Tina Brooks - True Blue

Veröffentlicht am 31. Juli 2026 um 00:40

 

Tina Brooks True Blue

 

Blue Note ST-84041; 06/1960; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion

Freddie Hubbard – tp, Tina Brooks – ts; Duke Jordan – p; Sam Jones – b; Art Taylor – ds.

 

Side A:

1) Good Old Soul

2) Up Tight’s Creek

3) Theme for Doris

 

Side B:

1) True Blue

2) Miss Hazel

3) Nothing Ever Changes my Love for You

 

Der Jazz ist reich an tragischen Helden, und einigen davon sind wir in diesem Blog auch schon begegnet – Leute wie Ernie Henry, Sonny Clark und Herbie Nichols haben uns zu früh verlassen und ihr Œuvre blieb schmal. Auch Harold „Tina“ Brooks ging in seinem kurzen Leben nur viermal als Leader ins Studio. True Blue war die einzige Session, die noch zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurde.

 

Brooks wurde am 7. Juni 1932 in Fayetteville, North Carolina, geboren und zog als Kind mit seiner Familie nach New York. Weil er als Kind klein und schmächtig war, erhielt er schon früh den Spitznamen „Tina“ (von „teeny“ = winzig). Er wuchs in einer musikalischen Familie auf; zum Saxofon gelangte er durch seinen älteren Bruder David „Bubba“ Brooks, einen erfolgreichen Tenorsaxofonisten in R&B-Bands. Tina folgte seinem Bruder und trat in den frühen 1950er-Jahren mit R&B-Ensembles in New York auf. Ab 1955 war er Mitglied im Orchester von Lionel Hampton und begann, tiefer in den Jazz einzutauchen.

 

Zwischen 1951 (einem Sideman-Gig mit Sonny Thompson) und 1958 sind keine Aufnahmen von Tina Brooks bekannt, aber in diesen Jahren muss er sich durch intensives Studium, unermüdliches Üben und das Stahlbad von Sessions in den New Yorker Clubs zu einem ernsthaften Instrumentalisten entwickelt haben. Schließlich wurde Blue Notes Alfred Lion auf ihn aufmerksam und erkannte sein immenses Talent. Im Februar 1958 spielte Tina Brooks auf House Party von Jimmy Smith seine erste Session als Sideman für Blue Note.

 

Von 1958 bis 1961 erlebte Brooks seine produktivste Phase. Er spielte als Sideman auf Alben von Freddie Redd, Jackie McLean und Freddie Hubbard. Man schätzte ihn als feinsinnigen Solisten, aber auch als ernstzunehmenden Komponisten: So steuerte er beispielsweise Gypsy Blue und Open Sesame zu Freddie Hubbards gleichnamigem Debütalbum bei.

 

Viermal ging er für Blue Note als Leader ins Studio und alle Alben haben ihren Reiz, nicht zuletzt wegen der unterschiedlichen Trompeter, die ihm dabei zur Seite standen. Bei Minor Move (03/1958) war das Lee Morgan; es folgten Freddie Hubbard auf True Blue (06/1960), Blue Mitchell auf Back to the Tracks (10/1960) und schließlich Johnny Coles auf The Waiting Game (03/1961). Tragischerweise veröffentlichte Blue Note zu Brooks' Lebzeiten nur True Blue. Die übrigen Aufnahmen, obwohl in meinen Augen künstlerisch ebenbürtig, blieben aus kommerziellen und organisatorischen Gründen im Archiv bis zu ihrer Wiederentdeckung in den 1980er-Jahren.

 

Brooks’ Karriere wurde von seiner schweren Heroinabhängigkeit überschattet und Mitte der 1960er-Jahre zog er sich komplett aus der Musikszene zurück. Am 13. August 1974 starb er verarmt und weitgehend vergessen im Alter von 42 Jahren an Leberversagen. Sein Erbe blieb leider schmal, aber die Aufnahmen, die er uns hinterlassen hat, sind allesamt hochkarätig und viel zu gut, um vergessen zu werden.

 

****

 

Zu True Blue: Brooks war gerade erst mit Freddie Hubbard im Studio gewesen, um bei dessen Labeldebüt Open Sesame mitzuwirken, ein paar Tage später revanchierte sich Hubbard. Brooks klang gut in Gesellschaft mit Trompetern. Wenn ich ihn höre, denke ich an Hank Mobley mit Kante: auch Brooks bewegte sich vorzugsweise im mittleren Register und hatte einen samtigen Tenorsound, den er jedoch gerne leicht anraute, sodass sein Spiel expressiver wirkt als Mobleys.

