Freddie Hubbard - Goin' Up

Veröffentlicht am 24. Juli 2026 um 22:00

 

Freddie Hubbard Goin’ Up

 

Blue Note ST-84056; 11/1960; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion

Freddie Hubbard – tp, Hank Mobley – ts; McCoy Tyner – p; Paul Chambers – b; Philly Joe Jones – ds.

 

Side A:

1) Asiatic Raes

2) The Changing Scene

3) Karioka

 

Side B:

1) A Peck a Sec.

2) I Wished I Knew

3) Blues for Brenda

 

Es war eine andere Zeit: ein Blick auf die Album-Cover Blue Notes in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren löst bei mir eine sanfte Wehmut aus. Aus den Bildern spricht Optimismus und eine Aufbruchsstimmung, die es heute nicht mehr gibt. Das galt auch für die Helden eines Nischenmarktes wie dem Hard Bop: Man sieht die Musiker in der Regel ernst, selbstbewusst und konzentriert, aber selten ironisch oder distanziert. Sie glaubten an ihre eigene Zukunft und die des Jazz.

 

Goin’ Up zeigt Freddie Hubbard vor der Skyline von Manhattan, den Blick leicht nach oben und in die Ferne gerichtet. Das Bild wirkt uninszeniert, Hubbards Haltung ist beiläufig, unprätentiös und nahbar, strahlt aber auch Zuversicht aus. Ein junger Musiker, der buchstäblich und im übertragenen Sinn nach vorne schaut.

 

So wie das Cover ist die Musik: auch 65 Jahre nach ihrer Einspielung noch frisch, unverbraucht, vorwärtsdrängend. Goin’ Up war Hubbards zweites Album für Blue Note nach dem fulminanten Open Sesame. Es bietet viel forsches Mid- bis Uptempo und wenn es auf I Wished I Knew doch einmal ruhiger wird, dann ist es nur eine Pause zum Luftholen, um auf Blues for Brenda wieder loszustürmen.

 

Für die Aufnahme hatte man Hubbard eine Riege von session-gestählten Labelveteranen zur Seite gestellt: Tenorsaxofonist Hank Mobley war sein Partner an der Front, Pianist McCoy Tyner hatte schon auf Open Sesame gespielt und im Maschinenraum schufteten mit Paul Chambers und Philly Joe Jones zwei ehemalige Angestellte von Miles Davis.

 

Hubbard hatte eine formidable Technik und einen Ton so strahlend hell und kräftig, dass man ihn zwei Häuserblocks weiter noch gehört haben dürfte. Seine schiere Power verleiht besonders den schnellen Nummern auf dem Album einen fanfarenartigen Charakter, als wolle sich damit ein neuer Gladiator in der Arena des Hard Bop ankündigen. Entsprechend hoch ist die Betriebstemperatur auf Seite 1. Kenny Dorhams Asiatic Raes, treuen NJF-Lesern bereits bekannt von Sonny Rollins’ Newk’s Time und Dorhams eigener Einspielung als Lotus Blossom auf Quiet Kenny, wird hier in fast schon zu sportlichem Tempo angegangen: eine energiegeladene Interpretation, die mitreißt, aber den Blick auf die melodischen Feinheiten und Schönheit des Stücks zu verstellen droht. Dorham taucht als Komponist am Ende der Seite ein zweites Mal auf: das leicht lateinamerikanisch angehauchte Karioka geht ein ähnlich zügiges Tempo wie Asiatic Raes, ohne jedoch dessen Eingängigkeit zu erreichen.

 

Mir haben Mobleys lyrische Moll-Nummern immer besser gefallen als seine stärker auf Drive angelegten Abschussrampen für die Solisten. Goin’ Up bietet für beide Ansätze ein Beispiel. The Changing Scene, die Moll-Nummer, macht den Anfang. Es fährt die Geschwindigkeit auf Seite 1 für einige Minuten ein wenig runter und zeigt Mobleys Gespür für melancholische, leicht schattierte Melodien, bei denen sein charakteristischer Tenorton gut zur Geltung kommt, genauso wie der Ensembleklang aus Mobleys samtigem Tenor und Hubbards strahlend polierter Trompete. A Peck a Sec dagegen, ein weiteres Stück in einem strammen Uptempo, ist selbst für Ira Gitler in den Liner Notes „a rhythm swinger dedicated to get the soloists off and blowing“ – und anfangs scheint es tatsächlich nicht viel mehr zu sein. Hört man allerdings genauer hin, stellt man doch eine Menge kompositorischer Finessen fest: unzählige synkopierte Start-Stopp-Momente sowie melodische und rhythmische Haken. Man wird es kaum vor sich hinsummen, aber dafür ist es auch nicht gemacht – vielmehr bietet es eine Bühne für Hubbard, Mobley, Tyner, und am Ende darf auch Jones mal ran.

 

Nach so viel hochoktanigem Material tut die Ballade I Wished I Knew des obskuren Billy Smith* der Platte gut. Hubbard muss sich hier für ein paar Chorusse nicht beweisen und zeigt dabei, dass er einen schönen Ton auf Balladen hatte, genau wie Mobley, für mich der heimliche Star des Stückes, dessen extrem einschmeichelndem Ton ich stundenlang zuhören könnte. Hubbards einzige Eigenkomposition beschließt die Platte. Der markante Blues for Brenda im Midtempo und dramatischen Moll könnte geradezu als Blaupause für labeltypischen Hard Bop stehen.

 

Sollte jemand in der Jazz-Abteilung eines gut sortierten Plattenladens unsicher vor Hubbards Blue-Note-Alben stehen, würde ich vermutlich zuerst Open Sesame empfehlen, vor allem wegen der phänomenalen ersten Seite und der seltenen Gelegenheit, Tina Brooks am Tenor zu hören. Goin’ Up steht ihm musikalisch jedoch kaum nach.



Fazit: Zwischen Hubbards klassischen Aufnahmen für Blue Note wie Open Sesame, Ready for Freddie oder Hub-Tones fristet Goin’ Up ein etwas unverdientes Schattendasein, denn die Platte bietet packenden, labeltypischen Hard Bop mit hohem Unterhaltungs- und Wiedererkennungswert. Tenorist Hank Mobleys minimal rauer und Hubbards strahlender Ton bilden eine Frontline, die vom Kontrast ihrer Klangfarben lebt; wer Open Sesame mag, darf hier bedenkenlos zugreifen.

 

Musik: ****

 

Sound: gewohnt überzeugende und farbstarke RvG-Aufnahme. Setzt im Labelkatalog keine Maßstäbe, aber fällt auch nicht ab.

 

Verfügbarkeit auf Vinyl: Gut. Seit Juli 2026 gibt es von Blue Note eine Neuausgabe in der Classic Vinyl Series, um die 30€. Für ca. 20 € bekommt man Reissues von Doxy oder Ermitage. Meine Ausgabe von Doxy ist durchaus annehmbar: Original Artwork, Liner Notes, gefütterte Innenhülle, plan laufende und weitgehend knisterfreie Platte.

 

*Billy Smith war der Tenorsaxofonist auf Thelonious Monks Session für Blue Note im November 1947. Davon abgesehen ist I Wished I Knew sein einziges mir bekanntes Vermächtnis.

 

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