Andrew Hill - Andrew!!!

Veröffentlicht am 7. Oktober 2026 um 10:53

 

Andrew Hill – Andrew!!!

Blue Note BST 84203, 06/64, Engineer: Rudy van Gelder, Producer: Alfred Lion

Andrew Hill – p; John Gilmore – ts; Bobby Hutcherson – vib; Richard Davis – b; Joe Chambers – ds;

 

Side A:

1) The Groits (The Griots)

2) Black Monday

3) Duplicity

 

Side B:

1) Le Serpent Qui Danse

2) No Doubt

3) Symmetry

 

Nach der kleinen Bootstour auf dem Mainstream des Hard Bop mit den Three Sounds und Sonny Clark war es wieder Zeit für ein bisschen Andrew Hill. Musikalisch residiert Hill im Katalog von Blue Note am entgegengesetzten Ende von Crowd-Pleasern wie den Three Sounds. Kurioserweise teilt er aber ausgerechnet mit ihnen eine fast besessene Fixierung Alfred Lions mit seiner Musik, die ihn -Lion- in einen regelrechten Aufnahmerausch versetzte und eine Flut von Sessions innerhalb kurzer Zeit hervorbrachte. In nicht einmal acht Monaten – von Anfang November 1963 bis zum Juni 1964 – ging Hill fünf Mal als Leader für Blue Note ins Studio. Aber, wie schon bei den Three Sounds, wurde auch bei ihm quasi auf Vorrat eingespielt, von den fünf Sessions erschienen 1964 lediglich Black Fire und Judgment!, Point of Departure folgte 1965, ein weiteres Jahr später erschien Smokestack und auf Andrew!!! musste man gar bis zum Jahr 1968 warten. Wie schon bei Dance With Death wird es an der Qualität des Materials nicht gelegen haben, denn auch Andrew!!!, soviel vorweg, ist in meinen Augen ein Album, bei dem die Investition einer intensiven Beschäftigung reichlich Dividende abwirft.

 

Die fünf Alben mögen zeitlich in kurzen Abständen eingespielt worden sein, aber anders als bei den Three Sounds sorgen bei Hill wechselnde Besetzungen und instrumentelle Farben dafür, dass jedes einen eigenständigen Charakter besitzt. Alleinstellungsmerkmal von Andrew!!! ist die seltene Gelegenheit, John Gilmore, den regulären Tenorsaxophonisten von Sun Ra, im Kontext von Blue Note zu hören. Abgesehen von Blowing in From Chicago, einer Hard-Bop-Session aus dem Jahr 1957, die Gilmore als Co-Leader mit Clifford Jordan aufnahm, hört man ihn auf dem Label nur bei zwei Aufnahmen mit Hill. Das zweite Melodieinstrument kennen wir allerdings schon von Hills Judgment!, es sind die asketischen Vibes von Bobby Hutcherson. Auch der Bassist ist ein alter Freund des Blogs, nämlich Richard Davis, immer gern gerufen, wenn es harmonisch in freiere Gewässer ging, und ebenfalls auf Judgment! schon dabei. Am Schlagzeug schließlich saß der blutjunge Joe Chambers, der an diesem Tag seinen 22. Geburtstag feierte und seine zweite Session für Blue Note spielte.

 

Auch bei Andrew!!! reicht bereits ein flüchtiger Blick auf die Titel der Stücke, um zu wissen, dass wir hier keinen Hard Bop nach Schema F erwarten dürfen. The Groits, da ist Blue Note tatsächlich mal ein Druckfehler unterlaufen, hieß wohl eigentlich The Griots. Ich musste auch nachschlagen: Griots sind traditionelle Barden, Geschichtenerzähler und Bewahrer mündlicher Überlieferung in Westafrika. Das Thema besteht aus etwas, das ich nur als melodische Oszillation um ein fünftoniges Motiv beschreiben kann. So schwer fassbar wie die Melodie ist auch der Rhythmus – mal scheint es im 4/4 zu swingen, aber dann lösen Hill und besonders das dynamische Duo aus Davis und Chambers den Beat mit Synkopierungen und sich verschiebenden Akzenten so weit auf, dass man vielleicht noch ein rhythmisches Gefüge hat, einen Puls, aber keinen eindeutigen Takt – zumindest keinen stetigen, zwischendurch blitzt er jedoch immer wieder mal auf. Hill spielt ein recht langes Solo, bei dem die Gestalt des Themas hinter seinen Notenclustern und rhythmischen Figuren immer wieder durchzuschimmern scheint, dazu gibt es Passagen, bei denen er seine rechte Hand auf Reisen über die Klaviatur schickt, nie ganz innerhalb, nie ganz außerhalb der Tonalität. Der einzige weitere Solist hier ist Richard Davis, ein Bruder im Geiste – auch er tonal und rhythmisch schwer festzunageln. Weder der Song noch die Soli sind so frei, dass sie kein tonales Zentrum hätten, aber dieses Zentrum ist schwer zu greifen, scheint sich immer wieder zu verschieben.

