Duke Jordan – Flight To Jordan
Blue Note ST-84046, 08/1960, Engineer: Rudy van Gelder, Producer: Alfred Lion
Dizzy Reece – tp; Stanley Turrentine – ts; Duke Jordan – p; Reginald Workman – b; Arthur Taylor – ds;
Side A:
1) Flight To Jordan
2) Starbrite
3) Squawkin’
Side B:
1) Deacon Joe
2) Split Quick
3) Si-Joya
Ein paar Sessions hatte er für Blue Note bereits gespielt. So war er beispielsweise bei Kenny Burrells Blue Lights mit an Bord; im Juni 1960 begleitete er den Tenorsaxofonisten Harold „Tina“ Brooks auf dessen denkwürdigem Labeldebüt True Blue. Gerade diese Session gilt heute als Klassiker im Labelkatalog, und das lag zum Teil sicherlich auch an der geschmackvollen, zurückhaltenden Begleitung, die Duke Jordan am Piano lieferte.
Duke wer? Kaum verwunderlich, wenn einem der Name nicht geläufig ist, denn Irving Sidney „Duke“ Jordan, geboren in New York am 1. April 1922, war während der Blütezeit des Jazz nicht allzu häufig Gast in Aufnahmestudios, und wenn, dann eher als Sideman. Dabei war er kein unbeschriebenes Blatt: Er gehörte zur ersten Generation von Bebop-Pianisten im New York der 1940er-Jahre und bewegte sich in bester Gesellschaft – von 1946 bis 1948 spielte er im Quintett von Charlie Parker, Anfang der 1950er arbeitete er mit Stan Getz.
Ab Mitte der 1950er trat er etwas häufiger in Erscheinung, es gab eine Aufnahme für Prestige und zwei für ein Label namens Signal. Außerdem begann er, sich als Komponist einen Namen zu machen. Sein Stück Jordu stammt aus dieser Zeit und wurde ein Jazz Standard.
Im August 1960, zwei Monate nach der Session mit Tina Brooks, durfte Duke Jordan als Leader ins Studio, um sein erstes und, wie sich herausstellen sollte, einziges Album für Blue Note aufzunehmen. Flight To Jordan präsentierte ihn als Pianisten und Komponisten: Es war nicht nur sein Labeldebüt, sondern auch sein erstes Album mit ausschließlich oiginalem Material.
Und das Material hat es in sich. Jordan konnte Stücke mit eingängigen Melodien in verschiedenen Stilen und Tempi schreiben und schuf eine Platte mit hohem Unterhaltungswert. Wie immer bei Blue Note stand ihm dabei eine schlagkräftige Crew zur Seite. Den britischen Trompeter Dizzy Reece kannte Jordan nicht nur von dessen Alben Blues In Trinity und Star Bright, sondern auch persönlich. Kurz vor der Session hatte er mit ihm und dem jungen Bassisten Reginald Workman gemeinsame Gigs gespielt. Saxofonist Turrentine und Drummer Art Taylor waren langjährige New Yorker Session-Veteranen.
Flight To Jordan beginnt mit einer Reihe sparsam gesetzter Klavierakkorde, die aber nicht fanfarenartig ankündigen, dass gleich Großes passiert, sondern eher vorsichtig platziert werden, als wolle das Stück noch einmal kurz innehalten, bevor es zu einem Thema überleitet, das zu den markantesten im Hard Bop zählt. Reece, der heimliche Star der Session, nimmt das erste Solo mit glockenklarem, strahlenden Ton, gefolgt von Turrentine, gewohnt kräftig, und dem Leader, der mit einem wirklich entspannten Stil agiert: Er hämmert nicht wie Monk, sondern tupft die Noten fast behutsam in die Tasten, eilt dabei aber federnd leicht durch sein Solo. Wenn er begleitet, stützt er behutsam statt zu pushen wie Silver.
Das nächste Stück, Starbrite, ist eine meditativ-ruhige Ballade. Reece bläst sein Solo mit langen, traurigen Noten, Turrentine ist weniger bluesig als sonst, fast zärtlich. Die Seite schließt mit Squawkin’, einem boppigen Uptempo-Stück, das lautes, nerviges Reden porträtieren soll. Das klingt schlimmer, als es ist, denn wirklich dissonant oder schrill wird es hier nicht; auf gestopftem Horn bläst Reece ein ausgesprochen cooles Solo.
Deacon Joe auf Seite 2 ist eine langsame, bluesige Nummer, die Jordan mit zwei wirklich tiefenentspannten Chorussen einleitet, bevor das Thema einsetzt. Turrentine ist erneut unaufgeregt-sanft, auch Reece geht mit seinen Noten sparsam um; das Drama in seinen Soli erwächst aus seiner Dynamik und Ausflügen in die höheren Register der Trompete. Jordan macht in seinem Solo da weiter, wo er beim Intro aufgehört hat: Er improvisiert mit federleichter Eleganz statt mit Wucht; kurze Linien, in denen die Noten wie Champagnerblasen perlen, wechseln mit ebenso kurzen, sparsameren Abschnitten.
Split Quick ist ein weiterer boppiger Swinger mit einem interessanten Thema, das abwechselnd leicht wehmütig, dann wieder hell und offen klingt. Turrentine, Reece und Jordan dürfen solieren. Das letzte Wort gehört Si-Joya, zu dem Jordan selbst erklärt, der Titel habe keine tiefere Bedeutung, er solle nur die lateinamerikanische Prägung des Stückes widerspiegeln. Wie auch immer, Si-Joya ist eine kleine moll-gefärbte Perle und beschließt ein Album, das mit seinem Abwechlungsreichtum, seinen eingängigen Kompositionen und seiner geschlossenen Bandperformance dieses Prädikat eigentlich auch verdient.
Vermutlich war Flight To Jordan kein großer kommerzieller Erfolg, denn Duke Jordan sollte nie wieder als Leader für Blue Note ins Studio gehen. Schade, und ein weiterer Beleg für die bittere Erkenntnis, dass das Leben nicht fair ist. Hard Bop geht kaum besser.
Musik: ****1/2
Sound: Gut wie immer, aber Reeces Horn ist manchmal etwas „hot“. Zumindest in meiner japanischen Pressung an der Grenze zur Übersteuerung.
Verfügbarkeit: Zur Jahreswende 2025/6 neu erhältlich als Teil von Blue Notes Tone Poet Series, um die 40 €.
P.S.: in den 60er Jahren geriet Duke Jordan zunehmend in Vergessenheit. Er hatte Probleme mit Alkohol und Drogen; für eine Weile arbeitete er in New York als Taxifahrer. Aber das Blatt sollte sich für ihn noch einmal wenden. 1973 nahm er eine Platte für das dänische Label Steeplechase auf, viele weitere folgten. Steeplechase hat unter Jazz-Fans einen guten Ruf, außerhalb der Szene ist das Label jedoch kaum bekannt. Die Aufnahmen dürften Jordan kaum zum Millionär gemacht haben, aber wenigstens erfuhr er eine späte Wertschätzung als Künstler. Im Jahr 1978 zog er nach Dänemark und spielte in den knapp 30 Jahren bis zu seinem Tod hauptsächlich in Skandinavien.
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