Tina Brooks - Minor Move

Veröffentlicht am 29. Oktober 2026 um 16:47

 

Tina Brooks – Minor Move

 

Blue Note B0030487-01 (Tone Poet); 03/1958; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion

Lee Morgan – tp, Tina Brooks – ts; Sonny Clark – p; Doug Watkins – b; Art Blakey – ds.

 

Side A:

1) Nutville

2) The Way You Look Tonight

 

Side B:

1) Star Eyes

2) Minor Move

3) Everything Happens to Me

 

Am 16. März 1958, ziemlich genau drei Jahre vor The Waiting Game, das seine Aufnahmekarriere bei Blue Note beschliessen sollte, stand Tina Brooks zum ersten Mal als Leader für das Label im Studio, um Minor Move einzuspielen. Vorher hatte er zweimal bei Aufnahmen unter der Führung von Jimmy Smith gastiert und dabei wohl Alfred Lion ausreichend beeindruckt, so dass dieser ihm, wie bei Blue Note üblich, ein eigenes Date anbot.

 

Wenn das Line-up Rückschlüsse auf Lions Begeisterung zulässt, dann muss er große Hoffnungen in Brooks gesetzt haben, denn zur Session von Minor Move hatte er Blue Notes Hochadel des Hard Bop einbestellt: Lee Morgan war zwar zur Zeit der Aufnahme noch keine zwanzig, aber bereits ein etablierter Labelstar mit mehreren eigenen Alben und Sideman-Gigs für Leute wie Hank Mobley, Jimmy Smith und Clifford Jordan. Tatsächlich hatten Morgan und Brooks auf einer der Blowing-Sessions* für Jimmy Smith im Februar 1958 schon zusammengespielt, bei dieser Gelegenheit hatte Brooks auch Drummer Art Blakey kennengelernt. Lediglich Bassist Doug Watkins und Pianist Sonny Clark waren Neuzugänge, aber beide kamen mit tadellosen Referenzen und der Mitwirkung an Hard-Bop-Klassikern wie Sonny Rollins’ Saxophone Colossus (Watkins) beziehungsweise Sonny’s Crib (Clarks eigenes Album) in der Vita.

 

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Das Leben meinte es nicht gerade gut mit Tina Brooks. Minor Move war das erste seiner Alben, das trotz aller Qualitäten (s. u.) zunächst unveröffentlicht in den Labelarchiven landete. Dort sollte es zweiundzwanzig Jahre im Dornröschenschlaf liegen, ehe japanische Hard-Bop-Archäologen es wachküssten.

 

Brooks war ein begnadeter Komponist, der auf seinen späteren Platten komplexe Meisterwerke wie Good Old Soul schaffen sollte, Stücke mit verschachtelten, mäandrierenden Themen und groß angelegten Melodiebögen, die sich teilweise über Minuten entfalteten. So weit ist er auf Minor Move noch nicht. Das Material ist durchaus attraktiv, aber wenig revolutionär. Es gibt insgesamt fünf Titel, zwei davon von Brooks: Der Blues Nutville ist vergleichsweise konventionell, beim 40-taktigen Thema von Minor Move dagegen denkt er schon größer. Dazu kommen drei ausgesprochen hörerfreundliche Standards: das schnelle The Way You Look Tonight und Star Eyes sind aufmunternde Swinger, während Everything Happens to Me die Platte besinnlich ausklingen lässt.

 

Kompositorisch mag Minor Move an Brooks’ Spätwerk nicht heranreichen, aber es ist dennoch für mein Empfinden eine starke Session. Ich mag den frühen Lee Morgan von Alben wie Lee Morgan Vol.3 und Candy wegen der jugendlichen Unbekümmertheit und Zuversicht, mit der er durch die Musik brettert, besonders in den schnellen Nummern. Er geht gefühlt völlig angstfrei in jedes Stück, in jedes Solo. Diese jugendliche Energie und Frische spürt man auch hier, wenn er zum Beispiel im Gassenhauer The Way You Look Tonight mit strahlender Attacke die Bridge schmettert und beim Solo die Noten aus seinem Horn perlen wie Champagnerblasen.

