Grant Green – Idle Moments
Blue Note BST-84154; 11/1963; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion
Joe Henderson – ts; Bobby Hutcherson – vib; Duke Pearson – p; Grant Green – gtr; Bob Cranshaw – b; Al Hartewood – ds.
Side A:
1) Idle Moments
2) Jean De Fleur
Side B:
1) Django
2) Nomad
Idle Moments war einer dieser nicht planbaren Glücksfälle. Man kann vieles beeinflussen, kann Studio, Tontechniker und Musiker mit Bedacht auswählen und dafür sorgen, dass sie sich wohlfühlen. Aber vollständig kontrollieren lassen sich die Begleitumstände nie, schon gar nicht bei Musik, die wie Jazz im Moment entsteht und wo sich Fehler einschleichen und es trotzdem, oder erst dadurch, genau passt. Und das ist hier passiert.
Idle Moments, aufgenommen im November 1963, war für Grant Green bereits die achte Aufnahme als Leader für Blue Note innerhalb eines Zeitraumes von ungefähr zweieinhalb Jahren. Sie müssen ihn dort wirklich gemocht haben: Rechnet man seine Jobs als Sideman dazu, dann hatte er seit seinem Debüt an die dreißig Sessions für das Label gespielt. Einer der Gründe dafür mag seine stilistische Vielseitigkeit gewesen sein: Unter seinen eigenen Aufnahmen finden sich Orgel-Trios (Grant’s First Stand), Hard-Bop-Quartette (Grantstand) und -Quintette (Am I Blue), Gospel (Feelin’ The Spirit) und Latin-Jazz (The Latin Bit). Keine dieser Platten wurde ein Klassiker, obwohl sie immer wieder mal aufgelegt wurden und meistens in irgendeiner Form zu haben waren, ob auf CD oder Vinyl.
Es ist nicht ganz klar, wer genau für das Personal auf Idle Moments verantwortlich war. Green hatte schon mit Bassist Cranshaw, Drummer Harewood und Tenorsaxofonist Henderson gearbeitet, Pianist Pearson mit Vibraphonist Hutcherson, und wahrscheinlich hatte auch Produzent Lion seine Hand mit im Spiel. Vermutlich haben Green, Pearson und Lion die Gruppe gemeinsam gecastet, aber wie auch immer: Der Ensembleklang ist derart perfekt austariert, dass man sich hier keine anderen Musiker vorstellen mag, eigentlich nicht vorstellen kann.
Das Titelstück, die erste von zwei Kompositionen Duke Pearsons, macht den Anfang. Es war spät, weit nach Mitternacht, und Pearson, der hier auch als Arrangeur fungierte, hatte geplant, das Thema zweimal zu spielen und dann jedem Solisten zwei Chorusse zu gewähren. Labelchef Lion hatte ein Stück mit ungefähr sieben Minuten Spieldauer gefordert, die sollten nicht überschritten werden. Grant Green jedoch, der erste Solist, missverstand Pearson und solierte über vier Chorusse. Damit war das Muster etabliert und das Schicksal nahm seinen Lauf. Pearson übernahm von Green und solierte über dieselbe Dauer, ebenso Henderson und Hutcherson im Anschluss. Am Ende hatten die Musiker bei Idle Moments ein gutes Gefühl, aber knapp fünfzehn Minuten Musik. Trotz der späten Stunde spielte man weitere Takes ein, doch keiner hatte den Zauber des Originals, das es dann auch auf die Platte schaffte. Zum Glück!
Was macht gerade diese Version so besonders? Idle Moments ist für mich einer der seltenen Momente improvisierter Vollkommenheit, eine introspektive Ode an die Entschleunigung. Und deshalb ist die lange Spieldauer wesentlich für den Erfolg des Stückes, sie wird zum Schutzraum vor der Hektik der Außenwelt. Hier haben die Solisten Zeit für ausgedehnte, kontemplative Beiträge, die sich mehr entfalten als entwickeln und paradoxerweise gerade durch ihre Langsamkeit an Intensität gewinnen. Das Ergebnis ist eine wunderbar nachdenkliche Stimmung, die ich so bei keinem anderen Stück kenne.
