Art Blakey and the Jazz Messengers - Meet You at the Jazz Corner of the World Vol. 1

Veröffentlicht am 16. Juli 2026 um 14:16

 

Art Blakey And The Jazz Messengers – Meet You at the Jazz Corner of the World Volume 1

Blue Note BST-84054, 09/1960, Engineer: Rudy van Gelder, Producer: Alfred Lion

Lee Morgan – tp; Wayne Shorter – ts; Bobby Timmons – p; Jymie Merritt – b; Art Blakey – ds;

 

Side A:

1) The Opener

2) What Know

3) The Theme

 

Side B:

1) ‘Round About Midnight

2) The Breeze and I

 

Seit dem stilbildenden Moanin’ waren noch keine zwei Jahre vergangen, aber sowohl die Jazz Messengers als auch Blue Note hatten keine Zeit verschwendet und vier Alben veröffentlicht. Darunter waren allerdings zwei Live-Aufnahmen: At the Jazz Corner of the World Vol.1 und Vol.2, eingespielt im Jahr 1959, fingen die vorherige Inkarnation der Jazz Messengers mit Hank Mobley am Tenor ein. Danach verließ Mobley die Band und ein Mann stieg ein, der nicht nur die Messengers, sondern den Jazz des kommenden Jahrzehnts wesentlich mitgestalten würde: Wayne Shorter. Sein Debüt mit Art Blakey feierte er auf The Big Beat, es folgten A Night in Tunisia* und schließlich das Album, um das es hier geht.

 

Die Jazz Corner of the World war das berühmte Birdland in NYC an der 52nd Street/Ecke Broadway. Blakey muss sich dort wohlgefühlt haben, denn nach A Night in Birdland (1954) und der obengenannten Session von 1959 war dies bereits das dritte Mal, dass man hier aufnahm. Wenn man Blakey live auf Blue Note noch nicht im Regal hat, steht man vor einem Problem: Aus der Zeit zwischen 1954 und 1960 gibt es sechs Messengers-Alben aus dem Birdland (von allen gibt es jeweils Volume 1 and 2). Womit fängt man an?

 

Nicht leicht zu beantworten. Da die Besetzungen der Messengers häufig wechselten, hängt es natürlich stark davon ab, welche Musiker man bevorzugt und welche Titel einem besser gefallen, denn normalerweise waren die Messengers in Spiellaune, mehr dazu unten. Interessant ist, dass eine Schlüsselfigur, der Tenorsaxofonist Hank Mobley, sowohl 1954 als auch 1959 dabei war, danach kam Shorter. Mobley hat ja seit einigen Jahren eine gar nicht so kleine Zahl ausgewiesener Jünger, die sein lockeres und wenig deklamatorisches, aber effektives Spiel extrem schätzen. Diese Leute sind vermutlich mit den älteren Sessions besser bedient. Ich dagegen muss zugeben, dass ich mit Wayne Shorter mehr anfangen kann. Trotzdem würde auch ich, hätte ich noch keine Live-Aufnahme von den Jazz Messengers, zuerst zu einer der älteren Aufnahmen greifen.

 

Der Grund ist – wie könnte es anders sein – rein subjektiv: Ich habe das Gefühl, dass Meet You at the Jazz Corner of the World Volume 1 (Vol. 2 habe ich nicht, und es steht auch nicht oben auf meiner Einkaufsliste) musikalisch ein wenig zwischen den Stühlen sitzt. Das ist eigentlich bei den Jazz Messengers völlig ungewöhnlich, und das Album ist auch nicht schlecht, aber es gibt eben die Momente, da scheinen die Mitglieder des Teams in verschiedene Richtungen zu ziehen. Darüberhinaus finde ich auch das Repertoire eher solide als wirklich inspirierend, besonders mit Blick auf die letzten Studio-Alben:

 

Moanin' und The Big Beat waren zwei unbestrittene Klassiker im Bandkatalog. Moanin’ war stark Gospel- und Blues-geprägt. Benny Golson spielte nicht nur Tenorsax, sondern fungierte auch als musikalischer Leiter und lieferte Hard-Bop-Hymnen wie Blues March oder Along Came Betty, dazu kam Bobby Timmons' unsterbliches Titelstück. Auf The Big Beat hingegen hatte Wayne Shorter Golson nicht nur am Tenorsaxofon abgelöst, sondern den Klang des Albums mit drei Kompositionen in eine modernere, harmonisch offenere Richtung gelenkt. Diese emanzipieren sich deutlich von Blues und Gospel und kommen insgesamt schräger daher. Ich will mir gar nicht anmaßen zu beurteilen, welches Album besser ist: Geschmackssache, aber die Stärke beider ist eine thematische Geschlossenheit...