 

Brooks bildet mit seinem verhalteneren Ansatz einen stilistischen Kontrast. Bei ihm bekommen wir keine Gimmicks wie Morgans insistierende Triller, sondern lange geschmeidige Linien. Sein Ton ist immer ein wenig rau und changiert, je nach Titel, zwischen Nachdenklichkeit und Zuversicht. Der dritte Solist im Bunde ist Sonny Clark, dessen Beiträge dank seiner beweglichen rechten Hand und der spärlich gesetzten Akkorde immer schwerelos wirken und der Musik eine funkelnde Eleganz verleihen.

 

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Ein paar Worte zum Material: Nutville, ein Blues von Brooks, der locker im Midtempo swingt, eröffnet Seite 1 mit einer aufsteigenden Melodie, die durch ihre Synkopierung klingt, als würde sie ein Bein nachziehen. Das ist vielleicht nicht unbedingt schön, setzt sich aber wie mit Widerhaken im Ohr fest und schert auch aus den Blues-Kompositionen nach Schema F aus, wie man sie beispielsweise bei Gene Harris von den Three Sounds oder auch Lou Donaldson findet.

 

The Way You Look Tonight ist der längste Titel des Albums: ein optimistischer, geradezu übermütiger Uptempo-Swinger, dessen ansteckend guter Laune sich selbst der notorisch melancholische NJF nicht entziehen kann. Morgan, Brooks und Clark bekommen Raum für ausgedehnte Soli, auch Blakey darf am Ende ein paar Fours spielen.

 

Auf Seite 2 gibt’s mit Star Eyes einen weiteren Standard im Midtempo. Star Eyes bietet eines dieser Themen, die so eingängig sind, dass du sie nach einem Durchgang mitsingen kannst. Bei der Vorstellung des Themas übernimmt Brooks den A- und Morgan den B-Teil – so viel Arrangement wie nötig, aber auch nicht mehr.

 

Minor Move dagegen deutet die Richtung an, in die Brooks kompositorisch gehen sollte: ein komplexes Thema in Moll mit kontrapunktischen Bewegungen der Bläser, getragen von einem latinesken Beat. Während der Soli von Brooks, Morgan und Clark swingt das Stück in einem munteren Midtempo.

 

Nach einer knappen Einleitung von Clark gehört die Melodie von Everything Happens to Me Brooks allein, dessen rauchiger Ton der kontemplativen Ballade hervorragend steht. Auch der sonst so energiegeladene Morgan nimmt in seinem Solo den Fuß vom Gas und bleibt weitgehend im mittleren Register, während Clark mit seiner unvergleichlichen Leichtigkeit besticht. Brooks genehmigt sich selbst hier das längste Solo und singt mit flehendem Ton von einer besseren Welt.

 

Fazit: Auch wenn es in meinen Augen die Qualitäten seiner Nachfolger nicht ganz erreicht, ist Minor Move nicht nur für Brooks-Komplettisten interessant. Wer den für Blue Note typischen Hard Bop der späten 1950er mag, wird reich beschenkt: Eine erstklassige Band interpretiert drei eingängige Standards und zwei Stücke des Leaders, wobei besonders das Titelstück Brooks’ kompositorisches Talent mehr als nur andeutet.

 

Musik: ****

 

Sound: Minor Move überzeugt mit einem Klang, der aus den Mitten kommt. Besonders Tenorsaxophon und Trompete besitzen glaubhafte Timbres. Auch die Balance stimmt: Kein Instrument wird unterbelichtet oder ungebührlich hervorgehoben.

 

Verfügbarkeit auf Vinyl: Schon 2019 in Blue Notes Tone Poet Series veröffentlicht und auch noch ganz gut zu bekommen – nicht an jeder Ecke, aber sicher bei den großen Online-Händlern. Um die 40 €.

 

* Das Material dieser Session wurde auf zwei Alben verteilt: The Sermon und House Party zählen heute beide zum Smith-Kanon. Komplettiert wurden sie von Titeln aus einer älteren Session ohne Brooks. 

 

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