Eine derart geschlossene Atmosphäre kann nur erreicht werden, wenn man als Team arbeitet. Was auf allen Stücken auffällt, ist das kollegiale Zusammenspiel der Gruppe. Hier will sich niemand profilieren oder den anderen ausstechen, vielmehr scheinen alle gemeinsam an einer schwer fassbaren Stimmung zu arbeiten, an einer Art weiter Klangarchitektur, die Raum bietet für leise, ephemere Zwischentöne. Das heißt nicht, dass alle Solisten gleich klingen. Green hat einen singenden, mittenreichen Ton und einen linearen, melodischen Solostil mit relativ begrenzter Dynamik, der auf dramatischen Akkorddonner verzichtet (wobei ich an sich überhaupt nichts gegen Akkorddonner habe, siehe meine Bemerkungen zu Wes Montgomerys Full House), der hervorragend zur sanften Melancholie des Albums und besonders des Titelstücks passt. Green bleibt in seinen Soli eng an der Melodie und tiefenentspannt; er entlässt die Töne quasi einzeln in den Raum. Duke Pearson spielt in einem ähnlichen Geist, lyrisch, meist frei von Blue Notes, sparsam und nachdenklich. Joe Henderson liefert dazu einen Kontrast: Sein leicht rauer Ton verleiht seinen Beiträgen eine etwas herbere Note, eine leichte Bitternis, die das Album erdet, sodass es trotz seiner zahlreichen lyrischen Momente niemals lieblich klingt. Hutcherson schließlich schafft mit seinem reduzierten, phasenweise fast statischen Spiel schimmernde Klangflächen, auf denen die Gedanken wandern dürfen.
Und dann ist da natürlich noch die Rhythmusgruppe: Wie auch die Solisten spielen Harewood und Cranshaw extrem gruppendienlich und oft so zurückhaltend, dass man sie eher als Teil der Klangumgebung wahrnimmt, weniger als starke Einzelstimmen. Das mag wie Kritik klingen, ist aber anerkennend gemeint. Bei Idle Moments etwa erheben sich Harewoods Besen gerade so über den Rauschteppich, sporadisch setzt er einen Akzent mit einem Beckenschlag. Cranshaw liefert auf seinem Bass kaum mehr als einen Puls, wie der Herzschlag der Erde. So schaffen sie weite Räume für die Solisten. Sie selbst spielen auf dem gesamten Album kein Solo, allerdings hat Harewood auf dem Vamp im Outro von Greens Komposition Jean de Fleur ein paar Momente.
Jean de Fleur ist der Up-tempo-Swinger der Platte, schafft jedoch hauptsächlich einen Kontrast bei der Geschwindigkeit, nicht bei der Stimmung, die zurückhaltend und kontrolliert bleibt. John Lewis’ Django dagegen greift mit seiner geradezu funeral schreitenden Einleitung und der elegischen Schönheit seiner Melodie den Vibe des Titelstückes noch einmal auf. Nach dem Thema wechselt das Stück in einen locker wiegenden Flow, in dem alle Solisten verhalten bluesig klingen. Den Abschluss macht Pearsons Nomad, ein schön arrangierter modaler Workout in strammem Takt, bei dem die Solisten sich an Skalen über weitgehend statischen Moll-Akkorden abarbeiten – hier liebe ich, und ich wähle den Begriff bewusst, die schnörkellose, rund schnurrende Rhythmusgruppe, die einmal mehr einen Groove-Teppich auslegt, auf dem sich die solierenden Helden präsentieren können.
Fazit: Ein absolutes Highlight im Katalog von Blue Note. Grant Green mag nominell der Leader sein, aber die Platte ist ohne seine Begleitmannschaft undenkbar. Alle leisten prägende Beiträge: Duke Pearson als Pianist, Komponist und Arrangeur, Joe Henderson als kontrastierende Stimme zu Green, Hutcherson mit der Strahlkraft seines Vibraphonklanges und die Rhythmusgruppe als Anker, der verhindert, dass diese schwerelose Musik davontreibt.
Musik: *****
Sound: Lebendiger, gut ausbalancierter Klang der Melodieinstrumente. Die Becken von Harewood klingen etwas verhalten, aber allemal besser als zu viel Pfeffer in den Höhen.
Verfügbarkeit auf Vinyl: Im März 2026 gut, da Teil der Classic Vinyl Series.
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