Benny Golson – The Other Side of Benny Golson
Riverside RLP 12-290; 11/1958; Engineer: Tom Nola; Producer: Orrin Keepnews
Benny Golson – ts; Curtis Fuller – tb; Barry Harris – p; Jymie Merritt – b; Philly Joe Jones – ds;
Side A:
1) Strut Time
2) Jubilation
3) Symptoms
Side B:
1) Are You Real?
2) Cry a Blue Tear
3) This Night
Frage fürs Pub-Quiz: Was verbindet die Hard-Bop-Gassenhauer Whisper Not, I Remember Clifford, Blues March, Stablemates und Are You Real?
Antwort: Alle stammen von Benny Golson, Tenorsaxofonist und einer der prägenden Komponisten und Arrangeure des Jazz der späten 1950er Jahre.
Golson war ein Kind der fruchtbaren Jazz-Szene Philadelphias. Die Stadt war in den 1940er und 1950er Jahren eine echte Talentschmiede und brachte Musiker hervor, die den Bebop und Hard Bop nicht nur spielten, sondern oft entscheidende Impulse lieferten: John Coltrane, Lee Morgan, die Heath-Brüder, Philly Joe Jones, McCoy Tyner, Ray Bryant, Jymie Merritt – und natürlich Benny Golson selbst. Die meisten dieser Musiker kannten sich seit Jugendtagen, und die Bande zwischen ihnen sollten ein Leben lang halten. Viele spielten auch später, als sie Philly längst verlassen hatten, immer wieder zusammen.
Zurück zu Golson: Erste Erfahrungen sammelte er als Sideman in Bands von Earl Bostic und Lionel Hampton. Ab Mitte der 1950er profilierte er sich als Komponist extrem eingängiger Stücke wie I Remember Clifford, Whisper Not oder Stablemates, die fast über Nacht zu modernen Standards wurden. Daneben machte er sich auch einen Namen durch ausgefeilte Arrangements für Abbey Lincoln, Blue Mitchell und Lee Morgans erste Alben auf Blue Note. Im November 1957 ging er erstmals als Leader ins Studio für das Album Benny Golson’s New York Scene, erschienen bei Contemporary. Nur einen Monat später unterschrieb er bei Riverside und spielte sein Labeldebüt The Modern Touch ein. Im November 1958 folgte mit The Other Side of Golson sein zweites Album für Riverside.
Im Gegensatz zum Labeldebüt, für das er ein Sextett mit drei Bläsern (tp, tb, ts) zusammengestellt hatte, wählte er für The Other Side of Golson ein Quintett. Mit Bassist Jymie Merritt und Drummer Philly Joe Jones holte er zwei Buddies aus Philadelphia mit ins Boot; Pianist Barry Harris und Posaunist Curtis Fuller kamen aus der Motor City Detroit.
Das Oeuvre eines derart produktiven Komponisten wie Golson lässt sich kaum pauschal charakterisieren, doch einige Merkmale durchziehen den Großteil seiner Kompositionen. Sie sind ausgesprochen eingängig, stehen meist – immer? – in der AABA-Form und weisen oft ausgefeilte Stimmführungen mit der ein oder anderen eingestreuten kontrapunktischen Bewegung auf. An wirklich dissonante Kanten auf einem Golson-Stück kann ich mich nicht erinnern, doch durch ihre Raffinesse wirken sie nie glatt oder harmlos. Eher würde ich ihnen eine grazile Anmut attestieren (abgesehen vielleicht von Blues March auf Moanin’, das ziemlich kraftvoll durch die Changes marschiert).
Zum Album: Wo es keine diskordanten Misstöne gibt, müssen die Hörer auch nicht durch Hochgeschwindigkeitsjagden verunsichert werden, und so swingen sämtliche Titel der ersten Seite von The Other Side of Golson in einem entspannten Mid-Tempo. Der Opener Strut Time bewegt sich noch am schnellsten, aber von übermäßigem Reifenverschleiß kann auch hier keine Rede sein. Durch die zuversichtlich-positiven Strut Time und besonders Jubilation weht der Atem des Gospel, trägt jedoch, zum Glück für den agnostischen NJF, nicht so dick auf, dass man sich dadurch behelligt fühlte. Symptoms behält den Mid-Tempo Groove bei, ist thematisch aber zurückhaltender, eleganter und hier mein persönlicher Favorit.
