Anthony Williams - Life Time

Veröffentlicht am 22. Juli 2026 um 15:31

 

Anthony Williams – Life Time

 

Blue Note ST-84180; 08/1964; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion

Anthony Williams(1,2,3) – ds. Sam Rivers(1,2) – ts; Bobby Hutcherson(3) – vib & mar; Herbie Hancock(3,4) – p; Richard Davis(1), Gary Peacock(1,2), Ron Carter(4) – b;

 

Side A:

2 Pieces of One(1)

1. Red

2. Green

 

Side B:

1) Tomorrow Afternoon(2)

2) Memory(3)

3) Barb’s Song to the Wizard(4)

 

Er war der Lamine Yamal der Avantgarde: Als Jackie McLean ihn im Dezember 1962 zum ersten Mal in einem Club in Boston hörte, war Schlagzeuger Anthony „Tony“ Williams gerade siebzehn geworden. Es war eine Begegnung mit Folgen, denn vier Monate später, im April 1963, spielte Williams auf McLeans One Step Beyond, seiner ersten Session für Blue Note. Doch seine immense Begabung weckte Begehrlichkeiten: Miles Davis hörte von dem Ausnahmetalent, engagierte ihn umgehend für sein neues Quintett (das später als „Second Great Quintet“ legendär werden sollte) und machte ihn ab Mai 1963 auf Seven Steps to Heaven zum rhythmischen Herzstück der Band.

 

Aber auch Alfred Lion von Blue Note buchte ihn fortan regelmäßig für Sessions, die von einem flexibleren Umgang mit Time profitierten. So trommelte Williams in den folgenden anderthalb Jahren auf Meilensteinen wie Grachan Moncur IIIs Evolution (November 1963), Eric Dolphys Out to Lunch! (Februar 1964) und Andrew Hills Point of Departure (März 1964). Im August 1964, immer noch erst achtzehnjährig, durfte er schließlich zum ersten Mal als Leader für Blue Note ins Studio.

 

Das Erstaunliche: Life Time klingt nicht eine Sekunde in irgendeiner Form unreif, im Gegenteil. Hier hat sich jemand wirklich Gedanken gemacht und nicht nur alle Titel selbst komponiert, soweit man bei dieser sperrigen, freien Musik von Kompositionen reden kann, sondern auch das Personal ganz bewusst für jedes Stück ausgesucht. Das geht soweit, dass Williams selber auf dem letzten Stück des Albums gar nicht spielt. Barb’s Song to the Wizard ist ein Duett von Pianist Herbie Hancock und Ron Carter am Bass. Aber der Reihe nach.

 

Wer Life Time kauft in der Hoffnung auf den klassischen Hard Bop, der Blue Note berühmt gemacht hat, wird enttäuscht. Das Album mag eine Gliederung in Titel aufweisen, aber man bekommt hier, wenn überhaupt, nur rudimentärste Songstrukturen und keine Melodien, die um eine harmonischen Basis kreisen und einem gängigen Schema folgen. Man bekommt eigentlich nichts, was beim obeflächlichen Hören irgendwie hängen bleibt und ein Bezug zwischen den Titeln und der Musik lässt sich nicht einfach herstellen. Dennoch klingt die Platte nie beliebig.

 

Für mich hat die Musik auf Life Time eine beinahe suchende Qualität, als ob sie sich in unbekanntes Gebiet vortasten würde. Das geht deutlich weiter als zum Beispiel auf den schon erwähnten Alben von Grachan Moncur III und Jackie McLean, wo es trotz aller Unkonventionalität noch halbwegs nachvollziehbare Strukturen gab. Hier jedoch hält Williams Schlagzeugspiel keine Band zusammen (das konnte er auch, zum Beispiel wenn er für seinen Arbeitgeber trommelte), sondern wechselt ständig die Form. Er begleitet weniger, als dass er zu kommentieren scheint, und bleibt nie lange an einem Ort: Mal nähert er sich den Mitspielern, mal zieht er alleine los.

