Lee Morgan – Vol. 3
Blue Note BLP 1557; 0/1957; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion
Benny Golson – ts, fl*; Lee Morgan – tp; Gigi Gryce – as; Wynton Kelly – p; Paul Chambers – b; Charlie Persip – ds.
Side A:
1) Hasaan’s Dream*
2) Domingo
Side B:
1) I Remember Clifford
2) Mesabi Chant
3) Tip-Toeing
Die Geschichte des Jazz ist reich an Wunderkindern, die unvermittelt auf der Szene auftauchen und bereits über einen fast voll entwickelten persönlichen Stil verfügen. Sonny Rollins, Jackie McLean und Clifford Brown waren bei ihren Debüts als Leader kaum älter als zwanzig, aber Lee Morgan schießt den Vogel ab: Bei seinen ersten Aufnahmen für Blue Note (Lee Morgan Indeed!, BLP 1538; und Lee Morgan Sextet, BLP 1541) war er gerade achtzehn Jahre alt – und neunzehn bei Lee Morgan Vol. 3, seiner dritten Einspielung für das Label.
Das Trio von Morgans frühen Aufnahmen für Blue Note gilt als labeltypischer Hard Bop, aber es lohnt sich, hier ein bisschen genauer hinzuhören. Sie sind nämlich mehr als nur eine Bühne für Morgans außergewöhnliches Talent. Alle drei Platten sind wesentlich geprägt von seinen beiden Mitstreitern Owen Marshall und Benny Golson, die für den Großteil der Kompositionen sorgten. (Lediglich auf BLP 1538 finden wir jeweils ein Stück von Horace Silver und Donald Byrd, der Rest geht auf die Kappe von Marshall und Golson).
Beim NJF kennen wir Golson bereits von seiner Arbeit mit Art Blakey und Lem Winchester sowie einem Album unter eigenem Namen, aber über den geheimnisvollen Marshall finde ich so gut wie nichts. Wenigstens verraten uns Leonard Feathers Liner Notes auf BLP1538, dass er ein Trompeter und Pianist aus Philadelphia war, der sich auf den ersten beiden Alben als Komponist und Arrangeur profilierte. Erst auf Vol.3 übernimmt Golson allein das musikalische Ruder.
Marshall schrieb eingängige, aber nie simple Stücke, die sich, ähnlich wie Golsons Arbeiten, von der melodischen Magerkost einiger zeitgenössischer Aufnahmen abheben. Doch nach den Sessions mit Lee Morgan verliert sich seine Spur. Erst im Jahre 1975 hört man wieder von einem Owen Marshall, wobei nicht wirklich feststeht, dass wir es mit derselben Person zu tun haben. Unter dem Namen „Captain Puff“ erschien im Selbstverlag das eigenwillige und bizarre The Naked Truth; ein Album, das sich jeder Kategorisierung entzieht (am ehesten „Free Spiritual Jazz/Noise“) und heute nur noch digital über Bandcamp zu bekommen ist.
Zurück zu Lee Morgan Vol. 3. Golson ist hier nicht nur alleiniger Komponist, sondern spielt auch Tenorsaxofon und arrangiert die Stücke. Für einen aufstrebenden Jungstar wie Morgan sicherlich keine schlechte Idee, denn im Hard Bop lieferte niemand eingängigere Titel; außerdem wusste Golson, wie man eine Gruppe gut klingen lässt.
Ergänzt werden Morgan und Golson vom Altsaxofonisten Gigi Gryce, einem „Ornithologen“ (© Ira Gitler), der jedoch gerade dabei war, sich von Parkers Einfluss zu emanzipieren. Er sollte sich vor seinem vollständigen Rückzug aus dem Jazz 1962/3 (die Datenlage ist unklar) ebenfalls als Komponist und Arrangeur einen Namen machen. Am Piano saß Wynton Kelly, Paul Chambers bediente den Bass. Morgan und Golson kannten Schlagzeuger Charlie Persip von ihrem Job bei Dizzy Gillespie. Kein wirklich geläufiger Name, aber er war Gast auf unzähligen Hard-Bop-Sessions. Bei Blue Note tauchte er selten auf (man hört ihn allerdings auch auf BLP 1541), eher traf man ihn bei Prestige oder Riverside.
