Gigi Gryce Orchestra/Quartet – Nica’s Tempo
Signal Records S1201/Savoy MG 12137; 10/1955; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Ozzie Cadena
Side A: Gigi Gryce – as; Art Farmer – tp; Eddie Bert*, Jimmy Cleveland – tb; Cecil Payne*, Danny Bank – bs; Julius Watkins*, Gunther Schuller – fh; Bill Barber – tba; Horace Silver – p; Oscar Pettiford – b; Art Blakey*, Kenny Clarke – ds; Ernestine Anderson* – voc.
Side B: Gigi Gryce – as; Thelonious Monk – p; Percy Heath – b; Art Blakey – ds.
Side A:
1) Speculation
2) In a Meditating Mood
3) Social Call*
4) Smoke Call
5) (You’ll Always be) The One I Love*
6) Kerry Dance
Side B:
1) Shuffle Boil
2) Brake’s Sake
3) Gallop’s Gallop
4) Nica’s Tempo
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Clark Terry – In Orbit
Riverside RLP-271; 05/1958; Engineer: Jack Higgins; Producer: Orrin Keepnews
Clark Terry – flh, Thelonious Monk – p; Sam Jones – b; Philly Joe Jones – ds.
Side A:
1) In Orbit
2) One Foot in the Gutter
3) Trust in Me
4) Let’s Cool One
Side B:
1) Pea-Eye
2) Argentia
3) Moonlight Fiesta
4) Buck’s Business
5) Very Near Blue
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Monk als Sideman erlebt man nicht oft. Als Grund wird häufig genannt, dass sein sperriges, idiosynkratisches Spiel mit Timing und Harmonik sich für Rollen als Sideman nicht anbot. Zudem galt er als schwieriger Typ, der sich nicht gerne etwas vorschreiben oder vor einen Karren spannen ließ. Sein Clinch mit Miles bei den Weihnachts-Sessions '54 für Bags' Groove ist legendär. Vielleicht prägte er Sessions alleine durch seine Individualität so stark, dass sich manche Leader davon untergraben fühlten?
Kann ich letztlich nicht beurteilen, doch eins lässt sich nicht bestreiten: Man erkennt Monk in der Regel schon, wenn der erste schräge Piano-Akkord aus den Speakern kracht. Dennoch gab es ein paar Unerschrockene, die vor dem Sideman Monk nicht nur keine Angst hatten, sondern seine ganz eigene klangliche Farbe gezielt einsetzten. Eine solche Aufnahme ist Clark Terrys In Orbit, die vorletzte Aufnahme als Sideman, die Monk während seiner künstlerisch erfolgreichsten Jahre aufnahm¹. Die zweite Aufnahme hier, Gigi Gryces Nica’s Tempo, klingt dagegen eher wie eine Monk-Session, die unter anderem Namen veröffentlicht wurde. Was sie, siehe unten, wahrscheinlich auch war.
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Gigi Gryce wurde am 28. November 1925 als George General Grice Jr. in Pensacola, Florida, geboren. Der Name „Gigi“ entstand aus seinen Initialen G. G.; warum er seinen Nachnamen später von Grice zu Gryce änderte, ist nicht überliefert. Anders als viele Jazzer genoss er eine fundierte akademische Ausbildung am Boston Conservatory. Gryce hatte einen singenden, klaren Ton auf dem Altsaxophon und konnte parkerisk solieren, aber heute erinnert man sich an ihn wohl eher wegen seiner Kompositionen. Stücke wie Nica’s Tempo und Minority sind moderne Standards.
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Nica's Tempo
Älteres Material für die innovative, aufregende 12“-LP neu ausschlachten konnte nicht nur Blue Note. Nica’s Tempo ist, wie einige frühe Blue Notes aus der 1500er-Serie, die Summe zweier 10"-LPs, beide aus dem Jahr 1955 und ursprünglich auf dem Label Signal veröffentlicht. Auf der ersten Seite gibt es fünf Titel, die mit zwei Nonetten eingespielt wurden, bei zweien davon steuert Ernestine Anderson Gesang bei. Auf der zweiten Seite findet der arglose Hörer plötzlich völlig andere Musik: ein Quartett mit Monk am Piano.
Ich lege Nica’s Tempo ohnehin nur selten auf, und Seite 1 so gut wie gar nicht, darum nur ganz kurz: Es handelt sich um sub-Birth-of-the-Cool-Nonett-Mucke, die heute etwas museal wirkt. Sie tut niemals weh, aber verfängt eben auch nicht beim Hörer und man wartet eigentlich immer darauf, dass die Ensemble-Passagen vorbei sind und die Soli beginnen – die dann auch etwas zu bieten haben, das Kaliber der Musiker ist über jeden Zweifel erhaben. Das allein reicht allerdings nicht, um regelmäßig zur Scheibe zu greifen.
