen von einem Piano-Solo und ganz sporadisch von Soli der Rhythmiker. Manchmal ist man sogar unsicher, in welchem Stück man sich gerade befindet. Kein Riesendrama, denn sobald man sich konzentriert, wird es auch wieder interessanter. Aber wenn das Album nach gut vierzig Minuten zu Ende ist, dann habe zumindest ich auch erst einmal genug.
Fazit: Dass Blowing In From Chicago der Status eines Labelklassikers verwehrt blieb, verwundert im Nachhinein nicht. Gilmore und Jordan spielen zwar mit Verve und die Band swingt, aber die Stücke bewegen sich in einem engen Tempokorridor und die Klangfarben der beiden Tenorsaxophone liegen nah beieinander. So fehlt dem Album innere Dynamik. Ich will die Platte nicht dissen, vermutlich ist sie für Freunde Gilmores und/oder Jordans interessant. Für alle anderen jedoch gibt es in Blue Notes klassischem Hard-Bop-Katalog reichlich Alternativen.
Musik: ***1/2
Sound: Großenteils solide, mit kräftigen Klangfarben bei den Saxophonen. Aber ab und zu gibt es auch leicht überpräsente Höhen, besonders bei Blakeys Beckenarbeit.
Verfügbarkeit: Im Frühherbst 2026 tricky. Von Blue Note gibt es keine aktuelle Ausgabe, aber MCPS (Rat Pack) hat vor ein paar Jahren die Platte in einer preiswerten Neuausgabe rausgebracht, die man sporadisch noch bekommt. Um die 25 €.
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