Zweimal Bennie Green: Back on the Scene vs. Soul Stirrin’

Veröffentlicht am 16. Juni 2026 um 23:13

 

Benny GreenBack on the Scene

Blue Note BLP 1587; 03/1958; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion

Benny Green – tb; Charlie Rouse – ts; Joe Knight – p; George Tucker – b; Louis Hayes – ds.

 

Side A:

1) I Love you

2) Melba’s Mood

3) Just Friends

 

Side B:

1) You’re Mine, You

2) Bennie Plays the Blues

3) Green Street



Benny GreenSoul Stirrin’

Blue Note BLP 1599; 04/1958; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion

Benny Green – tb; „Jug“ (Gene Ammons), Billy Root – ts; Sonny Clark – p; Ike Isaacs – b; Elvin Jones – ds. Babs Gonzales, Bennie Green - voc*

 

Side A:

1) Soul Stirrin’*

2) We Wanna Cook*

3) That’s All

 

Side B:

1) Lullaby of the Doomed

2) B.G. Mambo

3) Black Pearl

 

Im Umfeld von Blue Notes 1500er Serie mit ihrem Fokus auf den angesagten Hard Bop, zwischen Alben wie Coltranes Blue Train (BLP1577), Sonny Clarks Cool Struttin’ (BLP 1588) oder Cannonball Adderleys Somethin’ Else (BLP 1595) wirken diese beiden Alben des Posaunisten Bennie Green wie ein Anachronismus. Was Green, Jahrgang 1923, hier spielt, mag seine Instrumentierung und Besetzung – ein Quintett auf Back on the Scene, ein Sextett auf Soul Stirrin’ – mit den zeitgenössischen Jazzbands teilen, aber die Musik selber klingt wie eine Zeitreise in die Welt vor dem Bebop, in die Ära der Swing Bands.

 

Dass Alfred Lion Bennie Green aufnehmen wollte, kommt andererseits für mich nicht völlig unerwartet. Wir wissen, dass er Swing mochte, schließlich kam er über die Musik von Sam Wooding zum Jazz, und vielleicht bediente Green eine Sehnsucht in Lion nach genau der Art Musik, die in ihm einst das Feuer entfacht hatte?

 

Genug spekuliert. Bennie (auch Benny) Green kam am 16. April 1923 zur Welt und wuchs in einer musikalischen Familie auf, sein Bruder Elbert spielte Tenorsaxophon. Zu Bennies ersten Vorbildern auf der Posaune gehörten Musiker aus der Swing-Szene wie Trummy Young, der bei Jimmy Lunceford spielte, Tommy Dorsey und J.C. Higginbotham.

 

Gemäß Leonard Feathers Liner Notes zu BLP 1587 erhielt Green seinen ersten Profijob im Jahre 1942, als Budd Johnson, der musikalische Direktor von Earl Hines, ihn hörte und in die Band holte. Nach einer Zwangspause während des zweiten Weltkrieges machte von 1946 bis 1948 bei Earl Hines weiter, bevor er sich für einige Jahre Charlie Ventura anschloss.

 

Während dieser Jahre begegnete er auch den Vorreitern der aufkeimenden Bebop-Bewegung und jammte mit Musikern wie Gillespie und J.J. Johnson, den er 1949 in einem Interview mit dem Down Beat als seinen „Favoriten“ bezeichnete. Das scheint fast ein wenig paradox, da ich in seinem Spiel eher die locker fließende Eleganz des Swing höre als den sperrigen Be-Bop oder den toughen Hard Bop. Im Gegensatz zu Johnson, der die schnellen, komplexen Linien von Charlie Parker auf das Instrument übertrug und einen völlig neuartigen Posaunensound schuf, blieb Bennie Green auf diesem großen Horn ein tief im Swing verwurzelter Sänger mit einem warm-bluesigen Fundament.

 

Und genau das hebt diese beiden Alben im Kontext der 1500er-Reihe hervor. Das gilt übrigens auch für Walkin’ and Talkin’ vom Mai 1959, das Greens Karriere bei Blue Note beendete. Green brachte eine Portion Wärme und Zugänglichkeit mit, die im zuweilen etwas kopflastigen Jazz selten geworden war, aber in den frühern 1960ern im Soul Jazz eine Wiedergeburt erleben sollte.