Im Gegensatz zur gepflegten Belanglosigkeit von Seite 1 gibt es auf Seite 2 einiges zu entdecken. Das Nonett hat seinen Platz geräumt für ein Quartett aus Hard-Bop-Assen mit Art Blakey an den Drums, Percy Heath vom Modern Jazz Quartet am Bass und, wie gesagt, Thelonious Monk himself am Klavier.
Eigentlich hatte der gerade einen Vertrag bei Riverside unterschrieben. Ähnlich wie Blue Note war auch Riverside ein Label von echten Jazz-Idealisten, Bill Grauer und Orrin Keepnews, deren Interesse sich nicht nur darauf beschränkte, die Musiker zum eigenen Vorteil auszubeuten. Mit der Verpflichtung des nicht immer pflegeleichten Monk hatten sie ein gewisses kaufmännisches Risiko auf sich genommen. Sie werden daher mit Stirnrunzeln auf die Nachricht reagiert haben, dass Monk im Quartett mit Gryce bei Signal fremdelte. Man munkelt, dass der Pianist bei der Session die Fäden zog, was angesichts des Programms aus drei Titeln von Monk und einem von Gryce auch plausibel scheint, aber einer Veröffentlichung unter Monks Namen hätten Keepnews und Grauer wohl niemals zugestimmt. Einen Job als Sideman konnten sie ihm allerdings nicht verbieten, also segelte die Platte offiziell unter Gryces Flagge.
Und die Platte ist auch tatsächlich ein Unikat in Monks Kanon. Zum einen sind da die Musiker: Mit Blakey und Heath hatte er schon zusammengespielt und besonders Blakey sorgt für reichlich Bewegung in der Rhythmusabteilung, was den vertrackten Stücken eine Extraportion Schub verleiht. Mit Gryce dagegen spielt er hier erstmals zusammen, und dessen federleichte Altsaxlinien scheinen, im Gegensatz zu den Tenoristen, die ihm folgen sollten, immer ein wenig über den Stücken zu schweben, statt tief in sie hineinzureichen. Später, als der Erfolg kam und er im Jazz eine feste Größe wurde, konnte Monk es sich leisten, eine feste Band nach seinen Vorstellungen zu formen. Er erreichte dabei mit Musikern wie Butch Warren und Larry Gales am Bass und Frankie Dunlop oder Ben Riley an den Drums ein hohes Maß an routinierter Geschlossenheit, aber mir scheint es oft, als würde der explosive Blakey Monk besonders alert und präsent klingen lassen.
Zum anderen sind es die hier vorgestellten Kompositionen: Ich glaube, alle erfahren auf Nica’s Tempo ihre Weltpremiere. Keines wurde zu einem der ganz großen Klassiker und von Monk später nur sporadisch wieder eingespielt. Es lohnt sich aber dennoch, sie einmal zu hören. Die Titel sind, wie oft bei Monk, so schräg wie die Melodien. Shuffle Boil besitzt einen seltsamen Call-and-Response zwischen einer kurzen Piano/Altsax-Phrase und einem Stakkato von Piano/Bass. Es klingt, als würden sich zwei merkwürdige Gestalten umkreisen und abwechselnd etwas zurufen. Das Thema von Gallop’s Gallop dagegen erinnert mich an den Galopp eines betrunkenen Pferdes. Ich finde Blakeys Spiel hier großartig, besonders beim Thema, wo er jeder Wendung von Monk mit einem eigenen kleinen Schlenker nacheilt. Brake’s Sake schließlich folgt dem etablierten Schema: kleine dissonante melodische Zellen mit strategisch gesetzten Synkopen, die wie an einer Perlenkette zu einem irgendwie Sinn ergebenden Stück aneinandergereiht werden. Das letzte Stück ist Gryces Nica’s Tempo, das hier seinen Namen absolut zu Recht trägt. Es ist ein schneller, eingänglicher Burner, der durch die Tightness von Blakey, der hier auch ein feuriges Solo spielen darf, und Heath einen wirklich strammen Zug erhält.
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In Orbit
Wer Nica’s Tempo als eine im Grunde umgelabelte Monk-Aufnahme bezeichnet, der erntet von mir keinen Widerspruch, aber auf Clark Terrys In Orbit ist er tatsächlich Sideman. Im Hauptjob war Terry Trompeter bei Duke Ellington, aber bei Riverside durfte er sich auch mal in kleineren Besetzungen profilieren und austoben. Er zeigte sich dabei als universeller Jazzmeister, der in jeder Spielart des Jazz gleichermaßen zu Hause war. Egal ob Swing, Bebop oder Hard Bop – Terry konnte alles und das macht Platten wie In Orbit und die frühere Serenade to a Bus Seat (Besprechung wird beizeiten folgen) zu äußerst kurzweiligen Angelegenheiten.
