Lem Winchester – Winchester Special
New Jazz 8223, 09/1959; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Esmond Edwards
Lem Winchester – vib; Benny Golson – ts*; Tommy Flanagan – p; Wendell Marshall – b; Arthur Taylor – ds;
Side A:
1) Down Fuzz*
2) If I Were a Bell
3) Will You Still be Mine?*
Side B:
1) Mysticism*
2) How Are Things in Glocca Morra?*
3) The Dude*
Selbst in der an tragischen Biografien reichen Jazzgeschichte nimmt die von Lem Winchester eine Sonderstellung ein. Er wurde am 19. März 1928 in Philadelphia geboren. Die Datenlage zu seinem musikalischen Werdegang ist unklar. Ira Gitler schreibt in den Liner Notes zu Winchester Special (s. u.), dass er mit der Piccolo-Flöte begann und über verschiedene Saxophone in den späten 1940ern zum Vibraphon kam. In seinen ersten Jahren als Musiker bewegte er sich vornehmlich im heimatlichen „Wilmington-Philadelphia-Orbit“ (Gitler). Von der Musik leben konnte er zu dieser Zeit nicht, daher arbeitete er hauptberuflich als Polizist in Wilmington, Delaware.
Seinen ersten größeren Auftritt hatte Winchester auf dem Newport Jazz Festival im Juni 1958, und im Oktober darauf nahm er für das Label Argo seine erste Platte unter eigenem Namen auf. Knapp ein Jahr später, im September 1959, folgte die Platte, um die es hier geht: Winchester Special erschien auf der Prestige-Tochter New Jazz und machte ihn einem breiteren Publikum bekannt. Von nun an wurde er häufiger als Sideman für Sessions gebucht; er spielte unter anderem für Oliver Nelson, Jack McDuff und Shirley Scott, dazu kamen drei weitere Alben unter eigenem Namen. Seine verbesserte Auftragslage erlaubte ihm im Laufe des Jahres 1960, den Polizeidienst zu verlassen und sich ganz auf die Musik zu konzentrieren. Im Oktober 1960 spielte er auf Johnny „Hammond“ Smiths Gettin’ the Message. Es sollte seine letzte Aufnahme sein. Am 3. Januar 1961, im Alter von 32 Jahren, starb Lem Winchester in einem Club bei einem Unfall mit einer Schusswaffe.
Für Winchester Special hatte der Leader eine amtliche Riege von Sessionmusikern aus der New Yorker Hard-Bop-Bubble einbestellt. Als Partner an der Front agiert Tenorsaxophonist Benny Golson, dem regelmäßige NJF-Leser bereits auf Art Blakeys Moanin’ und seinem eigenen Album The Other Side of Benny Golson begegnet sind. Hier allerdings ist er lediglich als Sideman zu hören, nicht als Komponist oder Arrangeur. Auch in der Rhythmusgruppe arbeiten mit den immer zuverlässigen Tommy Flanagan und Arthur Taylor zwei alte Bekannte; Bassist Wendell Marshall hatte lange mit Duke Ellington gespielt und war wegen seines natürlich swingenden Spiels und kräftigen Tons ein gefragter Sessionmusiker auf Mainstream-Dates, insbesondere für das Label Savoy.
Bei dem Material griff Lem Winchester auf drei Standards zurück, dazu steuerte er selber den Blues Down Fuzz und The Dude bei. Mysticism ist ein Stück aus der Feder des obskuren Len Foster, über den ich in den gängigen Referenzen keinerlei biografische oder musikalische Informationen finden konnte.
Zur Platte: Sie bietet durchweg lockeren Hard Bop auf hohem Niveau mit attraktiven, aber auch im durchaus positiven Sinne mainstreamigen Themen, die allesamt eher freundliche Einladungen zum ungezwungenen Solieren als echte musikalische Herausforderungen darstellen. Den Startschuss setzt Winchesters Down Fuzz, ein entwaffnend eingängiger Midtempo-Blues, zu dem der nach ein oder zwei Gläsern leicht euphorisierte Hörer lässig mitschnippen darf. Die beiden Standards If I Were A Bell und besonders Will You Still Be Mine ziehen das Tempo an, aber die Stimmung bleibt gelöst, auch weil keiner der Solisten auf die Idee kommt, sich in tonale Grenzgebiete vorzuwagen. Aber das will man ja nicht immer – mehr dazu weiter unten.