 

Zu den Alben: Charakterlich sind sie natürlich durch die exponierte Rolle von Greens Posaune verwandt, aber es gibt Unterschiede. Back on the Scene, obwohl chronologisch älter, erscheint mir als das modernere Album. Zum einen liefert das Quintett-Format (Posaune plus Tenor) den klassischen, schlanken Hard-Bop-Sound der späten 1950er. Es gibt mehr Raum für komplexe, durcharrangierte Passagen, auch dank Melba Listons Kompositionen, dazu gleich noch ein Wort.

 

Zum anderen ist da noch Charlie Rouse. Rouse swingt nicht weniger, als „Jug“ (Gene Ammons) und Billy Root auf Soul Stirrin’, aber er swingt anders: intellektueller, kantiger, rhythmisch vertrackter. Sein schnörkelloses Spiel ist vibratofrei, verzichtet weitgehend auf Pathos und bringt stattdessen einen leicht scharfen, fast pfeffrigen Ton sowie eine herbe, sperrige Modernität mit, die ihn später perfekt für Thelonious Monk machte.



****



Was das Material betrifft, gefällt mir Back on the Scene ein wenig besser, was aber kein Werturteil darstellen soll, sondern schlicht meinem Geschmack geschuldet ist. Cole Porters I Love You erröffnet die Platte und Attribute wie warm und zugänglich passen auch hier. Das Stück bewegt sich in einem lockeren Mid-Tempo und alterniert zwischen Latin-Passagen im Thema und straightem 4/4-Swing während der Soli von Green (freundlich einladend und melodisch), Rouse (rauer, mit dem ein oder anderen schnellen Lauf eingestreut) und Knight, der, wie Green, ebenfalls nie heißläuft und eng an der Melodie bleibt. Melba’s Mood, der erste von zwei Titeln der Posaunistin und Arrangeurin Melba Liston, ist mein persönliches Highlight der Platte: Ein wunderbar melancholisches Latin-Wölkchen, das mit gemächlicher Majestät am verzauberten Hörer vorbeizieht. Rouse bekommt das erste Solo, dann Green und bei Knights Beitrag liefern die Bläser sporadisch dezente Kontrapunkte. Der Gassenhauer Just Friends wird in einem leicht gehobenen Midtempo angegangen, aber die Stimmung bleibt locker. Wie auf dem gesamten Album solieren die Melodieinstrumente, die Herren im Maschinenraum arbeiten kompetent, aber weitgehend anonym.

 

You’re Mine You ist die obligatorische Ballade des Albums und Greens Posaunensound ist so warm und einladend wie die Umarmung einer geliebten Person. Auch Rouse beweist seine Wandlungsfähigkeit und agiert hier fast zärtlich. Ein echtes Schaumbad für die Seele. Bei Bennie Plays the Blues dagegen geht es richtig ab. Green zeigt, dass er seine Blues-Lessons in den Swing Bands nicht vergessen hatte und Rouse darf hier nach Herzenslust rau blasen und zeigt, wie lässig er seine Soli dynamisch variieren konnte. Sogar der sonst sehr diskrete Joe Knight würzt seinen Beitrag mit ein paar geblockten Akkorden, bevor die Hörner für einen Chorus riffen und Green noch eine kleine Coda bekommt. Melba Listons Green Street bildet den optimistisch swingenden Abschluss eines abwechslungsreichen Albums.



****



Man sollte meinen, dass Soul Stirrin’ mit seiner Sextett-Besetzung größeren Raum für raffinierte Arrangements bietet, aber die bekommen wir nicht, eher mehr Soli und definitiv mehr Tenorsax. Das Album startet mit dem Titelstück, ein langsam glühender, fingerschnippender Moll-Blues aus der Feder des Bebop-Sängers Babs Gonzales. Green und Gonzales steuern beim ersten Thema eine wirklich coole wortlos gesungene Passage bei, bevor Green, der hier unter dem Pseudonym „Jugs“ agierende Gene Ammons, Sonny Clark und anschließend Billy Root solieren. Randnotiz – die zwei Tenoristen kommen aus der gleichen musikalischen Ecke, aber unterscheiden sich ausreichend in ihrem Stil, um zumindest hier das Gefühl einer Überdosis Tenor zu vermeiden.

