Jackie McLean – One Step Beyond
Blue Note ST-84137; 04/1963; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion
Grachan Moncur III – tb; Jackie McLean – as; Bobby Hutcherson – vib; Eddie Khan – b; Anthony Williams – ds.
Side A:
1) Saturday And Sunday
2) Frankenstein
Side B:
1) Blue Rondo
2) Ghost Town
Jackie McLean war ein Suchender: Er sah sich als schöpferischen Menschen, der stets einen Schritt weiter gehen wollte. Das sage nicht ich, das schreibt er selbst in den Liner Notes zu One Step Beyond, seinem achten Album für Blue Note.
Ich lese immer gerne die Liner Notes von Jazz-Alben, aber besonders interessant wird es, wenn sie von einem der Beteiligten selbst geschrieben werden. Abgesehen von Tony Williams, dessen Karriere gerade erst begann, hatten alle Mitstreiter bis dahin hauptsächlich Mainstream-Gigs gespielt, die wenig mit dem zu tun hatten, was auf dieser Platte passiert. Moncur war 1962 Teil des Jazztets von Benny Golson und Art Farmer, danach spielte er beim Soul-Jazzer Ray Charles; Hutcherson arbeitete mit Ex-Basie-Posaunist Al Grey und Khan mit Max Roach.
Aber: One step beyond what? Wo kam McLean her? Von seinen letzten drei Alben gingen Bluesnik und A Fickle Sonance noch als Hard Bop durch, doch bei Let Freedom Ring, dem unmittelbaren Vorgänger, bog McLean endgültig in eine andere, freiere Richtung ab. Und nun One Step Beyond: Das Piano flog raus, und die freischwebenden Vibes von Bobby Hutcherson kamen. Dazu gesellten sich drei abenteuerlustige Mitstreiter: Posaunist Grachan Moncur III, dessen Evolution nur Monate später zu einem Meilenstein der Avantgarde werden sollte, Bassist Eddie Khan und der zum Zeitpunkt der Aufnahme erst 17-jährige Drummer Tony Williams.
Schon McLeans Kompositionen auf den vorherigen Alben gingen nicht immer unmittelbar ins Ohr, aber auf One Step Beyond resultierte sein Freiheitsdrang in einer Musik, die noch einmal sperriger wurde. McLean und Moncur steuern jeweils zwei Stücke bei, doch mit dem labeltypischen Hard Bop von Horace Silver oder Lee Morgan haben sie nicht mehr viel zu tun.
Die Suche nach Freiheit bedeutete jedoch nicht, dass jede Struktur fehlte. Die gibt es schon, nur ist sie lockerer, harmonisch offen, bietet Raum für Beschleunigung und Verzögerung, für Bewegung und Stasis. Daher höre ich das Album nicht so sehr wegen der Stärke seiner Melodien (man wird kaum während des Staubwischens Ghost Town pfeifen, s.u.), sondern wegen der spannenden Entdeckungsreisen zwischen den Themen. Mehr als eine Sammlung individueller Titel erscheint es mir wie eine zusammenhängende Suite, die einen Prozess dokumentiert.
Die Themen mögen nicht der Grund sein, warum man zu der Platte greift, dennoch sind sie mehr als Pflichtübungen und keine bloßen Abschussrampen für solistische Höhenflüge: Sie sind sorgfältig komponiert, aber kompromisslos in ihrem Anspruch. Der kommt schon in den Titeln zum Ausdruck: Frankenstein und Ghost Town sind kein Futter für Clubs oder Jukeboxes. Das gilt übrigens auch für McLeans Stücke, selbst wenn deren Titel nicht ganz so bedrohlich daherkommen.
Seite 1 startet mit McLeans Saturday and Sunday, das zwei disparate und stark kontrastierende musikalische Ideen einsetzt, um die Hektik eines geschäftigen Samstags (rastlose Stakkato-Bewegung) und die Öde des folgenden Sonntags (lose Folgen langer Noten ohne feste Time) mit „zwei Stunden Sonntagsschule, gefolgt von drei Stunden Kirche“ (McLean) abzubilden. Während der Soli bleibt das Stück in einem Up-tempo 4/4 Swing. McLean lässt ein langes Solo mit schnellen Läufen und langen, widerhallenden Rufen auf dem Saxofon vom Stapel, Moncur begibt sich auf tonale Exkurse und Hutcherson gleitet schwerelos. Aber das Highlight hatten wir noch gar nicht: ein langes Solo von Williams, das mit Tempowechseln und enormer dynamischer Schattierung echte musikalische Spannung erzeugt. Wie konnte ein Siebzehnjähriger so etwas spielen?
