Walter Davis Jr. - Davis Cup

Veröffentlicht am 9. Juni 2026 um 21:29

 

Walter Davis Jr. - Davis Cup

 

Blue Note BST 84018; 08/1959; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion

Donald Byrd – tp; Jackie McLean – as; Walter Davis Jr. – p; Sam Jones – b; Art Taylor – ds.

 

Side A:

1) ‘Smake It

2) Loodle-Lot

3) Sweetness

 

Side B:

1) Rhumba Nhumba

2) Minor Mind

3) Millie’s Delight

 

Walter Davis Jr. wurde am 2. September 1932 in Richmond, Virginia, geboren. Schon in seiner Jugend spielte er Jazz, und Anfang der 1950er zog er nach New York. Dort war er in einer Reihe unterschiedlicher Bands aktiv. 1952 spielte er mit Max Roach, 1956 schloss er sich Dizzy Gillespie für eine Tournee durch Europa und den Mittleren Osten an, und zum Zeitpunkt dieser Aufnahme war er Teil der Jazz Messengers. Im Studio war er allerdings mit keiner dieser Formationen.

 

Das änderte sich erst, als er in den Orbit von Blue Note geriet: Auf Jackie McLeans Album New Soil (BST 84013) spielte er Piano und steuerte drei Kompositionen bei. Ein paar Wochen später durfte er dann selber als Leader ins Studio. Da man sich kannte, nahm er die Frontline von New Soil gleich mit: Neben Jackie McLean am Altsaxophon war das Donald Byrd an der Trompete. Für die Motorisierung sorgten die Hard-Bop-Routiniers Sam Jones am Bass und am Schlagzeug der omnipräsente Art Taylor, ein treuer Freund dieses Blogs.

 

Davis gehörte zu den Eintagsfliegen des Hard Bop auf Blue Note: Ähnlich wie Lou Mecca, John Jenkins oder auch die Leipzigerin Jutta Hipp trat Walter Davis Jr. für einen kurzen Moment ins Rampenlicht, um danach lange unterzutauchen. Davis Cup ist sein einziges Album als Leader für das Label. Im Anschluss an die Aufnahmen gab er seine Karriere als Musiker vorerst auf und arbeitete eine Weile als Schneider. Erst ab Ende der 1960er hörte man sporadisch wieder von ihm, aber da war die große Zeit des Jazz vorbei. Ein gutes halbes Jahr vor seinem Tod im Juni 1990 gastierte er mit Art Blakeys Jazz Messengers auf den Leverkusener Jazztagen. Dabei muss ich ihn gesehen haben, denn ich war mit ein paar Freunden da, um Blakey zu hören. An Blakey kann ich mich noch erinnern, aber leider achtete ich damals weniger auf seinen Pianisten. Übrigens sollten es auch für Blakey die letzten Jazztage sein; er starb im Oktober 1990.

 

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Aber zurück zum Album. An Selbstbewusstsein dürfte es Davis nicht gemangelt haben, denn anders als die meisten seiner Zeitgenossen gab er sich nicht damit zufrieden, ein Programm aus Standards und eilig zusammengestrickten Blues abzuspulen. Stattdessen komponierte er alle sechs Titel auf Davis Cup und keiner davon ist ein riff-basierter Blues von der Sorte, die du in zehn Minuten schreibst. Aber die entscheidende Frage ist natürlich, ob die Eigenkompositionen genügend Profil bieten, um mit den etablierten Standards mithalten zu können.

 

Und größtenteils können sie das, auch wenn die Platte insgesamt keineswegs mit der etablierten Formel für labeltypischen Hard Bop bricht, im Gegenteil: Hard Bop wird hier eher verkörpert als infrage gestellt. 

 

Überwiegend ist Davis Cup angenehm zu hören, weil das Material durchweg neu und frisch klingt. Hymnen für die Ewigkeit sind allerdings nicht dabei und wer den vergleichsweise grellen Ensembleklang von Byrds Trompete und McLeans Altsax nicht so sehr mag, in einigen Momenten gehöre ich selber dazu, für den ist das Hörvergnügen nicht völlig ungetrübt. Besonders Byrds häufige Ausflüge in die hohen Register können zuweilen anstrengen.

 

Der Opener ‘Smake It ist ein boppiger Uptempo-Swinger und gleich das erste Beispiel daür. Während sich Davis in seinem Solo vorwiegend im mittleren Register bewegt, treiben Byrd und McLean ihn dabei mehrfach mit Bläser-Riffs an, die beinahe überbelichtet wirken. Auch in seinem Solo klingt Byrd passagenweise etwas schrill, während McLean wendig und souverän durch die Changes navigiert.