Seite 2 überrascht dann mit Mysticism, dem Stück des geheimnisvollen Len Foster. Ein swingender Blues in Moll und für mich das Highlight der Platte. Das Thema ist so prägnant, dass man sich unwillkürlich fragt, warum man von diesem Phantom nie mehr gehört hat. Hat Foster der Szene bewusst den Rücken zugekehrt oder war sein Talent einfach nicht gefragt? Wir werden es nie wissen. Das latent schnulzige How Are Things in Glocca Morra ist ein fluffiges Mainstreamwölkchen, das gemächlich am Hörer vorbeitreibt. Etwas ernster wird es noch einmal bei Winchesters The Dude, einem bluesigen Titel mit einem raffinierten Tempowechsel im Thema; während der Soli geht das Stück über in den fingerschnippenden Midtempo-Swing, den wir schon von Down Fuzz kennen.
Die meisten Aufnahmen, aber definitiv alle Jazz-Aufnahmen, stehen und fallen mit den Beiträgen der Solisten, und hier lässt Winchester Special nichts anbrennen. Die Kombination Tenorsax/Vibraphon bietet eine willkommene Abwechslung von der omnipräsenten Hard-Bop-Frontline aus Tenorsax und Trompete. Winchester hat seinen eigenen Stil, klingt spröder und zurückhaltender als Milt Jackson, mit einem trockenen Ton, der manchmal beinahe an eine Marimba erinnert. Golson spielt hier weniger offensiv als auf Moanin’, seinem Date mit den Jazz Messengers, aber die Musik ist auch eine andere – entspannter, weniger deklamatorisch im Ton. Das erlaubt Golson, bei seinen Beiträgen den Fuß vom Gas zu nehmen, und so klingt er auf diesem Album oft samtig-warm und kommt mit weniger Noten aus. Flanagan, mittlerweile ein Freund dieses Blogs (er ist uns u. a. schon auf Saxophone Colossus und Quiet Kenny begegnet), agiert mit seiner typischen geschmeidigen Leichtigkeit, die garantiert niemals aneckt oder für Misstöne sorgt. Wendell Marshall und Art Taylor gießen ein unerschütterliches Fundament; solistisch kommt nur Marshall einmal – am Ende von The Dude – kurz zu Wort und regelt die Angelegenheit mit einer Lässigkeit, die suggeriert, dass er auch einen größeren musikalischen Raum hätte füllen können.
Fazit: Winchester und Golson waren ein gutes Team und haben im Verbund mit einer erstklassigen Rhythmusgruppe eine Session eingespielt, die zeigt, dass man ordentlichen Hard Bop nicht nur bei Blue Note bekam. Eine gutgelaunte Platte, angenehm locker, aufgeweckt und frei von jeder Hektik.
Musik: ****
Sound: Rudy van Gelders Aufnahmen sind eigentlich immer gut; die für Prestige stehen denen für Blue Note qualitativ in nichts nach. Besonders Golsons Saxophon ist hier sehr schön eingefangen. Der Hall auf dem Schlagzeug ist vielleicht etwas überdosiert, was den positiven Gesamteindruck jedoch nicht nennenswert trübt.
Verfügbarkeit: Momentan schwierig und auf Vinyl nur gebraucht zu finden. Die Platte wird sicher irgendwann als hochwertige Craft/OJC-Ausgabe wiederveröffentlicht. Wer so lange nicht warten kann, muss zur CD greifen oder bei den einschlägigen Anbietern für gebrauchtes Vinyl suchen. Meine OJC-Pressung stammt aus der Limited Edition Series und ist tadellos.
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