Die drei frühen Aufnahmen Morgans für Blue Note haben alle ihren Reiz, aber Volume 3 macht auf mich den geschlossensten Eindruck. Golson scheint seinen Auftrag, für die Kompositionen und Arrangements zu sorgen, so ernst genommen zu haben, dass Alfred Lion ihn bat, die Gedanken hinter den Stücken in den Liner Notes zu skizzieren. Ganz ehrlich: Dass hinter dem exotisch klingenden Hasaan’s Dream (das Gryce im Thema auf der Flöte statt seinem Altsax vorstellt) eine Idee von Arabien steckt, die wohl eher von Disney als den Nachrichten geprägt war, hätte ich nicht unbedingt wissen müssen. Ansonsten aber bekommt man interessante Einblicke in Golsons kreativen Prozess und Persönlichkeit.
Auf den religiösen Bezug von Domingo, einem federnden Swinger, wäre ich von alleine nicht gekommen, auch nicht darauf, dass das listig schleichende Tip-Toeing mit seinem bluesigen Unterton einer Technik von Drummer Persip gewidmet ist. Und Mesabi? Klingt irgendwie afrikanisch, aber der Mesabi Chant, eine weitere up-tempo Nummer – das „Chant“ im Titel bezieht sich wohl eher auf die Mollfärbung als das Tempo – besingt die Mesabi Flats, eine Gegend in… Minnesota. Gut zu wissen!
Als größte Herausforderung aber empfand Golson die Hommage an seinen verstorbenen Freund, den Trompeter Clifford Brown: „I worked with this melody for three weeks, trying to get a melody that would be reminiscent of him and the way he played.“ (Drei Wochen lang habe ich an diesem Thema gefeilt, um eine Melodie zu finden, die seinen Ton und Haltung einfängt.) Die Mühe hat sich gelohnt. Die Ballade I Remember Clifford ist nicht nur der schönste Titel dieser Session mit einem erstaunlichen Beitrag von Lee Morgan, sondern wurde zur vielleicht bekanntesten Komposition Golsons überhaupt und gehört heute zu den großen Jazz-Standards.
Wie gesagt: die ersten drei Alben von Lee Morgan auf Blue Note gefallen mir alle, aber wenn ich nur eine haben dürfte, dann wäre es Volume 3. Obwohl nicht mal ein halbes Jahr zwischen Indeed! und Vol.3 liegt, wirkt Morgan hier sicherer, entschlossener, mehr bei sich – vielleicht eine Folge der zahlreichen Sessions und Begegnungen mit den Hard-Bop-Assen New Yorks. Dass alle Kompositionen und Arrangements aus Benny Golsons Hand kommen, verleiht der Platte eine einheitliche Klangästhetik. Dazu eröffnen Golsons eingängige, aber nie seichte (dafür sind sie zu komplex) und oft leicht versonnen klingende Melodien der Fantasie von Hörern und Solisten viel Freiraum. Wie immer bei Blue Note ist die Rhythmusgruppe über jeden Zweifel erhaben.
Musik: ****
Sound: klassischer Rudy Van Gelder – direkt, präsent, gut durchhörbar. Meine Pressung von Classic Records war teuer, neigt im Hochton jedoch zu Übersteuerungen. Da mir dieses Phänomen auch bei anderen Classic-Records-Ausgaben begegnet ist, dürfte die Ursache kaum bei RVG liegen.
Verfügbarkeit auf Vinyl: im Winter 2025/26 etwas tricky. Von Blue Note nur gebraucht, von Sowing gab es eine Ausgabe in Clear Vinyl für ca. 25€, aber auch die ist derzeit ausverkauft.
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