NJF Emergency Report – Børresen in Kaarst

Veröffentlicht am 24. Februar 2026 um 23:21

NJFs Emergency ReportBørresen in Kaarst

The Rest is Politics, der Politik-Podcast der ehemaligen britischen Politiker Alastair Campbell (Lab) und Rory Stewart (Con) gehört zu meinem wöchentlichen Pflichtprogramm, und sei es nur, um mich zu vegewissern, dass es noch weitere Personen gibt, die sich der demokratischen politischen Mitte zuordnen. Jedes Mal, wenn irgendwo auf der Welt, derzeit meistens in Washington, etwas Außergewühnliches passiert, reagieren Alastair und Rory auf das Ereignis mit einem sogenannten „Emergency-Podcast“.

 

Hier ist zwar kein Podcast, aber ein Emergency Report, denn gestern durfte ich etwas Außergewöhnliches erleben, wenn auch nur für eine halbe Stunde. Aber der Reihe nach.

 

Eigentlich war er ja hinter einem neuen Amp her. Aber als er sich beim Hifi-Dealer seines Vertrauens ein paar Kandidaten vorführen ließ, wurde meinem zweiten Kaarster Audio-Buddy Marco klar, dass man eventuell mit einem neuen Paar Speaker weiter kommen könnte. Das Dumme nur – die Lautsprecher im Laden waren die Børresen X3 und kosteten mal eben das Doppelte der Amps.

 

Es folgte eine Phase der Introspektion.

 

Für alle, die Børresen nicht kennen: die Marke gehört zum Portfolio der Audio Group Denmark, einem Zusammenschluss dänischer Ultra-Fi-Perfektionisten. Ich bin ja Nerd und war in den letzten drei Jahren auf der High End in München, dort gehörten die Präsentationen der AGD immer zu den besten der Show. Was alle Firmen in der AGD auszeichnet, ist ein geradezu obsessiver Perfektionismus. Hier wird wirklich jedes Detail durchdacht, technisch gehören die Geräte allesamt zur Weltspitze. Naturgemäß spiegelt sich dieses Maß an Sorgfalt in den Preisschildern wider. Verstärker von Aavik oder Axxess können dich locker fünfstellige Beträge kosten. Aber Børresen? Fünfstellig ist hier gerade mal der Einstieg. Ihr Flaggschiff, die M6, gehört dir für 500.000 €.

 

Eine halbe Million Ocken... das entspricht ungefähr dem, was man für unser Haus bezahlen müsste: 166 m² Wohnfläche, ordentliche Fenster, massive Bauweise, echte Holz- und Steinböden und eine nahezu moderne Gasheizung (keine zehn Jahre alt). Und ein Lautsprecherpaar kostet genauso viel? Schwer nachzuvollziehen. Andererseits habe ich die M6 nie gehört (und werde es vermutlich auch nie), also sollte man mit vorschnellen Urteilen vorsichtig sein.

 

Wie auch immer: Marco bekam die Amps an der Børresen X3 vorgeführt und das Schicksal nahm seinen Lauf. Um ganz sicherzugehen, nahm er einen der Verstärker mit nach Hause, blieb aber unterwältigt, da er den Sirengesang der X3 einfach nicht vergessen konnte. Er verwarf den Plan mit dem Amp und wagte den Sprung.

 

Gestern kamen die Lautsprecher chez Marco an. Ich war eigentlich beschäftigt, musste aber umplanen. Der Hund bekam nur eine kurze Runde statt seines üblichen Marathons am Nachmittag und gekocht wurde nicht frisch, sondern aus der Dose. Soviel vorweg: Hat sich gelohnt.

