Freddie Hubbard - Open Sesame

Veröffentlicht am 1. März 2026 um 01:28

Freddie Hubbard Open Sesame

 

Blue Note ST-84040; 06/1960; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion

Freddie Hubbard – tp, Tina Brooks – ts; McCoy Tyner – p; Sam Jones – b; Clifford Jarvis – ds.

 

Side A:

1) Open Sesame

2) But Beautiful

3) Gypsy Blue

 

Side B:

1) All Or Nothing At All

2) One Mint Julep

3) Hub’s Nub

 

Sommer 1960: Seit Lee Morgans Indeed! sind vier Jahre vergangen, und Blue Note hat ein neues Wunderkind an der Trompete. Am 19. Juni hatte der gerade 22-jährige Frederick Dewayne Hubbard sein Labeldebüt Open Sesame eingespielt.

 

Hubbard kam, wie die Montgomery Brothers, aus Indianapolis und begann bereits in der Junior High School mit dem Trompetenspiel. Seine ersten Gigs spielte er in den Clubs von Indianapolis. Man darf davon ausgehen, dass Hubbard und Montgomery sich dort begegnet sind, denn sie gehörten Ende der 1950er zur gleichen Szene, auch wenn konkrete Belege für gemeinsame Auftritte fehlen. Fest steht jedoch, dass Hubbard auf einer Session Montgomerys im Dezember 1957 gastierte, die später unter dem Namen Fingerpickin’ veröffentlicht wurde – seine erste dokumentierte Aufnahme.

 

1958 zog Hubbard nach New York und wurde binnen kurzem ein gefragter Sideman. Noch im selben Jahr ging er mit John Coltrane ins Studio, 1959 folgten Aufnahmen mit Paul Chambers, Wynton Kelly und Cannonball Adderley; live spielte er mit Stars wie Sonny Rollins und J.J. Johnson – kein Wunder, dass jemand wie Alfred Lion, der seinen Finger immer am Puls der Zeit hatte, auf Hubbard aufmerksam wurde und sich die Dienste des Trompeters sicherte.

 

Bemerkenswert: Vor ihrem Labeldebüt wurden die meisten Musiker, selbst Lee Morgan oder Hank Mobley, zunächst innerhalb des Blue-Note-Kosmos als Sidemen aufgebaut, jedoch nicht Hubbard. Lion muss sehr von ihm überzeugt gewesen sein, und das Ergebnis gibt ihm recht. Open Sesame, zumindest die erste Seite, ist pures Hard-Bop-Gold. Aber der Reihe nach:

 

Für die Rhythmusarbeit verpflichtete Lion neben dem Veteranen Sam Jones am Bass zwei weitere Nachwuchskräfte, die in den folgenden Jahren Karriere machen sollten, wenn auch nicht zwingend bei Blue Note: Pianist McCoy Tyner als Mitglied in John Coltranes klassischem Quartett; Schlagzeuger Clifford Jarvis wurde ein gefragter Sessionmusiker, der in einer Vielzahl von Stilen zu Hause war. Neben klassischem Hard Bop spielte er mit Leuten wie Sun Ra, Archie Shepp und Alice Coltrane.

 

Als zweiter Bläser agierte mit dem Tenorsaxofonisten Harold „Tina“ Brooks jemand, zu dem Hubbard sofort eine Geistesverwandtschaft spürte. Ira Gitler schreibt in den Liner Notes: „Hubbard and Brooks met at… and immediately found that their styles were compatible.“ Hubbard ist und bleibt der Star auf Open Sesame, aber Brooks prägt das Album wesentlich mit. Zum einen besitzt er einen unverwechselbaren kompositorischen Touch, der eingängige, exotisch klingende Melodien mit elastischen Rhythmuswechseln kombiniert, zum anderen spielt er ein kraftvolles, stellenweise leicht überblasenes Horn, das in puncto Leidenschaft Hubbard nicht nachsteht.