Seite zwei startet mit Are You Real, einem weiteren Melodie-Pralinchen von derart lebensbejahender Qualität, dass für Misanthropen und Grantler womöglich die Grenze zur Unerträglichkeit in Sichtweite gerät – allerdings nicht überschritten wird, da die Komposition trotz ihrer Attraktivität nie zuckrig klingt. Die Ballade Cry a Blue Tear ist ein weiteres Highlight, versonnen und etwas traurig; schön, aber nie sentimental. Hier zeigt Golson, warum alle Welt ihn als Arrangeur haben wollte. This Night wechselt ein letztes Mal in den smoothen Mid-Tempo-Flow, der diese Platte prägt. Wir haben, war ja auch nicht anders zu erwarten, ein weiteres von Golsons ultra-eingängigen Themen, so evokativ, dass vor dem geistigen Auge ein Film abläuft. Eine Nacht, bei der man gerne dabei gewesen wäre: fröhlich und jovial, aber ohne Exzesse oder abschließende Schlägerei.
Ein paar Worte zu den Musikern: Philly Joe Jones war der Schlagzeuger von Miles Davis, Jymie Merritt der Bassist der Jazz Messengers. Diese Jobs bekommt man nicht zufällig, entsprechend rund schnurrt der Motor dieser Session. Der Stil von Pianist Barry Harris ist zurückhaltend, mehr dezent unterstützend als treibend, mit perlenden Single-Note-Linien in seinen Soli, überwiegend im mittleren Register. Passt zur Musik, weil er nie vordergründig oder effektheischend wirkt.
Die Paarung von Tenorsax und Posaune ist recht selten, funktioniert hier aber hervorragend. Golson setzt in seinen Themen auf viele längere Noten, bei denen die Sonorität der Posaune zum Tragen kommt und den samtenen Klang seines Tenors schön ergänzt. Darüber hinaus ist Fuller, wie Harris, ein Teamplayer, der sich nie in den Vordergrund drängt.
Einen Monat zuvor hatte Golson als Mitglied von Art Blakeys Jazz Messengers auf Moanin’ mitgewirkt. Are You Real findet sich auf beiden Alben und illustriert die unterschiedlichen Ansätze der Bands: Während Lee Morgan das Thema mit hellem, kräftigem Ton und dem Feuer eines Predigers bläst, klingt es bei Golson/Fuller dunkler und verhaltener. Beides hat seinen Reiz, doch ich finde diese Fassung hier nach wiederholtem Hören fast schlüssiger. Auch Golson selbst scheint sich auf seiner eigenen Session wohler zu fühlen: Auf Moanin’ wirkt er – so mein Eindruck – gelegentlich übermotiviert; auf The Other Side of Golson spielt er entspannter und sparsamer, sagt mit wenigen Noten aber oft mehr.
Fazit: Eine annähernd makellose Platte mit grandiosem Songwriting und eleganten Arrangements. Hard Bop kann so melodieselig sein.
Musik: ****1/2
Sound: Gute Aufnahme von Tom Nola. Im high-fidelen Sinne weniger perfekt als eine von Rudy van Gelder, dafür einen Hauch dezenter, was dieser Musik eigentlich sehr gut steht. Die Klangfarben von Tenorsax und Posaune wirken auch hier sehr überzeugend.
Verfügbarkeit: Zur Jahreswende 2025/6 nicht einfach zu finden. Die Ausgabe von Jazz Workshop ist inzwischen weitgehend ausverkauft, aber hier und da noch zu bekommen. Ansonsten bleibt nur der Weg zu den einschlägigen Anbietern von Gebrauchtware.
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