 

Loodle-Lot nimmt ein wenig Tempo raus und zeigt sich melodisch zugänglicher, doch auch hier möchte man Byrd in seinem Solo fast zurufen, bitte mal den Fuß vom Gas zu nehmen. Aber was rede ich? Davis selber sagt dazu in den Liner Notes: „And Donald – he can really interpret your music.“ Er wird es ja gewusst haben.

 

Dass Byrd auch anders konnte, zeigt er dann bei der Ballade Sweetness, dem Closer von Seite 1: trotz seines Titels klingt dieses melancholische Stück niemals zuckrig. Lange denkt man, dass es von Davis allein mit der Rhythmusgruppe gespielt wird, aber nach einigen Minuten bekommt Byrd zwei kurze Passagen und lässt sich hier gefühlt mehr Zeit. Er klingt entspannter, als könne er sich ohne die Konkurrenz von McLean freier entfalten.

 

Hätte ich Davis Cup auf CD, dann würde ich Rhumba Nhumba meistens skippen. Ich kann mit latinisiertem Jazz nicht immer etwas anfangen (bin aber auch nicht prinzipiell dagegen – bei Horace Silver zum Beispiel stören mich seine Latin Beats überhaupt nicht), und den karnevalistischen Gute-Laune-Vibe des Themas empfinde ich fast als aufdringlich. Während der Soli, immerhin der Löwenanteil des Stücks, geht es in einen zügigen 4/4-Swing und die Welt ist für eine Weile wieder im Lot.

 

Vielleicht mal ein Wort zu Davis selbst: Im Internet habe ich einen Artikel gelesen, der bei ihm eine starke stilistische Ähnlichkeit zu Thelonious Monk feststellt. Ehrlich gesagt höre ich die nicht. Vielmehr beschreibt Davis Art Tatum (von dem ich nichts habe und dazu folglich auch nichts sagen kann) und Bud Powell als seine Lieblingspianisten, und Powell steht er meiner Meinung nach auch deutlich näher als Monk. Andererseits ist Davis durchaus sein eigener Mann. Wenn man ihm auf Minor Mind zuhört, einem moll-gefärbten Swinger im oberen Midtempo, dann erinnert sein Ton vielleicht an den Powells, aber er spielt mit Pausen, lässt Töne und kleine Figuren mehr atmen als der große Bebopper. Und in dieser (aber auch nur dieser) Hinsicht erinnert er dann doch ein wenig an Monk.

 

Das Album endet, wie es begann: im boppigen Uptempo. Millie’s Delight schließt den Kreis zum wesensverwandten ‘Smake It und im Grunde könnte ich dasselbe dazu sagen: Davis, McLean und Byrd bekommen ihre Soli, die sie kompetent und stilsicher erledigen; die Rhythmusgruppe agiert, wie auf den anderen Stücken, mit routinierter Effizienz. Ich finde Byrd stellenweise vielleicht übermotiviert, aber Davis mochte ihn, und damit ist die Sache erledigt.

 

Fazit: Trotz meiner Vorbehalte muss ich fairerweise konstatieren, dass Davis Cup über weite Strecken eine entwaffnende Zuversichtlichkeit ausstrahlt. Eigentlich klingt die Platte nach jemandem, der große Pläne hatte, was das Verstummen von Davis im Anschluss an die Session umso seltsamer macht. Sicher, man findet bei Davis weder die eingängigen Melodien Horace Silvers, noch die Hard-Bop-Power Art Blakeys oder den Club-Drive von Jimmy Smith, aber Davis Cup ist eine gute Platte und bietet einen ehrlichen Versuch, frischen kompositorischen Wind in eine Szene zu bringen, die sonst (zu?) häufig auf Standards zurückgriff. Vielleicht kein Pflichtkauf und nicht unbedingt der ideale Einstieg in den Labelkatalog von Blue Note, aber wer auf der Suche nach einem echten Hard-Bop-Exoten jenseits der Silvers, Morgans und Blakeys ist, kann getrost zugreifen.

 

Musik: ***1/2.  Fans von Byrd und/oder Davis dürfen einen halben Stern addieren.

 

Sound: Soweit ich weiß, war Davis Cup die erste Aufnahme in Rudy van Gelders neuem Studio in Englewood Cliffs! Offensichtliche Qualitätsprobleme gab es nicht, aber auch keine Quantensprünge: das knapp zwei Jahre ältere Newk's Time klingt mindestens genauso gut. Der Klang ist wie immer bei van Gelder weitgehend ausgewogen und lässt jedem Instrument genug Raum. Beim Hall auf den Drums war man großzügig, das stört aber nicht wirklich.

 

Verfügbarkeit auf Vinyl: Im späten Frühjahr 2026 nur gebraucht bei den einschlägigen Anbietern. Recht selten, daher um die 40€.

 

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