 

Auf Open Sesame steuerte Brooks zwei Stücke bei. Beide finden sich auf Seite 1, beide sind Knaller. Das Titelstück gibt den Startschuss mit einer fallenden Moll-Kadenz, wie eine Fanfare für Hubbard, der über einem schnellen, intensiven Beat ein kraftvolles, messerscharfes Solo spielt, mit zahlreichen Ausflügen in die hohen Register. Brooks folgt mit einem weiteren furiosen Solo, bevor McCoy Tyner mit perlenden Single-Note-Linien einen Kontrast zur Power von Hubbard und Brooks schafft.

 

Brooks’ zweites Stück Gypsy Blue ist vielleicht noch besser. Das Thema hat einen klagenden, fast klezmer-artigen Unterton und wird größtenteils unisono von den Bläsern vorgetragen, aber beide scheren immer wieder kurz aus und liefern kleine gegenläufige Bewegungen. Die Skalen, die Brooks verwendet, klingen dann auch nicht nach typischem Blues, sondern tief und geheimnisvoll. Dem Thema wird, wie öfter bei ihm, ein latinesker Beat unterlegt, der während der Soli in einen straighten 4/4-Swing wechselt. Brooks liefert das erste Solo mit seinem typischen, sehnsuchtsvollen Flehen, während Hubbard danach wieder glockenhell schmettert.

 

Der dritte Titel auf Seite 1 ist das besinnliche But Beautiful, bei dem auch Hubbard sich gestattet, den Fuß vom Gas zu nehmen und mit einem schönen Balladenton überzeugt; genau wie Brooks, der hier das erste Solo bekommt und dessen minimale Rauigkeit im Ton dem Stück eine leicht herbe Note verleiht.

 

Seite 2 kann das stellare Niveau nicht ganz halten. All Or Nothing At All ist noch einmal ein Burner; nach McCoy Tyners freier Klaviereinleitung hebt das Stück ab. Hubbard bläst ein weiteres kraftvolles Solo in den hohen und höchsten Registern seines Instrumentes, bevor auch Brooks und Tyner ausführlich zu Worte kommen.

 

Mit One Mint Julep bewegt sich das Album in Richtung Jazz-Club. Ich werde mit dem R’n’B-Gassenhauer aus den frühen 1950ern nicht recht warm, obwohl der Titel, wie der Rest des Albums, makellos eingespielt ist. Aber vielleicht ist genau das hier mein Problem: die Performance ist so dicht an der Perfektion, dass am Ende ein wenig Schmutz fehlt.

 

Der letzte Titel, Hubbards eigene Komposition Hub’s Nub, erinnert mich stilistisch an die Stücke von Brooks, ohne allerdings deren melodische Raffinesse zu erreichen. Es klingt, als hätten sich beide aus einem gemeinsamen Hard-Bop-Baukasten bedient, nur hat Brooks daraus die komplexeren (und attraktiveren) Werke geschaffen. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau – auch Hub’s Nub ist durchaus eingängig, ihm fehlt lediglich der Zauber von Brooks.

 

Fazit: Hubbard startete mit Open Sesame durch. Das Album ist ein Hard-Bop-Klassiker, überzeugt mit thematisch starkem Material und etablierte den Trompeter als maßgebliche neue Stimme in der New Yorker Szene. Er sollte in kurzer Zeit etliche bedeutende Alben als Leader einspielen und darüber hinaus zu einem der gefragtesten Sidemen seiner Zeit werden. Man hörte ihn in den unterschiedlichsten Kontexten: in klassischem Hard-Bop mit Art Blakeys Jazz Messengers, aber auch bei moderneren, teils avantgardistischen Projekten von John Coltrane, Eric Dolphy und Ornette Coleman.

 

Musik: ****1/2

 

Sound: starke Aufnahme, starker Klang. Durchhörbar, gut ausgesteuert. Es war sicher nicht einfach, die Power Hubbards ohne Verzerrungen einzufangen, aber hier gelingt es. Gute moderne Pressung mit gefütterter Innenhülle.

 

Verfügbarkeit auf Vinyl: im Winter 2025/26 gut; Teil von Blue Notes 80 Series.

 

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