Frankenstein hieß ursprünglich wohl Freedom Waltz. McLean bezeichnet es als einen der schönsten Walzer, die jemals geschrieben wurden. Kann man diskutieren, Schönheit liegt im Ohr des Hörers.Was mich betrifft: Freedom Waltz hätte ich passender gefunden, denn wir erleben hier ein Stück Musik, das sich von den Regeln des Hard Bop, so es sie denn je gegeben hat, emanzipiert hat. Es swingt nicht, es klingt weder nach Kirche oder Blues und Khan/Williams lösen den 3/4-Takt soweit auf, dass er eine beinahe fluide Qualität erhält. Stellenweise erkennt man ihn nur noch, wenn man aufmerksam mitzählt. Freunde von ekstatisch überblasenem Saxofon haben bei McLeans Solo einiges zu feiern.
McLeans Blue Rondo, der Opener von Seite 2, ist das konventionellste Stück der Platte, ein rasend schneller Blues in Ab. Aber klar: Konventionell ist relativ. Die Single-Charts wird Blue Rondo mit seiner fiebrigen Intensität kaum aufgemischt haben, und auch in Clubs hätte es wohl eher für Kopfschütteln gesorgt. Dafür bekommt man erneut interessante Soli. Fun Fact: In den Liner Notes bittet Jackie McLean die Leser fast beschwörend, genauer auf Moncurs Solo zu achten – als Beleg dafür, dass der Posaunist durchaus tonal spielen konnte, wenn er wollte.
Moncurs Ghost Town setzt am Ende noch ein schräges, schauriges Ausrufezeichen. Während des Themas spielen Moncur und McLean klagende Töne in dissonanten Linien über Khans langsamem, fast grimmig schreitendem Bass, während Williams mit sporadischen Schlägen auf seinen Becken Akzente setzt. Tatsächlich gelingt es dem Stück, dystopische Visionen einer verlassenen Stadt heraufzubeschwören. Bei den Soli wechselt die Band zunächst in einen langsamen Swing, der immer wieder von Williams mit Synkopen und Breaks aufgebrochen wird, bevor bei Moncurs Solo das Tempo plötzlich anzieht. Bizarre Musik.
Fazit: Beinahe kurios, dass ein so entschiedener Verfechter des Swing wie Alfred Lion eine Platte wie One Step Beyond aufnahm. Die frühen 1960er waren die Zeit des Soul Jazz, von Alben wie Jimmy Smiths Back at the Chicken Shack und Stanley Turrentines That's Where It's At, die einen eingängigen, infektiösen Jazz boten, der in Clubs gut funktionierte, seinen künstlerischen Anspruch nicht aufgab und sich dennoch ordentlich verkaufte.
Lion dürfte klar gewesen sein, dass sich das komplexe, kantige und unorthodoxe One Step Beyond kommerziell kaum rechnen würde. Die Platte macht zu keinem Zeitpunkt den Versuch, sich dem gängigen Mainstream anzubiedern. Schön, dass es diese Aufnahme dennoch gibt. Sie lässt sich nur als Ergebnis echten Respekts vor einer künstlerischen Leistung verstehen.
Und was uns betrifft, die Fans: wir stehen hier vor etwas Tiefem, Unergründlichem. One Step Beyond entzieht sich einer schnellen Entschlüsselung und will zumindest beim Erstkontakt nicht unbedingt gefallen. Doch das Album bietet genug Struktur, um einen Zugang zu eröffnen - wenn man dranbleibt. Harte Kost, zweifellos, aber nahrhaft.
Musik: ****
Sound: Gut sortierte Aufnahme.
Verfügbarkeit auf Vinyl: Anfang 2026 gut, ist Teil von Blue Notes Classic Vinyl Series.
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