Tina Brooks - The Waiting Game

Veröffentlicht am 20. Oktober 2026 um 23:11

 

Tina Brooks – The Waiting Game

 

Blue Note ST-40536; 03/1961; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion

Johnny Coles – tp, Tina Brooks – ts; Kenny Drew – p; Wilbur Ware – b; Philly Joe Jones – ds.

 

Side A:

1) Talkin’ About

2) One for Myrtle

3) Dhyana

 

Side B:

1) David the King

2) Stranger in Paradise

3) The Waiting Game

 

Einer Frage, der man irgendwann im Leben nicht mehr ausweichen kann, ist natürlich die nach seinem Lieblingsalbum von Tina Brooks. Der kritische Konsens scheint True Blue zu sein, aber ich möchte eine Lanze brechen für seine letzten beiden Platten, auch wenn er deren Veröffentlichung nicht mehr erleben sollte: das erst kürzlich besprochene Back to the Tracks und The Waiting Game, nicht nur Brooks’ letzte Aufnahme als Leader, sondern seine allerletzte überhaupt.

 

Er spielte danach wohl noch eine Weile in der Bronx, in kleinen Clubs und mit wechselnden Besetzungen, ging aber nie wieder ins Studio. Seine Heroinsucht konnte er nicht abschütteln und sein Gesundheitszustand verschlechterte sich zunehmend, in seinen letzten Jahren gab er das Saxophonspiel auf. Am 13. August 1974 starb Tina Brooks an Leberversagen, gerade mal 42 Jahre alt.

 

****

 

Was spricht für The Waiting Game? Es ist ziemlich müßig, darüber zu streiten, ob jetzt Duke Jordan/Sam Jones/Art Taylor (True Blue), Kenny Drew/Paul Chambers/Art Taylor (Back to the Tracks) oder Drew/Wilbur Ware/Philly Joe Jones die tighteste Rhythmusgruppe waren. Spielen konnten alle und jede(r) von uns wird seine Favoriten haben. Unter den großen Hard-Bop-Drummern ist mir Philly Joe Jones vielleicht der liebste, aber das geht nicht so weit, dass ich alleine deswegen einem Album den Vorzug geben würde.

 

Wichtiger ist da schon der Partner an der Trompete: dieses Mal ist es Johnny Coles, der hier übrigens zum ersten Mal für Blue Note im Studio war. Viel sollte nicht folgen: 1963 nahm er Little Johnny C. auf, seine einzige Platte als Leader, darüber hinaus spielte er als Sideman auf Sessions von Grant Green und Horace Parlan. 1969 hörte man ihn noch einmal auf Herbie Hancocks The Prisoner, danach war bei Blue Note Schluss für ihn.

 

Meine Schwäche für Blue Mitchell habe ich in diesem Blog schon öfter erwähnt, aber Coles mag ich auch. Stilistisch steht er Blue Mitchell näher als Freddie Hubbard, Tina Brooks’ Partner auf True Blue – Coles spielt ähnlich ökonomisch, eher wenig spektakulär und verzichtet auf Showeinlagen. Sein Ton ist heller und strahlender als der von Mitchell, hat aber gleichzeitig auch etwas Samtiges, fast wie ein Flügelhorn.

 

Bleibt das Material: Wie schon auf True Blue, so stammen auch hier fünf der sechs Stücke von Brooks. Das sechste, Stranger in Paradise, war ein Hit für Tony Bennett und stammt ursprünglich von einem Broadwaymusical namens Kismet.

 

Das Album startet fulminant und erstaunlich optimistisch, angesichts von Brooks’ sonst oft erkennbarem Hang zur Melancholie. Talkin’ About ist fast schon Soul-Jazz: ein stramm shuffelnder, gospelgefärbter Blues, den Drew mit seinen Blockakkorden vor sich her treibt. Das erste Solo gehört Coles, der keine Note mehr spielt als nötig und seinen Beitrag mit bluesig gequetschten Tönen würzt (Fachterminus: Halbventiltechnik), sehr cool, dann fleht Brooks mit leicht rauem Ton. Drews Solo greift mit bluesigen Trillern und weiteren Reihen von Blockakkorden den beseelten Vibe auf und sogar Ware darf vor der Coda ein paar Chorusse walken. Echtes Club-Futter! Das leicht boppige One for Myrtle geht ein hohes Tempo und alle fünf Musiker dürfen solieren. Am interessantesten finde ich dabei Drew, der hier mit längeren, perlenden Linien quasi einen Kontrast zu sich selbst auf Talkin’ About setzt.

