Tina Brooks - Back to the Tracks

Veröffentlicht am 15. Oktober 2026 um 08:33

 

Tina Brooks – Back to the Tracks

 

Blue Note ST-84052 (unreleased); 09*&10/1960; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion

Blue Mitchell – tp, Tina Brooks – ts; Jackie McLean – as*; Kenny Drew – p; Paul Chambers – b; Art Taylor – ds.

 

Side A:

1) Back to the Tracks

2) Street Singer*

 

Side B:

1) The Blues and I

2) For Heaven’s Sake

3) The Ruby and the Pearl

 

Chronologisch war Back to the Tracks die dritte Session, die Tina Brooks als Leader für Blue Note aufnahm. Wie sein Debüt Minor Move von 1958, mit Lee Morgan an seiner Seite, blieb auch dieses Album zunächst unveröffentlicht. Die Gründe dafür sind bis heute unklar. Belegt ist allerdings, dass Blue Note die Veröffentlichung unter dem Titel Back to the Tracks und der Katalognummer BLP 4052 vorgesehen hatte, nur kam es nie dazu. Zum ersten Mal erschienen die Aufnahmen 1985 in einer Box von Mosaic Records mit sämtlichen Blue-Note-Sessions von Brooks als Leader beziehungsweise Co-Leader. Seit 1990 gibt es das Album auch als Einzelausgabe.

 

Gleich vorweg – ich halte Back to the Tracks für eine äußerst gelungene Hard-Bop-Session und mag es sogar mehr als das allgemein höher eingeschätzte True Blue. Das liegt weniger am Material – Brooks hatte wirklich ein Händchen für exquisite Melodien, aber auch für die Auswahl von Fremdkompositionen, die atmosphärisch zum Rest einer Session passten – sondern in erster Linie an seinem Partner: Blue Mitchell mag nicht über die überragende Technik und das Feuer von Freddie Hubbard verfügt haben, aber für mich passt sein singender, leicht melancholischer Ton ganz hervorragend zum ähnlich veranlagten Brooks. Zugegeben, das habe ich von Freddie Hubbard auf True Blue auch behauptet, allerdings ist es dort mehr der Kontrast, der den Reiz ausmacht, hier dagegen eine empfundene Geistesverwandtschaft.

 

Auf dem Album finden sich fünf Stücke von zwei Sessions: Im September spielte Brooks auf einem Date, das nominell unter der Führung Jackie McLeans stand (veröffentlicht unter dem Titel Jackie’s Bag, BLP4051). Seine Komposition Street Singer schaffte es nicht auf das Album von McLean und komplettiert hier vier Quintett-Aufnahmen aus dem Oktober 1960.

 

Ein Grund, weshalb Back to the Tracks nicht den stellaren Nimbus von True Blue genießt, liegt vielleicht in den Kompositionen, die Brooks zu den Alben beisteuert. Auf True Blue waren es noch fünf, hier sind es „nur“ drei, darunter zwei Blues in einem ähnlichen, strammen Midtempo: Back to the Tracks und The Blues and I sind, man kann es nicht leugnen, Welpen aus demselben Wurf. Brooks reizt hier sein Talent für melodische Komplexität definitiv weniger aus als etwa auf dem Marathon Good Old Soul mit seinem anderthalb-minütigen Thema.

 

Macht mir persönlich aber gar nichts. Dafür swingen unsere beiden Blues mit einem unglaublich lockeren, fast schon lässigen Puls, der es den Solisten leicht macht. Der Ton von Brooks hat eine leichte Rauigkeit, die seinen Soli Kante verleiht. Er denkt in langen Linien, immer wieder unterbrochen von kleinen Pausen; man bekommt bei ihm keine Sheets of Sound (© Ira Gitler) wie bei Coltrane, aber diese Ökonomie passt zum Material: Sie bremst den Swing niemals aus, weil jeder Ton sitzt. Das gilt auch für meinen Lieblingstrompeter Blue Mitchell. Selten, ganz selten, hört man bei ihm Notenkaskaden, und wenn, dann nur kurz: Es gibt den einen oder anderen Takt bei The Ruby and the Pearl, da scheint er mal Sechzehntel zu spielen, aber der Spuk ist schnell vorbei. Generell haben die Soli von Brooks und Mitchell eine gesangliche Qualität – man kann sie mitsingen, ohne dass einem die Luft ausgeht und auch deswegen passen Brooks und Mitchell so gut zusammen.

