Faust hört Børresen
Neulich lud mein Audio-Buddy Marco, der mit dem Yeti (wir berichteten) und seit kurzem ja auch den Børresen X3 (ditto) zu einer gemeinsamen Session mit Ulf Meyer von UMY_Vinyl und dem weltberühmten NJF. Eine Gelegenheit, die ich mir nicht entgehen lassen konnte, und nicht nur, weil ich nochmal die Børresens hören wollte.
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Ein Aspekt, der beim Schreiben von Blogbeiträgen und dem Hören der dazugehörigen Jazzalben notgedrungen unter den Tisch fällt, ist das Erleben von Musik in der Gemeinschaft. Aber ist das überhaupt ein Verlust? Schauen wir uns die Sache mal an.
Vielfach wird spekuliert, dass die Ursprünge von Musik in Gruppenaktivitäten gelegen haben könnten, in Ritualen oder gemeinsamem Singen und Trommeln und daraus die These abgeleitet, dass es nur folgerichtig sei, Musik auch heute noch gemeinschaftlich zu genießen.
Ich möchte da zur Vorsicht raten. Wir waren nicht dabei, als der erste Hominide ein musikalisches Geräusch produzierte. Insbesondere eine archäologische Entdeckung sollte uns zu denken geben. Vor ein paar Jahren wurde in der Vogelherdhöhle auf der Schwäbischen Alb eine ca. 40.000 Jahre alte Flöte aus Gänsegeierknochen gefunden1. Eine Flöte, und dazu noch in einer Höhle! Vielleicht galt schon damals das Diktum aus Wilhelm Buschs Der Maulwurf:
Musik wird oft nicht schön gefunden,
weil sie stets mit Geräusch verbunden.
Ist es denkbar, dass die frühen Musos genauso mit mangelnder gesellschaftlicher Akzeptanz zu kämpfen hatten wie ihre heutigen Nachfolger und deshalb zum Üben in Höhlen geschickt wurden, vielleicht sogar in der Hoffnung, dass ansässige Ursiden dem Spuk zeitnah ein Ende bereiten würden? So oder so, der Ursprung von Musik läge in diesem Fall bei solipsistischen Exilanten und keineswegs in Gruppen. Das kam erst später.
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Ich meine, Musik muss nicht immer ein kommunales Ereignis sein: wenn ich Andrew Hill hören möchte, dann brauche ich kein Gemecker darüber, dass er „anstrengend“ sei. Was er übrigens meiner Meinung nach ohnehin nur so lange ist, wie man nicht genauer hinhört. Wenn etwas anstrengend ist, dann sind das ja wohl die einschlägigen Scharfschützen der Belanglosigkeit aus der Blütezeit der LP, die zu Unrecht mit Verkaufszahlen belohnt wurden, von denen die Hard Bopper bei Blue Note nicht mal träumen konnten. Lady von Styx? Eine Zumutung. Starships We Built This City? Unerträglich. Das gilt natürlich auch für Simmons-lastigen 80er Synth-Pop, das unsägliche Russians von Sting und die lobotomisierten REO Speedwagon. Kennt die noch jemand? Die hatten eingebaute Obsoleszenz, bevor man überhaupt wusste, was das war, insofern eine echte Pionierleistung. Aber please, nicht Andrew Hill.
Okay, Hill höre ich gerne allein. Aber selbst wenn du dich in deiner Welt perfekt eingerichtet hast und es scheint, als hättest du alles: hast du nicht. Es gibt Momente, da muss ich raus aus dem wohltemperierten Kämmerchen meiner Gewohnheiten und frische Luft reinlassen durch den Austausch mit anderen. Das gilt für die Musik genauso wie für die eigenen Gedanken.