 

Greens We Wanna Cook Now ist ein frenetischer Uptempo-Swinger, erneut mit kurzer Vocalese-Einlage zu Beginn, der allen Solisten Raum für feurige Beiträge liefert. Alles gut, aber in diesem Fall spielen Jugs und Root unmittelbar nacheinander, was den Song dann doch ein wenig Tenor-lastig wirken lässt. Die Ballade That’s All ist die einzige Fremdkomposition auf der Platte und nimmt nach dem heftig kochenden We Wanna Cook Now erstmal Druck aus dem Kessel. Green spielt ein langes Solo, anschließend darf Jugs auch noch für einen kürzeren Beitrag ran. Green konnte Balladen, wissen wir ja seit You’re Mine You, und auch hier zeigt er wieder diesen unnachahmlichen und auch unwiderstehlichen Schmusesound, der einem für sechs schöne Minuten die Last der Welt von den Schultern nimmt.

 

Die nachdenkliche Stimmung hält an beim Opener von Seite 2, Babs Gonzales’ Lullaby of the Doomed. Das kompositorisch ambitionierte, moll-schwere Stück wird in funerealem Tempo gespielt. Jugs hat hier große Momente, sein leicht überblasener Ton und dynamischer Solostil passen ganz hervorragend, daneben ist Green der einzige weitere Solist. Jack Walker spricht in den Liner Notes von „Chamber Jazz“ und der Begriff trifft die konzentrierte Nachdenklichkeit des Titels gut.

 

Greens B. G. Mambo wirkt im Anschluss fast zu leichtgewichtig und positiv mit seinem karibischen Cocktailbar-Vibe, der wenigstens während der Soli zugunsten eines 4/4-Swings aufgegeben wird. Hatten wir vorher mit That’s All und Lullaby zwei intensive Slow-Burner, so gibt es zum Abschluss der Platte zwei extrem leicht verdauliche Pralinchen; denn Black Pearl bietet zwar keine lateinamerikanischen Rhythmen, haut aber in eine ähnliche atmosphärische Kerbe wie B. G. Mambo. Angenehm genug, ohne jedoch lange nachzuhallen.

 

****

 

Fazit: Back on the Scene geht durch die schlanke Quintettbesetzung und das kantig-moderne, weniger blueslastige Spiel von Charlie Rouse als das progressivere und typischere Hard-Bop-Album der beiden durch. Außerdem bietet es in meinen Augen das stärkere Material, und ich mag den stilistischen Kontrast zwischen Green und Rouse. Dagegen ist Soul Stirrin' ein tief im Blues und Gospel verwurzelter, fast schon nostalgischer Blick zurück auf die Ära der Swingbands, maßgeblich angetrieben von Gene Ammons' mächtigem Ton und bodenständigem, bluesigen Stil. Ammons, Root und Green funken auf derselben emotionalen Wellenlänge, ihr Zusammenspiel wirkt dadurch aber stellenweise allzu homogen. Es fehlt die produktive Reibung zwischen Green und Rouse, die Back on the Scene für mich zur spannenderen Platte macht.



Musik: ****1/2 (Back on the Scene); **** (Soul Stirrin’)

 

Sound: Beide Alben wurden innerhalb weniger Wochen eingespielt und bieten van Gelders typischen, ausgewogenen Blue-Note-Sound der späten 1950er.

 

Verfügbarkeit auf Vinyl: Greens Alben gehörten nie zum engeren Labelkanon und waren immer wieder mal sporadisch verfügbar. Gegenwärtig gibt es Back on the Scene als schöne Tone Poet Edition für 40 €, Soul Stirrin’ ist nur gebraucht zu finden.

 

Kommentar hinzufügen

Kommentare

Es gibt noch keine Kommentare.