 

Für eine solche Expedition ins Unbekannte braucht man Mitspieler, die keine Angst vor einem strukturellen Vakuum haben, und die hatte Williams: Ron Carter und Herbie Hancock, seine Bandkollegen bei Davis, stellten noch am ehesten ein Bindeglied zum Mainstream dar. Hutcherson an den Vibes war Blue Notes Mann für alle Fälle, vom verträumten Lyrizismus auf Grant Greens Idle Moments bis zu Andrew Hills dissonantem Judgment! Auch die beiden Bassisten kamen aus den freieren Regionen des Jazz; Richard Davis wurde von Lion immer dann geholt, wenn es musikalische Abenteuer gab und Gary Peacock kam aus der Szene um Don Cherry.

 

Und Abenteuer gibt es auf Life Time reichlich. Im Labelkatalog reiht sicht die Platte ein zwischen Blue Mitchells The Thing to Do (BST 84178), Jackie McLeans It’s Time (BST 84179), Kenny Dorhams Trompeta Toccata (BST 84181) und Wayne Shorters Juju (BST84182). Auch McLean und Shorter waren zu der Zeit keine klassischen Hard Bopper mehr, aber Life Time ist in diesem Umfeld mit Abstand die radikalste Aufnahme.

 

Zur Musik: Seite 1 bietet die neunzehnminütige Suite Two Pieces of One, deren Hälften die Titel 1. Red und 2. Green tragen. Beteiligt sind hier Peacock, Davis, Rivers und Williams. Red beginnt tatsächlich mit einer Art Thema. Rivers am Saxofon und die beiden Bässe spielen eine aufsteigende, dunkle Melodielinie. Es ist kein Ohrwurm, aber ein klar definiertes, kompositorisches Motiv, an dem sich der Hörer festhalten kann, bevor die Musik abgleitet in eine freie Interaktion zwischen den Musikern, während der jeder einmal… was eigentlich? Solieren kann man das kaum nennen, es sind eher kurze Meditationen über eine Idee. Da es keinen treibenden Puls gibt, entsteht ein Gefühl der Stasis, statt musikalischer Bewegung gibt es einen dichtgewebten dunklen Klangteppich.

 

Das ändert sich dann auf Green, dem freien kinetischen Gegenstück. Es gibt noch nicht einmal die Ahnung eines Themas, Rivers und Williams beginnen mit einer langen, gemeinsamen Improvisation. Nach ein paar Minuten gesellen sich die Bässe für einen Moment dazu, danach soliert Williams mehrfach für längere Zeit, sodass man sagen kann, die letzten fünf oder sechs Minuten gehören ihm. Dennoch hat man nie das Gefühl, dass Williams die Musik als Bühne benutzt, um seine Fähigkeiten zu demonstrieren, vielmehr wirken seine Beiträge wie musikalische Statements. Sie weisen Pausen auf und kommen ohne instrumentale Pyrotechnik aus.

 

War Red dicht und unheilvoll, ist Green leichter und luftiger, beide sind komplementäre Teile eines Ganzen.



Auf Seite 2 werden selbst die rudimentären Songstrukturen weiter aufgelöst. Es gibt kaum noch melodische Wegmarken, an denen man sich orientieren könnte; die Musiker und ihre Instrumente werden eher zur Farbgebung oder Erzeugung einer klanglichen Textur eingesetzt. Tomorrow Afternoon ist eine lange Gruppenimprovisation, die, wie Williams selbst, ständig ihr Gesicht ändert. Es gibt freie Momente, die abwechseln mit Passagen, die von einem fiebrigen Walking Bass getragen werden. Williams scheint sich permanent unsicher zu sein, ob er nun zu dem Bass oder gegen ihn spielen soll und manchmal, wenn Williams auf einer seiner Trommeln den Puls besonders verzögert, dann wirkt es, als wolle er Peacock einfangen, bevor er mit seinem Bass davonläuft. Gibt es Soli? Klar, irgendwie besteht das ganze Stück aus Improvisationen, und zwar von allen drei Akteuren, aber ich könnte nicht genau sagen, wo die Soli enden und das „Thema“ beginnt – wenn denn eins ausnotiert ist. Es grenzt an ein Wunder, dass das Stück nicht auseinander fällt, aber das tut es nicht und irgendwann ist dann auf einmal Schluss und wir fragen uns, was wir da gerade gehört haben.