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Gleich nach meiner Ankunft bei Marco durfte ich mich mit einem lange gehegten und lieben Vorurteil auseinandersetzen. Es lief The Cures Seventeen Seconds. Oh, The Cure! Keine Lichtjahre entfernt von 80er Synth Pop und sowieso… Robert Smith, die aufwendig toupierte Heulsuse mit dem verschmierten Kajal, lässt mal wieder ungefragt die Welt an seinem Selbstmitleid teilhaben, oder? ODER?
Am Ende hörten wir Seventeen Seconds durch. Und wirklich, beim ersten Wiederhören nach 40 Jahren fand ich die Platte erstaunlich gut – minimalistische Mucke mit einem gleichmäßigen, stoisch durchlaufenden 4/4 Motorik-Beat wie bei NEU!, die nach einer Weile einen hypnotischen Sog entwickelte. Bei A Forest musste NJF sogar im Takt mitnicken. Bemerkenswert.
Nebenbei: ganz wichtig war dabei die Nonchalance, mit der Marcos Børresen-Speaker gefühlt jedes kleinste Aufnahmedetail vor dir ausbreiten. So kannst du auf zwei Weisen hören – oberflächlich die Musik, auf einer tieferen Ebene aber auch analytisch, im Sinne eines Hineinhörens in das Album. Ein faustisches Erlebnis, denn plötzlich glaubst du zu verstehen, was die Musik im Innersten zusammenhält, wie alle Tonspuren zusammenpassen und Sinn ergeben. Wenn das nach Arbeit klingt – überhaupt nicht! Es ist vielmehr ein ästhetisches Vergnügen. Und eines, das man natürlich über Blauzahnspeaker nicht bekommt, nicht bekommen kann, weil es für dieses tiefere Eindringen in eine Aufnahme eben auch technische Voraussetzungen braucht, die sie konstruktiv bedingt kaum erfüllen können.
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Marco servierte einen schweren, eleganten Roten aus dem Lande des vierfachen Weltmeisters Italien und wir hörten uns durch einen bunten Strauß von Platten. Es wurde nie langweilig, trotz zweier audiophiler Dauerbrenner: The Hunter von Jenny Warnes und Hugh Masekelas Hope.
Da ich schon diese beiden Aufnahmen anspreche – The Hunter fand ich ein bisschen problematisch. Es ist makellos produziert, bis an den Rand der Perfektion. Warnes kann singen, klar, und die Musiker sind allesamt oberste Schublade. Aber ich wurde das Gefühl nicht los, dass wir hier eine Platte hörten, die vornehmlich ein Ziel hatte: auf High-End-Anlagen abgespielt zu werden. Dementsprechend wirkt sie im Vergleich zu Hope (s.u.) nicht spontan und emotional überzeugend, sondern wie ein hochgezüchteter Mutant aus dem Audiolabor. Daran ändert auch Donald Fagen nichts, der bei Big Noise, New York als Komponist und Sänger mitwirkt. Warnes behauptet hier „Since you left me darling, the city doesn’t feel right…“ Really? Richtig involviert klingt sie dabei allerdings nicht.
Ständig klingelt und zirpt es auf The Hunter und „jazzige“ Gitarren streuen akzessorische Licks ein, die wie Konfetti vom Klanghimmel fallen. Man fühlt sich fast wie bei den notorischen Studio-Perfektionisten Steely Dan, die aber, im Gegensatz zu Warnes, immer erst die musikalische Substanz im Blick hatten, danach den Sound. Außerdem hatten die Dans, neben ihren Killer-Tracks (bis einschließlich Gaucho produzierten sie keine Gurke), einen exzellenten zynischen Humor, der ihre Alben davor bewahrte, sich selbst zu ernst zu nehmen.
Da ist Hope des südafrikanischen Trompeters Hugh Masekela aus ganz anderem Holz geschnitzt, besonders das zentrale Stück Stimela (The Coal Train). Die Platte wurde im Juli/August 1993 bei Auftritten im Blues Alley in Washington mitgeschnitten. Masekela war gerade erst nach jahrzehntelangem Exil in seine Heimat zurückgekehrt und Hope ist das Dokument der Energie eines Momentes – es klingt entschlossen, voller Zuversicht (Hope?) und spielfreudig. Hope war niemals als Referenzaufnahme geplant, es ist ein klassicher Live-Mitschnitt, der nebenbei auch noch hervorragend klingt.
