Andrew Hill - Judgment!

Veröffentlicht am 16. November 2025 um 22:34

Andrew Hill – Judgment

Blue Note BST 84159, 01/1964, Engineer: Rudy van Gelder, Producer: Alfred Lion

Andrew Hill – p; ; Bobby Hutcherson – vib; Richard Davis – b; Elvin Jones – ds;

 

Side A:

1) Siete Ocho

2) Flea Flop

3) Yokada Yokada

 

Side B:

1) Alfred

2) Judgment

3) Reconciliation

 

Auf dem eindrucksvollen Cover von Judgment! sehen wir unten links im Bild Andrew Hill in Mantel und Handschuhen, an eine Wand lehnend und mit unbewegter Miene in die Kamera blickend. Hill steht in einem kleinen Lichtbogen in einem nüchternen Blauton. Darüber liegt alles im Dunkel, bis wir ganz oben auf dem Cover den Albumtitel und Hills Namen finden. Bereits das Coverdesign mit seinen großen, dunklen und strukturlosen Flächen lässt ahnen, dass dieses Album nicht für Jukeboxes oder Soul-Jazz-Clubs gedacht ist – und ja, die Musik ist so karg und kompromisslos wie das Cover.

 

Interessant am Rande: Im Labelkatalog folgt Judgment! unmittelbar auf Lee Morgans The Sidewinder und Good Move von Freddie Roach. Dass Alfred Lion überhaupt so eine Platte veröffentlichte – Lichtjahre entfernt von Soul Jazz und Hard Bop nach Schema F und von der er vermutlich wusste, dass sie nie viel Geld einspielen würde – verdient Respekt. Es zeigt, dass es Lion nicht nur ums Geld ging, sondern dass er von Hill wirklich überzeugt gewesen sein muss.

 

Um seine Ideen umzusetzen griff Hill dann auch nicht auf die Labelriege der üblichen Hard Bopper zurück, sondern holte mit Bobby Hutcherson am Vibraphon einen ähnlich experimentierfreudigen Musiker ins Boot, auch im Maschinenraum schufteten mit Richard Davis am Bass und Elvin Jones zwei musikalische Abenteurer.

 

Wie gesagt, die Musik macht erst gar nicht den Versuch, sich dem Massengeschmack anzubiedern. Kompositorisch bewegt sich Judgment! zwischen Struktur und Freiheit. Keine leichte Kost: abstrakt und oft sperrig, aber auch nicht völlig unzugänglich.

 

Dafür sorgt besonders Vibraphonist Hutcherson, dessen Soli es noch am ehesten schaffen, eine Brücke zu schlagen zwischen dem regulären Labelprogramm und tonaler Freiheit. Er mag sich auf harmonisch offenem Gelände bewegen, aber man hat immer das Gefühl, dass seine eleganten Beiträge, etwa auf Flea Flop, sich auch in einem konventionelleren Kontext gut machen würden. Anders dagegen Hill selbst: ich finde seine Soli wirklich spannend, weil man nie weiß, wo sie hinführen, aber sie klingen definitiv nicht nach Bye-bye Blackbird. Es gibt dissonante Cluster, dramatische Pausen, heftige Anschläge einzelner Noten und kurze schnelle Läufe in einer ganz eigenen Dramaturgie, die sich mir zwar nicht wirklich erschließt, aber nie zufällig wirkt.

 

Ein Wort zur Rhythmusabteilung: In der ersten Hälfte der 60er war Richard Davis beinahe so etwas wie der Hausbassist der Avantgarde. Judgment! war sein zweites Album mit Hill; zuvor hatte er bereits bei Black Fire mitgewirkt. Sein Spiel ist meilenweit entfernt von straightem Walking Bass, der hier nur sporadisch zu hören ist. Davis setzt Double Stops ein, synkopiert, verzögert und beschleunigt und verharrt, wenn es die Situation verlangt, auch mal eine Weile auf einer Note. Doch nie klingt sein Spiel nach reinem Selbstzweck, im Gegenteil. Man hat den Eindruck, dass er genau zuhört und sich mit den anderen die Bälle zuspielt; in diesem Sinne sind seine Beiträge hochgradig gruppendienlich. In Alfred spielt er beinahe eine dritte Melodiestimme unter Hutcherson und Hill, was dem Stück gut steht. Auf Reconciliation liefert er ein virtuoses Solo, das zwar auch nicht unbedingt konservativ genannt werden kann, aber zumindest in Ansätzen das tut, was solche Soli im Jazz immer getan haben: dem Mann am Bass eine kurze Gelegenheit geben, ins Scheinwerferlicht zu treten. Und dann ist da natürlich noch Elvin Jones, der immer mehrere Rhythmen gleichzeitig zu spielen scheint und selbst ausgefallenere Metren wie den 7/8-Takt von Siete Ocho wie die natürlichste Sache der Welt erscheinen lässt – so sehr, dass man stellenweise das Gefühl hat, er würde hinter den anderen lässig ein wenig solieren, weil ihn die reine Begleitung schlicht unterfordert. Im Team bewegen sich Davis und Jones jedenfalls unvergleichlich geschmeidig.

 

Und die Kompositionen? Natürlich auch bizarr, alles andere würde hier nicht passen. Wer Melodien wie bei Horace Silver sucht, wird mit Hill nicht glücklich. Das heißt aber nicht, dass es bei Hill keine Melodien gäbe, sie sind nur… anders. Hill zieht seine Inspiration nicht zwingend aus großen Gefühlen, eher wirkt es, als schaue er auf das Leben wie ein Theater des Sonderbaren: In Flea Flop sollen, so Hill im Klappentext, die ersten Noten einen springenden Floh darstellen, und wenn man das weiß, kann man es im Geist auch sehen. Yokada Yokada portraitiert das sinnfreie Geplapper zwischen Menschen, anscheinend auch vor 60 Jahren schon ein Thema, mit seltsamen Clustern von Hill und insistierenden Trillern von Hutcherson. Alfred dagegen ist ruhig, stellenweise fast zärtlich. Eine Verbeugung vor Lion, mehr Klangmalerei als Komposition und ein wirklich schönes Stück. Und es muss nochmal betont werden: mit absolut superbem Bass von Davis.

 

Aber am Ende wird man Judgment! nicht gerecht, indem man bei der Analyse einzelne Titel durchgeht. Das Album funktioniert weniger als Sammlung individueller Stücke denn als Gesamterfahrung. Diese Platte hörst du nicht wegen der Schönheit der Kompositionen, sondern weil sie seltsam klingt, kompromisslos anders, far out und doch nie anarchisch. Sie ist rätselhaft, kraftvoll und substanziell.

 

Großes, wenn auch schräges Kino!

 

Musik: ****1/2

 

Sound: Insgesamt gut; der Bass von Davis klingt schön holzig, Hutchersons Vibes und die Drums von Jones haben griffige Präsenz. Der Pianoklang ist etwas mittig und leicht blechern, aber das tut der Freude am Album keinen Abbruch.

 

Verfügbarkeit: kommt am 21. November 2025 in Blue Notes Classic Vinyl Edition raus und dürfte dann leicht zu bekommen sein.

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