John Jenkins with Kenny Burrell

Veröffentlicht am 30. April 2026 um 15:35

 

John Jenkins with Kenny Burrell

 

Blue Note BLP 1573; 08/1957; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion

John Jenkins – as; Kenny Burrell – g; Sonny Clark – p; Paul Chambers – b; Dannie Richmond – ds.

 

Side A:

1) From This Moment On

2) Motif

3) Everything I Have is Yours

 

Side B:

1) Sharon

2) Chalumeau

3) Blues for Two

 

Über den Altsaxofonisten John Jenkins weiß man nur wenig. Blue Note beauftragte seinerzeit den bekannten Jazzkritiker Ira Gitler, die Liner Notes für Jenkins’ erstes (und einziges) Album als Leader für das Label zu schreiben. Gitler merkt an: „Blue Note's listeners first heard him with Hank Mobley on Blue Note LP 1560. He had emerged from the vast unknown.“

 

Der breiten Öffentlichkeit mochte Jenkins tatsächlich unbekannt gewesen sein, aber ein wenig wusste man doch. Er wurde am 3. Januar 1931 in Chicago geboren und lernte das Saxofonspiel bei Capt. Walter Dyett an der Du Sable High School. Diese Schule war eine richtige Talentschmiede des Jazz, zu ihren Absolventen zählen illustre Namen. Einigen von ihnen sind reguläre NJF-Leser auch schon begegnet: den Bassisten Wilbur Ware (zu hören auf J.R. Monterose) und Richard Davis (auf Andrew Hills großartigem Judgment! und, nur nebenbei, er sorgte auch für den unwirklichen Vibe auf Van Morrisons Astral Weeks) sowie dem Saxofonisten Johnny Griffin. Ob Captain Dyett jemals erfahren hat, welchen Beitrag er zum 1950er Hard Bop geleistet hat?

 

Wie auch immer. Jenkins zog im März 1957 nach New York und hatte bald seine ersten Studio-Gigs. Im April ging er mit den Prestige All Stars ins Studio, um eine Blowing Session namens Coolin’ einzuspielen. Auch bei Blue Note muss man auf ihn aufmerksam geworden sein, denn eine Woche später war er Sideman bei Hank Mobleys Hank. Im Juni war er Gast auf Clifford Jordans Labeldebüt und im August durfte er schließlich als Leader ins Studio.

 

Ein wenig ungewöhnlich war die Crew, die ihm dabei zur Seite stand: Lediglich Gitarrist Kenny Burrell und Bassist Paul Chambers gehörten zum regulären Labelteam. Pianist Sonny Clark spielte hier seine erste Session für Blue Note (der aber noch viele folgen sollten, darunter etliche Klassiker), Schlagzeuger Dannie Richmond war Teil des Ensembles von Charles Mingus, dem auch Jenkins kurz angehört hatte, man war sich also nicht völlig fremd.

 

Wenn ich eine Aufnahme bespreche, dann frage ich mich immer, was daran besonders ist, wie sie sich von den unzähligen anderen abhebt. Hier sind das vor allem zwei Aspekte: Zum einen ist es die besondere Klangfarbe der Frontline aus Altsax und Gitarre – hell und leicht, aber nicht schwerelos, und ausgesprochen beweglich. Zum anderen sollte die Studiokarriere von Jenkins kurz bleiben. Im Jahr 1957 war er gefühlt monatlich im Studio, ab 1958 jedoch hörte man nichts mehr von ihm… bis er sich 1990 unverhofft als Gast auf Play What You Feel von Clifford Jordans Big Band noch einmal meldete, danach verstummte er endgültig.

 

Das Material auf BLP 1573 (die Platte trägt als Titel schlicht John Jenkins, oft liest man auch John Jenkins with Kenny Burrell, aber das findet sich so weder auf der Plattenhülle noch auf dem Label. Ich benutze die Katalognummer, um Missverständnissen vorzubeugen), ist im besten Sinne solides Soul Food zwischen Bebop und Hard Bop. Hier wird harmonisch das Rad nicht neu erfunden und es gibt keine Hochgeschwindigkeitsjagden, bei denen einem der Atem stockt. Stattdessen bekommen wir zwei Standards, drei Kompositionen von Jenkins und einen Blues von Burrell. Den Anfang mach Cole Porters From This Moment On, ein Swinger in einem strammen Tempo, das von Jenkins Altsax im A-Teil vorgetragen wird, Burrell übernimmt die Bridge.