 

Neben seinem geschmeidigen, mühelosen Saxofonspiel waren Brooks' Markenzeichen eingängige, aber zuweilen hochkomplexe Kompositionen, oft moll-gefärbt und mit Latin-Beats unterlegt, die gängige Hard-Bop-Formate weit hinter sich ließen. Auf True Blue gibt es fünf Titel von Brooks, aber den Vogel schießt Good Old Soul ab: Einschließlich eines kurzen Intros braucht die Band fast anderthalb Minuten, um das mäandrierende Thema vorzustellen.

 

Ira Gitler beschreibt das Stück in den Liner Notes als „down and dirty“. Kann ich ehrlich gesagt nicht nachvollziehen. Wenn hier überhaupt ein Stück down and dirty ist, dann noch am ehesten das Titelstück True Blue, ein Blues – wobei auch der kein ganz normaler 12-Takter ist. Good Old Soul dagegen schreitet mit langen, spärlich gesetzten Noten durch tiefes Moll, das lediglich in einer kurzen Bridge durch ein lichteres Dur aufgehellt wird. Hubbard und Brooks spielen das Thema gemeinsam: Das erdige Tenor von Brooks hält den Bodenkontakt, während Hubbard zu Höhenflügen ansetzt. Ähnlich wie Open Sesame hat auch dieses Stück einen fanfarenartigen Charakter, mit dem sich die beiden Hauptdarsteller des Albums anzukündigen scheinen. Brooks nimmt, wie meistens hier, das erste und längste Solo mit seinem leicht überblasenen Ton und einem flüssigen Stil ohne Blues-Klischees; es folgt Hubbard, technisch virtuos wie auf seinem eigenen Album, aber weniger forciert.

 

Der dritte Solist auf Good Old Soul und dem Rest des Albums ist ein alter Bekannter, den man jedoch nicht allzu oft hört: Duke Jordan, der hier als Gast mit tadellosen Manieren glänzt. Stets elegant und zurückhaltend, sowohl in der Begleitung wie auch in seinen eigenen Beiträgen, die niemals ausufern oder zu expressiv werden. Bei ihm kriegt man keine Blockakkorde, aber er klingt auch nie unverbindlich. Die Motorisierung besorgen Sam Jones am Bass und der unverwüstliche Art Taylor an den Drums.

 

Die latente Traurigkeit vieler Stücke von Brooks zieht sich wie ein roter Faden durch die Platte. Eine Ausnahme macht eigentlich nur der boppige Swinger Up Tight’s Creek, der noch am ehesten ein reines Vehikel zum Solieren ist. Selbst ein Blues – das Titelstück True Blue – klingt während der Soli moll-lastig. Seltsamerweise nicht so sehr im Thema selbst, das melodisch und rhythmisch extrem verschachtelt ist. Man weiß gar nicht, was gerade passiert: Da ist eine Schleife von Staccato-Noten, die erst vom Hörer wegzulaufen scheinen und dann wieder zurückkehren. Die Melodie, eigentlich eher ein Riff, wird unisono von Jones und Jordan durchgespielt. Brooks und Hubbard gesellen sich manchmal dazu, manchmal lösen sie sich und spielen eine zweite Melodie darüber. Während der Soli riffen Jones und Jordan konsequent weiter; das Stück bekommt dadurch eine gewisse Sperrigkeit, ohne aber gleich akademisch zu wirken. Und irgendwie swingt es sogar, trotz allem. Dennoch scheint es folgerichtig, dass man sich am Ende die Coda spart und einfach ausblendet.

 

Fazit: Manche betrachten True Blue als Opus Magnum von Tina Brooks und heimliches Meisterwerk im Labelkatalog von Blue Note. Heimliches Meisterwerk würde ich noch unterschreiben, weniger sicher bin ich mir bei der Stellung des Albums in Brooks' überschaubarer Diskografie. Seine Platten waren nämlich alle gut und ich sehe beim besten Willen keinen Grund, warum drei von ihnen in einem jahrzehntelangen Dornröschenschlaf lagen. Meine persönlichen Favoriten sind wahrscheinlich Back to the Tracks und The Waiting Game. Für True Blue sprechen dagegen eine Reihe wirklich ausgefeilter Kompositionen, die erstklassige Rhythmusgruppe und zwei Bläser in Topform. Besonders Hubbard scheint sich in der Rolle des Begleiters wohlzufühlen: Er klingt entspannter als auf Open Sesame und sein glockenheller, strahlender Ton passt hervorragend zur leicht rauen Kanne von Brooks.

 

Musik: ****1/2

 

Sound: das Album entstand kurz nach Open Sesame und klingt ähnlich überzeugend: Selbst unter den ohnehin guten Blue Notes eine der stärkeren Aufnahmen.

 

Verfügbarkeit auf Vinyl: im Sommer 2026 gut; Teil von Blue Notes Classic Vinyl Series.

 

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