 

Memory geht tatsächlich noch einen Schritt weiter. Es klingt eigentlich kaum noch wie Musik, sondern eher wie eine Collage aus Geräuschen. Williams bedient eine Reihe von perkussiven Tools, von Schlaginstrumenten kann man nicht immer reden, es klingt teilweise, wie klickende Geräusche exotischer Vögel, die Hancock mit sporadischen Pianoclustern kommentiert, Hutcherson entlockt seiner Marimba währenddessen geisterhafte Triller.

 

Barb’s Song to the Wizard, ein Feature für Herbie Hancock und Ron Carter, ist ruhiger, bleibt aber so radikal unkonventionell wie der Rest der Platte. Hancock und Carter mögen 1964 bei Miles noch Stücke wie Walkin’ und Autumn Leaves gespielt haben, aber hier dürfen sie ihre freien Credentials unter Beweis stellen. Frei bedeutet hier, dass sich die Musik von Bop-Harmonik gelöst hat, nicht frei wie beim formauflösenden Free Jazz. Es gibt noch eine Rest-Harmonik, nur klingt sie vager, ohne fest definierte tonale Zentren*. Den roten Faden des Stückes bildet ein dreitöniges Klaviermotiv, das rhythmisch nahezu unverändert immer wiederkehrt, melodisch jedoch variiert wird. Harmonisch ist es schwer fassbar, die Akkorde scheinen zwischen Tonalitäten zu schweben, aber zwischendurch gibt es auch immer wieder mal kurze Momente von impressionistischer Lieblichkeit, kleine lyrische Inseln in einer dissonanten See. Carter improvisiert über Hancocks unsteten Hintergrund.

 

Vielleicht zeigt gerade dieses Stück, wie ernst es Williams auch seine Arbeit als Komponist nahm. Wie anders lässt sich erklären, dass ein Ausnahmeschlagzeuger wie er sein Debütalbum mit einer Kammermusik beschließt, bei der er selbst keine einzige Note spielt?

 

Fazit: Ein avantgardistisches Meisterwerk. Life Time bricht mit Blue Notes ikonischem Labelsound, aber eine Top-40-Platzierung war sicher nicht das Ziel dieser fremdartigen und mutigen Musik. Hier wurde musikalisches Neuland erkundet. Unfassbar, dass dieses Album auf das Konto eines erst achtzehnjährigen Schlagzeugers ging. Dennoch, trotz aller Sperrigkeit: die Verbindung zur Harmonik wird nie vollständig gekappt. Bitte beim Erstkontakt nicht entmutigen lassen, Geduld und Aufgeschlossenheit werden belohnt.

 

Musik: *****

 

Sound: Die Stereoabbildung ist etwas ping-pong, aber der Klang der Instrumente schön fett und lebensnah. Besonders die Geräuschcollage auf Memory macht richtig Spaß.

 

Verfügbarkeit auf Vinyl: Im Sommer 2026 gut zu bekommen. Life Time ist Teil von Blue Notes exquisiter Tone Poet Series und mit c. 40 € entsprechend teuer. In der Regel sind Tone Poets makellos, aber meine Platte knistert auf Green.

 

 

*Für ungeübte Hörer wie den armen NJF. Ein Musikologe hört vermutlich sofort, was Sache ist. In einschlägigen Foren ist von Quartenschichtungen die Rede. Quartenakkorde verzichten auf die prägende Terz, sodass ihnen ein eindeutiges Tongeschlecht (Moll oder Dur) fehlt. Daher das „vage“ Gefühl.



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