Wes Montgomery - Full House

Veröffentlicht am 6. März 2026 um 23:59

 

Wes Montgomery – Full House

 

Riverside RLP-434, 06/1962; Engineer: Wally Heider; Producer: Orrin Keepnews

Wes Montgomery – gtr; Johnny Griffin – ts; Wynton Kelly – p; Paul Chambers – b; Jimmy Cobb – ds;

 

Side A:

1) Full House

2) I’ve Grown Accustomed to Her Face

3) Blue ’n’ Boogie

 

Side B:

1) Cariba

2) Come Rain or Come Shine

3) S.O.S.

 

Gemäß Pat Metheny, der es ja wissen sollte, ist Wes Montgomerys Smokin’ at the Half Note „absolutely the greatest jazz guitar album ever made“ (New York Times, 2005). Gemäß NJF, der kaum mehr Ahnung hat als jeder andere Jazz-Fan, der mit leuchtenden Augen, doch ohne echten Durchblick vor den Alben seiner Helden sitzt, ist Smokin’ zweifellos eine sehr gute Platte – aber da gibt es mindestens eine im Œuvre Montgomerys, die tatsächlich noch cooler ist: Full House, aufgenommen im Juni 1962 und erschienen bei Riverside.

 

Leider hatte NJF sein erstes Exemplar des Albums so runtergenudelt, dass er es am Ende sogar auf CD kaufen musste (allerdings in der sorgfältig editierten Keepnews-Edition), weil es auf Vinyl nicht mehr zu haben war. Bis letzten Freitag: Am 27. Februar 2026 veröffentlichte Craft Records in der Reihe Original Jazz Classics (OJC) eine sorgfältig produzierte audiophile Version dieses Klassikers. Musste ich haben, logisch. Und da heute, am 6. März, auch noch der Geburtstag von Wes Montgomery ist, kommt die Platte auf den Teller.

 

Eine Sache, die Full House mit Smokin’ gemein hat, sind große Teile der Begleitmannschaft: Auf beiden Alben begleitet das Wynton Kelly Trio den Gitarristen, mit Kelly am Piano, Paul Chambers am Bass und Jimmy Cobb am Schlagzeug. Während jedoch auf Smokin’ kein weiterer Gast dabei ist, ergänzt auf Full House der Tenorsaxofonist Johnny Griffin das Line-up, NJF-Lesern bekannt von seinem Blue-Note-Debüt Introducing Johnny Griffin und seinem Gastspiel auf Monks Thelonious in Action und Misterioso. Und Griffins Präsenz macht einen wesentlichen Unterschied! Nicht zwingend besser oder schlechter, aber er ist ein temperamentvoller Solist, der die Temperatur der Session hochfährt und für eine aufregende Live-Atmosphäre sorgt.

 

Und Aufregung – im Sinne von Spannung – war genau das, was Riverside-Boss Orrin Keepnews vorschwebte. Er hatte Montgomery 1959 zum ersten Mal in einem Club auf Empfehlung von Cannonball Adderley gehört und war so begeistert von Montgomerys Energie, dass er ihn direkt nach dem Gig unter Vertrag nahm. Es folgten mehrere von der Kritik gefeierte Studioalben auf Riverside, aber Keepnews wurde das Gefühl nicht los, dass das Studio die Expressivität des notorisch selbstkritischen Montgomery hemmte. Er suchte daher nach der passenden Gelegenheit für eine Live-Aufnahme. Die fand sich schließlich im Juni 1962, als Montgomery mit seinen Brüdern Auftritte in San Francisco spielte; Miles Davis mit seiner gig-gestählten Combo um Wynton Kelly war ebenfalls in der Stadt, ebenso Johnny Griffin. Für die Aufnahme buchte man wegen dessen guter Akustik einen Club namens Tsubo.

 

Das Ergebnis scheint den Instinkt von Keepnews zu bestätigen: Von der ersten bis zur letzten Note begeistert Full House mit einer wirklich packenden Live-Atmosphäre und einer hochoktanigen Band. Das Publikum ist hingerissen; Montgomery wirkt tatsächlich vom Moment inspiriert und haut lange, begeisternde Soli raus, dazu gleich mehr.

 

Zur Musik: Montgomery war nicht nur ein stilprägender Gitarrist, er hatte auch ein Händchen für eingängige, meistens blueslastige Kompositionen (und das, obwohl er zeitlebens nie Noten lesen konnte), von denen auf Full House gleich drei vertreten sind. Dazu kommen drei Standards: Dizzy Gillespies Blue ’n’ Boogie und die Balladen I’ve Grown Accustomed to Her Face sowie Come Rain or Come Shine.

