Kenny Burrell – Introducing Kenny Burrell
Blue Note BLP 1523; 05/1956; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion
Kenny Burrell – gtrº; Tommy Flanagan – pº; Paul Chambers – bº; Kenny Clarke – ds; Candido – cga*.
Side A:
1) This Time The Dream’s On Meº*
2) Fugue ’n Bluesº
3) Takeelaº*
4) Weaver Of Dreamsº
Side B:
1) Delilahº*
2) Rhythmorama*
3) Blues For Skeeterº*
Kenny Burrells Midnight Blue ist ein Klassiker des bluesorientierten Soul Jazz, aber davon sind wir bei seinem Labeldebüt im Mai 1956 noch eine Weile entfernt. Wer Burrells Spiel auf Midnight Blue mag, kommt jedoch auch hier auf seine Kosten. Seine bluesige Klangsignatur war bereits 1956 ausgebildet – er ist klar als derselbe Musiker erkennbar, der knapp sieben Jahre später den Meilenstein des Soul Jazz einspielen wird.
Introducing Kenny Burrell bietet dagegen klassischen Hard Bop. Unterstützt wird er von einer hochkarätigen Riege an Sidemen: Am Klavier hört man Tommy Flanagan – inzwischen ein guter Freund des Blogs und stilsicher wie immer. Paul Chambers legt eine Pause von seiner Arbeit mit Miles Davis ein und übernimmt den Bass; Kenny Clarke sorgt am Schlagzeug dafür, dass alles in Bewegung bleibt. Und dann gibt es noch eine kleine Zugabe: Candido steuert auf fünf Titeln Congas bei und würzt die Hard-Bop-Routine mit einer Prise Latin-Flair.
Burrell spielt sich mit solidem, leicht gedecktem Ton durch einen gutgelaunten Mix aus Standards und Blues. Nicht nur das Material erinnert mich ein wenig an den unverwüstlichen Lou Donaldson, sondern auch Burrells Stil: Sein Spiel hat eine ähnliche mühelose Beweglichkeit, enormen Swing, und in seinen Soli tauchen immer wieder bluesgetränkte Licks auf, die ihm scheinbar nie ausgehen.
Den Startschuss gibt This Time The Dream’s On Me, ein fröhlicher Up-tempo-Swinger, bei dem die Meister Burrell und Flanagan mit leichter Hand flinke Läufe abspulen, grazil und elegant wie Gazellen, bevor die Rhythmusarbeiter am Ende kurz duellieren. Fugue ’n Blues ist Burrells erste Eigenkomposition hier, ein witziger Blues mit Anleihen bei Bach, bei dem neben, klar, Burrell auch Flanagan und Chambers Gelegenheit zu Beiträgen bekommen. Takeela, Burrells zweite Nummer, ist boppig und zieht im Tempo wieder an. Candido heizt diesem Stück wirklich ordentlich ein und bekommt, nach den üblichen Verdächtigen natürlich, zum Lohn ein kurzes Solo am Schluss.
Die verträumte Ballade Weaver Of Dreams ist ein stilles Highlight der Platte, bei der Candido pausieren darf. Weaver ist in erster Linie ein Vehikel für Burrells lyrische Seite, er glänzt mit unaufgeregten Spiel und einem weichen Ton, der beinahe von innen zu leuchten scheint – ein Vibe, den Flanagan in seinem Solo mit schwerelosen Single-Note-Linien im mittleren Register aufgreift. Das perfekte Stück zum Nachdenken auf der Terrasse während der letzten warmen Tage im Jahr.
Delilah dagegen startet dramatisch: mit einem Conga-Wirbel, dazu spielt Chambers eine Mollfigur auf dem Bass, bevor Burrell das attraktiv-geheimnisvolle Thema vorstellt. Das Stück selbst marschiert dann in einem Midtempo-Swing durch die Changes; neben Burrell und Flanagan darf erneut Candido ein wenig solieren.
Rhythmorama hielt ich erst für überflüssig – ein reiner Percussion-Workout auf einer Burrell-Platte? Musste doch nicht sein, oder? Aber man sollte nicht vorschnell urteilen. Als ich ernsthaft zuhörte, musste ich nämlich mehrfach lächeln. Clarke und Candido lassen hier eine Rhythmusgranate nach der anderen hochgehen und man fängt unwillkürlich an zu nicken. Tatsächlich erweist sich das Stück als echter Gewinn für das Album.
Zum Schluss gibt’s noch ein weiteres Burrell-Original, den ziemlich coolen Blues for Skeeter, im expressiven Moll und langsam federnden Tempo. Da fühlen sich alle Beteiligten hörbar zu Hause; Burrell, Flanagan und Chambers solieren, letzterer setzt mit einem gestrichenen Solo auf seinem Bass einen letzten Akzent.
Fazit: Bei Kenny Burrells Debüt für Blue Note ging man auf Nummer sicher – es bietet mit seiner Mischung aus Standards und Blues geradezu prototypischen Hard Bop, der perfekt in den Labelkatalog passte. Prototypisch vielleicht, aber mehr als reine Durchschnittsware. Candido ist eine echte Bereicherung, und das Album hat einige besondere Momente: das melancholische Weaver of Dreams, das mysteriöse Delilah, das unerwartete Rhythmorama.
Musik: ****
Sound: Exzellente, satt klingende Mono-Aufnahme.
Verfügbarkeit auf Vinyl: Anfang 2026 gut aber teuer, da Teil von Blue Notes Tone Poet Series. Kleiner Trost: sehr schöne Pressung.
Kommentar hinzufügen
Kommentare