 

Blickt man allein auf die technischen Daten, dann stellt man sich die X3 als optisch dominante Erscheinung vor, aber in der Realität wirkt sie beinahe diskret. Sie mag zwar 130 cm hoch sein, bietet aber eine schmale Silhouette, wenn sie so eingewinkelt ist, dass man direkt auf Achse sitzt. Die Seitenwände verjüngen sich nach hinten, sodass die Rückseite sogar noch schmaler ist – etwa 10 cm. Ganz unsichtbar werden sie natürlich nicht, dafür sorgt neben ihrer Größe auch ihr etwas technisch anmutender, dennoch attraktiver Materialmix: die Oberseite besteht aus Kohlefaser, die Front aus einem matt-schwarzen Kunststoff, der Rest des Gehäuses ist in hochglänzendem Klavierlack (weiß wie hier oder schwarz) ausgeführt.

 

Marco war dabei, die Speaker mit einer Playlist in Dauerschleife einzuspielen, aber natürlich war der Prozess noch lange nicht abgeschlossen, er hatte ja gerade erst begonnen. Viel Zeit hatte ich auch nicht.

 

Aber die brauchte ich auch nicht, um zu hören, dass wir es hier mal wieder mit einem Quantensprung bei der heimischen Musikwiedergabe zu tun hatten. Der verstorbene Keith Ferguson, Bassist bei den Fabulous Thunderbirds, philosophierte einst über die Rolle des Basses: Den Bass dürfe man erst hören, wenn er nicht mehr spielt. Analog dazu war mein erster Gedanke bei der X3: Den Gehäuseklang gängiger Lautsprecher hört man erst dann, wenn er fehlt. Im ersten Augenblick wirkt der Klang der Børresen-Lautsprecher schlank, völlig untechnisch (im Gegensatz zu ihrem Look) und unglaublich sauber. Wie kräftig der Bass wirklich ist, hört man erst dann, wenn es die Aufnahme verlangt. Hier macht sich das ausgeklügelte Gehäuse bezahlt: Es gibt nicht das geringste Anzeichen von Dröhnen, wirklich null. Dadurch ist die X3 übrigens auch bei der Positionierung im Raum nicht divenhaft zickig. Hier stand sie vielleicht einen halben Meter von der Rückwand entfernt, das reichte.

Wir hörten uns schnell durch ein paar Stücke von Pink Floyd und Dominique Fils-Aimé; immer begeisterte die X3 mit einem lässigen Detailreichtum und einem so sauber entgrateten, feingezeichneten Klang, dass die meisten anderen Speaker dagegen fast etwas verpixelt wirken.

 

Ich hatte eine Platte mitgebracht, die ich in letzter Zeit öfter gehört hatte: Bobby Hutchersons Four Seasons, eine Aufnahme von 1983, erschienen auf Timeless. Die Session vereinte mit Hutcherson und Drummer Philly Joe Jones noch einmal zwei meiner Hard-Bop-Helden aus den goldenen Jahren des Jazz. Für Jones dürfte es eine seiner letzten Aufnahmen gewesen sein; er starb 1985.

 

Häufig klingen solche späten Sessions für mich wie der unglückliche, da vergebliche Versuch, den Glanz vergangener Tage ein letztes Mal heraufzubeschwören. Und dann spielen Hutcherson und Co. auf der zweiten Seite auch noch die ollen Kamellen Summertime und Autumn Leaves… aber seltsamerweise sind es gerade diese Stücke, die eine bezaubernd-nachdenkliche Aura besitzen. Wäre es nicht so lächerlich, würde ich Summertime die Melancholie eines goldenen Oktobertages attestieren.

 

Den Anfang von Summertime gestaltet George Cables mit ein paar spärlich gesetzten Akkorden in Moll, dazu bearbeitet Philly Joe Jones fast zärtlich seine Toms. Dann setzt Hutchersons Vibraphon ein und Jones wechselt zu den Stöcken. Und hier hatte ich meine Epiphanie: Der erste Ton auf den Cymbals entstand vor uns, als hätte die Luft im Raum plötzlich Struktur bekommen – und die Vibes von Hutcherson schimmerten wie das Herbstlaub in New Hampshire. Hatte ich so noch nie gehört. Ganz großes Kino!



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