Orrin Keepnews schreibt in den Liner Notes zu der Aufnahme, dass Terry, der hier zum dritten Mal für das Label aufnimmt, schon länger mit dem Gedanken gespielt hatte, ein Album auf dem Flügelhorn statt der Trompete, seinem regulären Instrument, einzuspielen. Das Flügelhorn mag auf den ersten Blick wie eine Trompete aussehen, spielt auch im selben Register, hat aber einen eigenen Sound – weich und geschmeidig, als würde der latent harte Klang der Trompete mit feinem Velours überzogen. Terry suchte Monk bewusst aus und rückblickend muss man sagen, dass das Ergebnis ihn bestätigt. Monks scheppernder Ton und latent dissonante Harmonik kontrastieren nämlich sehr schön mit dem butterweichen Flügelhornspiel Terrys.
Im Gegensatz zur Aufnahme mit Gryce steuert Terry, nicht Monk, die meisten Titel hier bei: fünf der neun sind von ihm, dazu gibt es mit Trust in Me, Moonlight Fiesta und Very Near Blue drei Fremdkompositionen plus Monks Let’s Cool One. Terry war nicht nur ein begnadeter Musiker, sondern auch ein exzellenter Komponist. Stücke wie In Orbit, das bluesige One Foot in the Gutter (mit einer schrägen Bridge im 3/4-Takt), Pea-Eye oder das liebliche Argentia sind keineswegs simpel, aber melodisch so prägnant, dass man sie nach ein oder zwei Durchgängen mitsingen kann.
Neun Stücke auf einem Album garantieren vielleicht noch keinen Abwechslungsreichtum, aber doch einen gewissen Fokus und die Abwesenheit von Wildwuchs bei den Soli. Bei durchschnittlichen Längen um die vier bis fünf Minuten kommen alle – in der Regel Monk und Terry, aber auch Bassist Sam Jones und Drummer Philly Joe Jones kriegen ihre Gelegenheiten – schnell zur Sache und tatsächlich gibt es ein variantenreiches Programm mit Stimmungen von balladesk (Trust in Me und das kleine Juwel Very Near Blue) bis zum boppigen Überschwang von In Orbit und Buck’s Business.
Terry und Monk wirken dabei total entspannt. Terry bewegt sich mit katzenartiger Geschmeidigkeit durch die schnellsten Tempi und Monk klingt, als würde er es beinahe genießen, sich einmal um nichts anderes kümmern zu müssen als um ein paar Soli, die er mit links erledigt. Das Ergebnis ist eine Platte, die beinahe das Prädikat glücklich verdient. Frei von Allüren und unspektakulär, aber hochgradig befriedigend.
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Fazit: Nica’s Tempo ist eine Fußnote in Monks Diskografie und in meinen Augen kein Pflichtkauf, aber auch nicht uninteressant. Die erste Seite ist für Gryce-Komplettisten, aber das Quartett mit Monk bietet durch den Kontrast der hellen, singenden Linien von Gryces Altsax mit dem herben Ton von Monk einen frischen Blick auf selten gehörtes Material. Monk dominiert den Charakter dieser Aufnahme recht eindeutig, sodass man von einer echten Sidemanrolle kaum reden kann.
Bei Clark Terrys In Orbit allerdings schon. Hier spielt Monk tatsächlich die Rolle, die ansonsten Studio-Cracks wie Sonny Clark oder Wynton Kelly zukam – den Leader gut aussehen zu lassen. Dazu muss der Leader selbst natürlich cool und musikalisch selbstbewusst genug sein, um jemanden wie Monk neben sich zu dulden. Für Terry kein Thema, er navigiert mit geschmeidigem Flügelhornspiel um Monks zerklüftete Harmonik. Das Resultat ist eine extrem kurzweilige, gutgelaunte Platte mit zeitlosem Jazz zwischen Bebop, Hard Bop und Monk.
Musik: ***1/2 (Nica’s Tempo); ***** (In Orbit)
Sound: Nica’s Tempo ist eine kompetente RvG-Aufnahme von 1955. Mono, klar, klingt aber gut, wenn auch leicht historisch. In Orbit dagegen bietet präsenten und knackig-direkten Instrumentensound in Doppelrahmstufe von Jack Higgins, der hier zeigt, dass nicht nur RvG wusste, wie man eine Jazz-Combo aufnimmt. Allenfalls die Drums sind etwas matt. Knallt dennoch.
Verfügbarkeit: Im Frühjahr 2026 gibt es Nica’s Dream nur gebraucht bei den einschlägigen Anbietern, von In Orbit ist mittlerweile eine schön gemachte Ausgabe von Craft Records zu haben, allerdings für stolze 40€.
1: die letzte, Art Blakeys Jazz Messengers with Thelonious Monk für Atlantic, fand nur eine Woche später statt. In den frühen 1970ern, als sich keiner für Jazz interessierte, tourte Monk mit einer als Giants of Jazz vermarkteten All-Star-Band, die ausschließlich Klassiker aus der Ära des Be- und Hard Bop im Programm hatten. Schon damals wusste man, wie sich mit Nostalgie Kasse machen lässt. Einige Stücke wurden später unter dem Albumtitel The Giants of Jazz veröffentlicht. Ich würde mir so eine Platte nie holen, aber vielleicht habe ich da Unrecht. Im Zwischennetz finden sich einige Stimmen, die das Spiel der alten Helden loben.
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