 

... die ich hier vermisse. Da hast du einen Titan wie Shorter in der Band und spielst keines seiner Stücke, andererseits gibt es, obwohl wir es mit einem Live-Album zu zun haben, keinen von Timmons’ populären Gassenhauern wie Moanin’ oder Dat Dere, bei denen der Pianist oder Lee Morgan glänzen können. Stattdessen bekommen wir als Opener das schnelle, aber etwas funktionale The Opener von Hank Mobley – immer gut, wenn der Komponist auch bei der Titelwahl reichlich Fantasie investiert. Ein boppiges Stück, das klingt, als seien mehrere Ideen gegen ihren Willen zusammengetackert worden. Wayne Shorter nimmt das erste Solo, wirkt dabei jedoch leicht unterfordert und schmückt das relativ bodenständige Material mit einigen Notengirlanden aus. Bobby Timmons dagegen scheint hier in seinem Element und verzichtet auf gospelige Akkord-Cluster zugunsten von langen Single-Note-Linien.

 

Lee Morgans What Know ist kantiger und mit seinem Beat Switch zwischen Swing und Latin in der Bridge interessanter. Es bietet auf diesem Album noch am ehesten den packenden Hard Bop, den man mit den Messengers verbindet und dementsprechend verbindlich wirkt die Performance. Die Melodiesolisten geben, jeder auf seine Art (Shorter harmonisch frei und dynamisch, Timmons bluesig-packend, Morgan irgendwo dazwischen) reichlich Butter bei die Fische, während Merritt und Blakey einen treibenden Shuffle unterlegen.

 

Mein zweites Highlight der Platte ist eine dramatische Version von Thelonious Monks Round Midnight, aber auch dieses Stück ist kein völlig ungetrübter Genuss. Das progressive Solo von Shorter finde ich große Klasse, besonders die eruptiven Momente, wenn er sein Horn überbläst. Dafür bleibt Timmons auf dieser bittersüßen Ballade in seinem Gospelkonzept gefangen. Das muss ja nicht zwingend ein Problem sein (und funktioniert auf What Know auch gut), aber für mein Empfinden bewegten sich Timmons und Shorter musikalisch auf Spuren, die in völlig andere Richtungen laufen.

 

Als ich Shorters Solo auf The Breeze and I zum ersten Mal gehört habe, dachte ich: da spielt einer neben der Band statt mit ihr, aber diesen Eindruck musste ich nach mehreren Durchgängen revidieren. Es ist nicht so, dass die Solisten während ihrer Beiträge die anderen aus den Augen verlieren, vielmehr finden die unterschiedlichen Temperamente nicht recht zusammen. Vielleicht bilde ich mir das alles auch nur ein, aber den Eindruck einer unterschwellig mangelnden Kohärenz konnte ich während des gesamten Albums nicht abschütteln. Einzig beim kurzen The Theme am Ende von Seite 1 schnurrt der Bandmotor mit der typisch runden Geschmeidigkeit.

 

Fazit: Keine wirklich schlechte Scheibe, aber insgesamt durchwachsen, trotz einiger starker Momente bei What Know, Round Midnight und The Theme. Verantwortlich dafür ist aber nicht ein routiniertes Programm ohne echte Highlights, eher eine Band im Umbruch zwischen einem gospel- und bluesgetränkten Hard Bop und der moderneren, harmonisch freieren Phase, die der Bandeintritt Shorters einläutete.

 

Musik: ***1/2

 

Sound: Lebendig und dynamisch, aber Rudy van Gelders Neigung, die Band „heiß“ mitzuschneiden, treibt die Aufnahme wiederholt in die Übersteuerung. Hörbar, aber keine audiophile Delikatesse.

 

Verfügbarkeit: Im Sommer 2026 gut, Teil der Blue Note Classic Vinyl Series.

 

*Die Session zu A Night in Tunisia war ergiebig und warf genug Material für ein zweites Album ab. Bis zur Veröffentlichung von Like Someone in Love, das neben dem Titelstück drei Kompositionen von Shorter und eine von Morgan enthielt, vergingen jedoch noch sieben Jahre.

 

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