 

Gerade bei den Blues lohnt es sich auch, dem Dritten im Bunde Aufmerksamkeit zu schenken. Pianist Kenny Drew war ein gestandener Hard Bopper, der ab Mitte der 1950er etliche Alben als Leader und Sideman eingespielt hatte, wenn auch eher für Labels außerhalb des Orbits von Blue Note, wie etwa Riverside. Bei Blue Note traf man ihn eher selten – er hatte 1953 ein Album in der Reihe New Faces – New Sounds als Leader aufgenommen und als Sideman bei Coltranes Blue Train und Jackie McLeans Jackie’s Bag mitgewirkt. Allein seine Teilnahme bei Blue Train hätte ihm einen Eintrag in die Annalen des Hard Bop gesichert, aber er zeigt sich auch auf Back to the Tracks als geschmackvoll-sparsamer Begleiter, der den Leuten an der Front nie zu dicht auf die Pelle rückt, sondern ihnen diskret ein harmonisches Sicherheitsnetz webt – es ist da, wenn man es braucht, aber im Alltag bemerkt man es kaum. Seine Beiträge als Solist sind ähnlich raffiniert wie die von Duke Pearson auf Idle Moments: Oberflächlich tut sich nicht viel, hört man jedoch genauer hin, dann erkennt man eine stringente innere Dramaturgie. Sie entwickeln kontinuierlich mehr Drive, ohne jemals in Schweiß auszubrechen; oszillieren zwischen Single-Note-Linien und Reihen von Blockakkorden.

 

Okay, bei den Blues, so sehr ich sie mag, hat sich Brooks keinen Wolf komponiert, aber die Freunde seiner größer angelegten Titel werden nicht vergessen: Das zehnminütige Street Singer klingt wie eine Fortsetzung von Good Old Soul und ist ähnlich komplex – auch hier entfaltet sich das Thema mit seiner dramatischen, moll-getränkten Melodie über mehr als anderthalb Minuten. Wir bekommen ein langes, klagendes Solo des Leaders mit mehreren überblasenen dramatischen Peaks. Es folgen Mitchell (sparsam, latent melancholisch), McLean (Heiß? Kalt? Man weiß es bei ihm nie so ganz), Drew (mal bluesig, mal locker perlend) und Chambers kriegt auch noch einen halben Chorus. Zum Abschluss des Albums gibt es einen Titel, der einen ähnlichen Ton anschlägt: ein wahres melodisches Moll-Pralinchen. Das Intro klingt wie der Soundtrack zu einem Märchen aus 1001 Nacht; nach dem Thema wechselt das Stück in einen wehmütig gefärbten, dennoch stramm swingenden Groove. Kaum ein Titel klingt mehr nach Brooks, dabei ist The Ruby and the Pearl noch nicht einmal von ihm, sondern eine von zwei Fremdkompositionen. Die erste ist die verträumte Ballade For Heaven’s Sake, die für einen stillen Moment zwischen den Swingern und einen willkommenen dynamischen Kontrast sorgt.

 

Fazit: Dass Back to the Tracks jahrzehntelang unveröffentlicht blieb, ist kaum zu glauben. Wer abwechslungsreichen Hard Bop mit starken Melodien und tightem Gruppensound mag, findet hier eine Platte nahe an der Perfektion. Tina Brooks und Blue Mitchell teilen dieselbe musikalische Haltung; Paul Chambers und Art Taylor gießen dazu ein erdbebensicheres Fundament. Pianist Drew hält sich meistens dezent im Hintergrund, liefert aber clevere Soli, wenn es drauf ankommt.



Musik: ****1/2

 

Sound: Klanglich rundum überzeugendes Album.

 

Verfügbarkeit auf Vinyl: Back to the Tracks ist das einzige Album von Tina Brooks, das im Spätsommer 2026 kaum zu bekommen ist. Selbst gebraucht nur mit Mühe zu finden, und wenn, dann wird’s teuer. Meine Classic Records Mono-Version auf 200g Quiex Vinyl gibt es derzeit einmal bei Discogs für knapp 100 €.

 

 

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