 

Normalerweise bin ich mit Aussagen über mögliche Einflüsse auf Musiker vorsichtig, aber bei Jenkins spürt man den Geist Charlie Parkers doch sehr. From This Moment On und Jenkins’ Blues Motif klingen, als hätte sie auch zehn Jahre vorher auf Savoy erscheinen können. Sowohl der Ton von Jenkins als auch sein Solostil wirken fast unheimlich parkeresk. Ich will Jenkins damit nicht verurteilen, denn mit diesem Problem (wenn es überhaupt eins war) stand er nicht allein. Selbst ein furchtloser musikalischer Entdecker und Individualist wie Jackie McLean musste sich in den späten 1950ern erst einmal von Parker emanzipieren. Und es gibt schlechtere Vorbilder: Auf From This Moment On besticht Jenkins jedenfalls mit überwiegend lyrischer, flüssiger Phrasierung, die im musikalischen Sinne etwas cooler (und im Ton milder) klingt als beispielsweise der angesprochene McLean.

 

Mit Kenny Burrell hatte man einen wirklich kongenialen Partner ins Boot geholt, dessen unaufgeregter, bluesgeprägter Stil das Altsax von Jenkins hervorragend komplementiert. Haben sich Jenkins und Burrell das Thema bei From This Moment On noch geteilt – erst Jenkins, dann Burrell in der Bridge – so spielen sie, nach einer Einleitung durch den beweglichen Chambers, den Blues Motif unisono. Die Kombination Altsax/Gitarre gab es nicht alle Tage und sie verleiht dem Klang des Albums einen fast kammermusikalischen Ton und eine Leichtigkeit, die bei den vorherrschenden entspannt swingenden Midtempi gut funktioniert. 

Aber auch bei der Ballade Everything I Have is Yours, einem stillen Juwel, auf dem Jenkins, Burrell und Clark in ihren Soli mit spärlich gesetzten Noten eine entspannte spätabendliche Stimmung zaubern...

 

… die allerdings auf Seite 2 nicht mehr aufgegriffen wird. Hier bekommen wir in den beiden Jenkins-Nummern Sharon und Chalumeau (ich wusste auch nicht, was das Wort bedeutet: es bezeichnet das tiefe Register der Klarinette, Jenkins’ erstem Instrument) zwei unbeschwerte Titel in einem durchgehenden Midtempo-Swing, Chalumeau glänzt sogar mit einem dezenten Kontrapunkt im Thema. Die beiden geschmeidig groovenden Stücke laufen nie Gefahr, zu überhitzen, aber nach knapp vierzehn Minuten davon ist man doch froh, dass die Musik auf Kenny Burrells riff-basierten Blues for Two im Tempo noch einmal anzieht. Für mich ist Blues for Two, trotz der Simplizität des Materials, das Highlight der zweiten Seite, weil es einfach höllisch swingt. Burrell und Jenkins stellen das Thema unisono vor, während Clark die beiden mit Klavierakkorden antreibt wie ein Jockey sein Pferd. Clark, Burrell und Jenkins schütteln dann Soli aus dem Handgelenk, die trotz des forschen Tempos enorm locker bleiben und gerade deshalb mächtigen Drive entwickeln. Zuletzt kommen dann auch die Herren von der Rhythmusabteilung zu Worte: Chambers mit einem gestrichenen Solo, Richmond kriegt ein paar Breaks vor der Coda.

 

Am Ende der ungefähr vierzig Minuten von BLP 1573 fragt man sich, warum man von Jenkins kaum noch etwas gehört hat. Aus heutiger Sicht ist das Album mehr als nur anständig,. Es setzt keine Maßstäbe neu, steht aber qualitativ vielen anderen in Blue Notes 1500 Series nicht nach, den zeitgleichen Veröffentlichungen auf Prestige schon gar nicht. Wo lag das Problem?

 

Schwer zu sagen. Vielleicht daran, dass Jenkins noch nicht über ein so klares künstlerisches Profil verfügte wie manche seiner Labelgenossen; vielleicht war 1957 aber auch einfach ein unglaubliches Jahr für Blue Note, in dem ein Newcomer wie Jenkins zwischen den Meilensteinen von etablierten Musikern wie Sonny Rollins (Vol. 2), John Coltrane (Blue Train) und Lee Morgan (Vol. 3) schlicht unterging.

 

Fazit: BLP 1573 mag keine kanonische Blue-Note-Aufnahme sein, aber es wäre schade, wenn die Platte komplett in Vergessenheit geriete. Zum einen bietet sie die Gelegenheit, einen Musiker zu hören, dessen Œuvre schmal bleiben sollte, zum anderen haben wir es mit handwerklich makellosem Jazz zu tun, dessen elastisch federnde Zugänglichkeit auch genre-fremde Hörer abholen dürfte.

 

Musik: ***1/2

 

Sound: Gute Monoaufnahme mit kräftigem, dynamischem und farbstarkem Instrumentenklang.

 

Verfügbarkeit auf Vinyl: im Frühling 2026 gibt es keine Neuauflage von Blue Note, aber vor einigen Jahren erschien eine gut gemachte Ausgabe von Doxy, die auch heute noch für ca. 20€ zu haben ist. Wer eine Blue Note möchte, muss sich auf dem Gebrauchtmarkt umschauen, wo man japanische Ausgaben wie meine ab ca.45€ bekommt.

 

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