 

Kompositorisch sind Talkin’ About und One for Myrtle keineswegs schwach (Talkin’ About ist relativ simpel, aber das muss erstens nicht schlecht sein und gehört zweitens bei einem Blues eh meist dazu), doch man hört ein Brooks-Album eigentlich in der Hoffnung auf seine wehmütigen Schmachtfetzen. Diese Hoffnung wird zum ersten Mal von Dhyana bedient, einem versonnenen Moll-Swinger. Brooks spielt ein Solo mit langen, fließenden Linien, gefolgt von Coles, der mich hier phasenweise an den Miles Davis von Sketches of Spain erinnert, und das bezieht sich sowohl auf die nachdenkliche Stimmung im Solo als auch auf den ein oder anderen Halbventil-Akzent.

 

Der Opener von Seite 2 liefert die nächste Perle in Moll: David the King sollte eigentlich schon auf Back to the Tracks erscheinen, aber man bekam keinen Take hin, der für eine Veröffentlichung gut genug war. Michael Cuscuna bescheinigt dem Stück in den Liner Notes eine orientalische Färbung (Middle Eastern Flavour), die der vermeintliche Bibelbezug des Titels ja auch nahelegt.* Aber ich bin mir nicht sicher, ob Middle Eastern den Kern trifft. Die Melodie ist durchaus sehnsuchtsvoll, ich höre da jedoch keine arabischen Untertöne. Vielleicht geht es eher in Richtung jüdischer oder osteuropäischer Musik. Egal, das Stück ist ein weiteres elegisches Highlight...

 

… wie auch Stranger in Paradise, dessen Thema Brooks alleine vorträgt. Eine gut gewählte Fremdkomposition, weil sie vom Temperament zu den Eigenkompositionen passt. Crooner Tony Bennett hatte damit in den frühen 1950ern einen Hit; bei ihm klingt Stranger in Paradise balladesk, eine melancholische Reflexion über das Glück. Brooks et al. gehen es schneller an, in einem flotten Midtempo. Die Temperatur steigt, aber an der Stimmung ändert sich nichts.

 

Das passiert erst im abschließenden Titelstück. The Waiting Game beschließt die Platte hochoktanig, lediglich One for Myrtle ist noch schneller. Es swingt, es burnt, und alle Solisten liefern, aber so recht will sich das Thema bei mir nicht im Langzeitgedächtnis verankern. Wie schon bei Talkin’ About und One for Myrtle – anständig und im Albumkontext stimmig, trotzdem hätte ich Brooks zum Abschluss seiner Plattenkarriere noch einmal einen seiner großen, nachtdunklen Entwürfe gegönnt, zu denen er fähig war wie kaum ein Zweiter.

 

Fazit: Nach True Blue und Back to the Tracks liefert auch The Waiting Game Hard Bop der obersten Güteklasse. Auch hier ist kaum fassbar, dass diese abwechslungsreiche Platte mit ihren markanten, eingängigen Titeln und einer formidablen Band so lange unveröffentlicht blieb.

 

Bleibt jetzt noch die Frage nach meinem Lieblingsalbum von Tina Brooks – ein interessanter Aspekt der vier Alben auf Blue Note ist, dass jedes einen anderen Trompeter präsentiert und jeder davon auf seine Art überzeugt. Wer Freddie Hubbard mag, wird vermutlich True Blue lieben, ähnliches gilt für die Alben mit Blue Mitchell und Johnny Coles. Thematisch tut sich zwischen diesen dreien nicht viel, alle gehören zum Besten, was der Hard Bop Anfang der 1960er zu bieten hatte. Wenn ich nur eine behalten dürfte: Back to the Tracks.

 

Musik: ****1/2

 

Sound: The Waiting Game überzeugt auch klanglich, allerdings hat van Gelder dem Schlagzeug ein bisschen übereifrig Hall beigemischt. Kein Drama, aber auffällig genug, um es hier zu erwähnen.

 

Verfügbarkeit auf Vinyl: The Waiting Game wurde 2021 in Blue Notes schöner Tone Poet Series veröffentlicht und ist auch noch zu bekommen. Angebote unter 40 € sind Mangelware, trotzdem: es lohnt sich!

 

*Cuscuna, der sich bei Blue Note ja wirklich auskannte, stellt auch den vermeintlichen Bibelbezug infrage: Er vermutet, der Titel sei eine Referenz an Brooks’ Vater und/oder älteren Bruder, die beide David hießen.

 

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