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Aber die meiste Zeit hörten wir keinen Referenzklang, sondern einfach nur Musik. Von Queen über Hell Freezes Over, auf dem Hotel California beim ansonsten zuverlässig allergisch auf Eagles reagierenden NJF tatsächlich keine Atemnot induzierte, und My Solid Ground, die deutsche Eintagsfliege des Prog, bis hin zum Jazz: Marco spielte das selten zu findende Renaissance von Marcus Miller, 1980er Jazz-Funk im Stil von Miles Davis zwischen Star People und Tutu, sowie das exquisite Stolen Moments von Oliver Nelsons The Blues and the Abstract Truth.
Eine Platte hatte auch ich mitgebracht, man kann ja nicht jeden Tag Lautsprecher von Børresen hören: Ich wollte den Jungs eigentlich nur das elegische Django von Grant Greens Idle Moments (wir berichteten) vorspielen, aber auch dabei blieb es nicht. Die Scheibe klang über die X3 so überzeugend, dass wir die Seite, wie so viele vorher, gleich durchhörten. Auf Duke Pearsons Titel Nomad spielt der Pianist das letzte Solo, bevor es zurück zum Thema geht. Bisher hatte ich ihm -dem Solo- nie besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt, es ist eher unspektakulär, zurückhaltend und setzt keine Ausrufezeichen. Über die X3 gehört entdeckte ich bei Pearsons Beitrag jedoch plötzlich Raffinessen und Nuancen, die mir vorher nie aufgefallen waren, obwohl ich das Album ja wirklich gut kenne.
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Vielleicht muss auch der konsequenteste Solohörer einräumen, dass zumindest sporadische Begegnungen mit den Ansichten und Platten anderer erhellen können. Der Abend mit meinen Buddies Marco und Ulf hat mir gleich mehrfach die Augen geöffnet. The Cure und selbst die Eagles haben ihre Momente, endlich kenne ich Stimela und Duke Pearsons Solo auf Nomad finde ich jetzt echt gut. Genau wie Marcos Børresens, aber das wusste ich vorher schon. Trotzdem schön, es noch einmal bestätigt zu sehen.
Aber, Eremiten dieser Welt, da gibt es noch etwas! Am Ende ist es zwar nicht egal, ob du über die Børresens hörst oder nicht, aber doch zweitrangig. Wenn wir bei Musik zusammensitzen, wenn ich sehe, wie Ulf ein paar sorgfältig ausgesuchte Platten aus seinem Messenger Bag holt und Marco bereits eine ebenso sorgfältig kuratierte Auswahl neben seinem Dreher platziert und für jeden ein Glas Wein bereitgestellt hat; wenn wir gemeinsam staunen, wie gut tausendfach gespielte Musik sein kann, wie viele Feinheiten und Sorgfalt man entdeckt, wenn man genau hinhört – dann ist man für eine kurze Zeit wieder Kind. Man kann sich ohne Kalkül freuen und lernt erneut, was man zwischenzeitlich vergessen hatte: sich selbst zugunsten der anderen zurückzunehmen. Man hört zu.
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Halten wir fest: Man kann mit Musik, sofern man sich überhaupt dafür interessiert, erhabene Momente erleben, doch wie das geschieht ist absolut zweitrangig. Wie gesagt, Andrew Hill höre ich gerne allein. Aber man braucht ebenso neue Impulse. Wer einzig im Gravitationsfeld der eigenen Gewohnheiten kreist, der stagniert. Und eine Sache bekommt man nur gemeinsam: diese
1: Musikinstrument aus der Eiszeit | Universität Tübingen
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