 

Das Titelstück macht den Anfang. Full House ist ein Burner aus Montgomerys Feder mit eingängigem Thema in einem hart swingenden 3/4-Takt, bei dem Montgomery das erste von vielen packenden Soli spielt. Aber packendes Solo… echt jetzt? Klingt nach Klischee, also was genau meine ich damit? Wie unterscheide ich ein packendes von einem lauwarmen Solo? Ich will hier nicht dozieren, da ich glaube, dass auch bei einem Solo die Schönheit im Ohr des Hörers liegt. Aber es gibt Soli, die fesseln, und solche, bei denen irgendwann meine Gedanken wandern, weil sie klingen wie eine endlose und beliebige Kette von Noten. Nicht bei Montgomery, bei ihm habe ich stets das Gefühl einer zwingenden inneren Logik. Nehmen wir als erstes Beispiel sein Solo auf Full House, das konsequent auf einen Höhepunkt hinzusteuern scheint: Er beginnt mit agilen Single-Note-Linien, die er im Laufe des Solos mit seinen charakteristischen Oktavläufen anreichert und im Finale zu wahren Akkordkaskaden verdichtet. So geht Dynamik!

 

Das hört man vielleicht noch besser im Gillespie-Klassiker Blue ’n’ Boogie, dem am härtesten swingenden Stück der Platte, mit einer Rhythmusgruppe, von deren Präzision sich eine Atomuhr eine Scheibe abschneiden könnte. Montgomerys Solo ist eine absolute Granate; Kelly und Griffin hauen anschließend weitere Kracher raus. Die Rhythmusgruppe kocht, überhitzt aber nie. Drummer Cobb kriegt am Ende zur Belohnung erst ein paar Fours und schließlich ein kurzes Solo, bevor es zurück zum Thema geht.

 

Montgomerys Cariba hat Latin-Flair, aber um Längen mehr Biss als Getz/Gilberto, mit einem bluesigen Vibe, der alle Solisten zu weiteren großen Taten antreibt. Chambers macht den Anfang, es folgt Kelly mit einem pointierten Statement, bevor sowohl Griffin als auch (besonders) Montgomery wieder auf ausgedehntere Reisen gehen, wobei das Solo von Montgomery erneut mit seinem logischen Aufbau besticht.

 

S.O.S., Montgomerys dritte Komposition, setzt den fulminanten Schlusspunkt. Ein attraktiver. optimistischer Up-tempo Swinger mit prägnantem Thema, der Griffin, den Leader und Kelly zu letzten Statements einlädt, bevor auch Drummer Cobb noch einmal ein paar Fours spielen darf.

 

Der Vollständigkeit halber noch ein paar Worte zu I’ve Grown Accustomed to Her Face sowie Come Rain or Come Shine. Für mich sind diese beiden Titel in erster Linie für die Dynamik des Albums wichtig, weil sie für einen Moment etwas Druck aus dem Kessel nehmen und einen ruhigen Kontrast zur Power der restlichen Platte liefern. I’ve Grown… ist ein feature für Montgomery, Griffin und Kelly dürfen kurz an die Bar. Bei Come Rain or Come Shine sind dann wieder alle dabei, nur groovt das Stück etwas smoother, weniger intensiv-bluesig als der Rest. Ich muss betonen: Keines der Stücke ist eine Gurke oder Füllmaterial, vielmehr sind sie eine Atempause in einem hochenergetischen Set.

 

Fazit: Wer wissen möchte, wie packend Live-Jazz sein kann, der sollte einmal in Ruhe, aber gerne laut, Full House hören. Die Band war super und Montgomery gemäß der unmaßgeblichen Meinung von NJF nie besser, aber zumindest ein prominenter Muso sieht das anders. Egal! Full House ist eine Hard-Bop-Perle ohne Durchhänger und wirkt am besten als Gesamtkunstwerk. Meine Empfehlung: Durchhören wie ein Set in einem Club.

 

Musik: ***** Klassiker!

 

Sound: Atmosphärische Live-Aufnahme. Das Stereopanorama ist etwas Ping-Pong, stört aber nicht und der direkte Klang entschädigt. die Begeisterung des Publikums wird glaubhaft transportiert.

 

Verfügbarkeit: Endlich wieder verfügbar als OJC, sorgfältig remastered von Kevin Gray. Nicht billig, aber gut!

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