 

Black Monday ist eine Ballade, deren Reiz nicht so sehr in ihrer eingänglichen Melodie liegt, sondern vielmehr in einer herbstlich verhaltenen Stimmung, die das Stück generiert. Es besitzt grundsätzlich einen Moll-Charakter, aus dem es aber immer wieder ausschert, sodass es letztlich harmonisch offen wirkt. Wenn die Solisten zu Wort kommen, dann wirkt es, als wären sie frei – in dem Sinne, dass sie selbst entscheiden können, wohin ihre Soli gehen. (Wobei diese Beobachtung eigentlich für alle Titel von Hill gilt). Hutcherson ist der erste Solist und bewegt sich  mit seinen langen Linien und gelegentlichen bluesigen Trillern so elegant durch das Stück, dass sein Spiel etwas Schwereloses hat. Aber die Entdeckung des Albums ist für mich John Gilmore, der hier erstmals soliert und sich auf diesem schwierigen Terrain glänzend zurechtfindet. Mit sonorem, vibratofreien Ton spielt er längere lyrische Passagen, die zwischendurch immer mal wieder kurz in überblasenen Eruptionen gipfeln und der Musik eine schroffere Kante geben als Hutchersons Vibraphon.

 

Duplicity beendet Seite 1 mit einer unheilvollen, aggressiven Note, die Musik ragt vor dem Hörer auf wie eine dunkle Gewitterfront. Joe Chambers und besonders Richard Davis kreieren einen stark treibenden 4/4-Beat, der eher zickig auf den Punkt spielt statt locker zu swingen. Über dem latent hektischen Puls wagt sich die Musik noch weiter in dissonante Grenzregionen, Gilmore klingt hier härter und zupackender als auf Black Monday. Davis bekommt ein weiteres Solo, das voller Wendungen und Ideen steckt – Ketten von Staccato-Noten über mehrere Register, Verzögerungen, Beschleunigungen, clevere Pausen. Eigentlich kein typisches Kontrabass-Solo, eher ein Solo, das zufällig auf einem Kontrabass eingespielt wurde, und das mit einer Virtuosität, die gerade deswegen so beeindruckt, weil sie so leichtfüßig daherkommt. Auch Hill soliert. Über ihn liest man oft Vergleiche mit Monk, aber ich finde, damit tut man seiner Eigenständigkeit Unrecht. Hill ist Hill, definitiv. Eine Gemeinsamkeit allerdings teilt er mit Monk – seine Soli kreisen immer um die melodische Zelle des Themas, mal enger, mal kaum noch wahrnehmbar, genaues Hinhören lohnt sich bei Hill immer.

 

Seite 2 setzt das rhythmische und melodische Verwirrspiel fort. Schon der Titel von Le Serpent Qui Danse lässt im Kopf seltsame Bilder wie aus einem Fiebertraum entstehen, dazu passt die Musik. Das Thema, ich nenne das jetzt mal so, besteht aus Notenwirbeln, die sich schlangengleich zu drehen und zu winden scheinen, immer wieder abrupt abbrechen und neu ansetzen. Darunter legen Davis und der phänomenale Chambers einen so konstanten Puls, dass es beinahe müßig erscheint, überhaupt noch im traditionellen Sinn von Takten zu sprechen. Ich muss dabei an musikalischen Treibsand denken, den man als Solist nur schwebend überqueren kann. Diese seltsame, undefinierbare Stimmung greift übrigens auch das abschließende Symmetry noch einmal auf. Dazwischen liegt zum Glück für den Hörer, dessen Kompass möglicherweise durch Le Serpent dekalibriert ist, das meditative No Doubt. Damit wir uns allerdings nicht missverstehen – meditativ ist es lediglich in seiner Stille, es wirkt wie eine Pause während eines intensiven Gladiatorenkampfes. Von großen Schmachtfetzen des Jazz wie My One and Only Love sind wir auch hier Lichtjahre entfernt.

 

Fazit: Ähnlich wie Dance with Death hielt auch Andrew!!! einen mehrjährigen Dornröschenschlaf, der keinesfalls mit zweifelhafter Qualität erklärt werden kann. Im Gegenteil. Auch wenn ich unmöglich sagen kann, welches Album von Hill mein liebstes ist – Andrew!!! gehört sicher zu den Highlights in seinem Katalog auf Blue Note, zumal es mit Bobby Hutcherson und John Gilmore zwei unverwechselbare Melodiestimmen gibt. Besonders Gilmore hört man außerhalb des Universums von Sun Ra nicht oft, da muss man jede Gelegenheit nutzen. Wie immer: Hill macht es einem nicht leicht, aber das gehört dazu.

 

Musik: *****

 

Sound: Exzellent.

 

Verfügbarkeit: Im Frühherbst 2026 gibt es Andrew!!! in Blue Notes Tone Poet Series. Schöne Platte, aber ca. 40 €.

 

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