You only live twice
Or so it seems
One life for yourself
And one for your dreams
Nancy Sinatra
Gestern war ich mal in Kaarst, bei UMY_VinylRecords, dem ersten, einzigen und etwas anderen Plattenladen der bekannten Metropole am Niederrhein. Ich kenne Inhaber Ulf Meyer schon lange, wir waren früher Nachbarn. Wir zogen weg, er blieb, denn er hatte an sich alles, was er wollte: Job, Familie, Haus, Autos. Aber anscheinend nicht alles, was er brauchte. So ganz ohne eigenen Plattenladen ging es nicht, also gibt es seit vier Jahren seinen kleinen unterirdischen Shop in der Nähe des Stadtzentrums.
Wieso gerade Schallplatten? Musik war für Ulf immer wichtig und hat ihn sein ganzes Leben begleitet, viele prägende Erinnerungen sind mit bestimmten Songs oder Alben verbunden. Er liebt Musik und das, was sie in uns bewirken kann. Diese Leidenschaft wollte ausgelebt werden – und Vinyl war eben cool. Als Medium sowieso, aber auch gerade angesagt.
Wir sitzen gemütlich im Laden, der aussieht wie ein Wohnzimmer, in dem halt knapp 5000 Platten stehen. Eigentlich sollten wir ein bisschen labern, schließlich brauche ich Material für meinen Blog, aber erstmal wird Musik aufgelegt. Simply Reds Picture Book, Ulf ist Kind der 80er. Erst letzte Woche war er auf dem Simply-Gig in Köln. War geil, aber unnachgiebig nagt der Zahn der Vergänglichkeit, auch an Mick Hucknall. Gut, dass er noch mal da war, man weiß ja nie.
Glas Wein?
Okay, warum nicht.
Wir einigen uns auf einen smoothen Montepulciano, der uns den ganzen Abend begleiten wird. Inzwischen laufen die Thompson Twins, 80er natürlich, wir reden weiter. Nach einer Weile sind mir die Twins ein bisschen zu 80er, ich brauche mal was ohne Synth-Drums.
Hast du Grace Jones?
Was willst du hören?
Warm Leatherette oder Nightclubbing.
Beides da, Ulf legt Leatherette auf. Super Produktion und eine unfassbar tighte Band mit Robbie Shakespeare und Sly Dunbar. Wir hören über eine exzellente Anlage mit feinem Dreher von Acoustic Solid beide Seiten durch.
Nicht, dass hier ein falscher Eindruck entsteht. Ja, Ulf liebt die 80er und ist hier wirklich gut aufgestellt, aber er hat keinen Tunnelblick. Es darf auch gerne was aus den 70ern sein. Oder aus den 60ern. Oder post-2000, selbst heute soll ja vereinzelt noch gute Musik gemacht werden. Hendrix? Purple? Zeppelin? Beatles? Abba? Oder Deutschrock, Lindenberg, Clueso, Puhdys, Bap, AnnenMayKantereit? Alles da, logisch.
Und was ist mit obskurerem Stoff? Natürlich immer ein bisschen Glücksache, aber als ich nach Traffic frage, zeigt Ulf mir eine Ausgabe von On The Road in Nm/Ex+ für wirklich faire 15€. Jazz? Gibt’s auch, ist aber im Sortiment ein bisschen fringe, weil gebrauchte Blue Notes oder Riversides eher selten in den Sammlungen auftauchen, die Ulf in der Umgebung aufkauft und aus denen er seinen Bestand kuratiert. Kuratiert ist hier übrigens genau das richtige Wort, nicht alles landet im Verkauf. Platten, die den Qualitätsanforderungen nicht genügen, werden jedoch nicht einfach entsorgt, sondern zu Schüsseln und Etageren verarbeitet. Alles andere wird inspiziert, wenn nötig gewaschen und probegehört.
Die meisten Sammlungen enthalten viel Massenware, ein gewisser Ausschuss ist immer dabei. Aber manchmal landest du auch einen Volltreffer, wie die Erstpressung von My Solid Ground, die Ulf bei einem Alt-Hippie abholte, der seine Platten loswerden wollte. Liegt bei Discogs weit im dreistelligen Bereich. Solche Schätze werden nicht vertickt, sondern bleiben im Haus, weil man ihnen vermutlich kein zweites Mal begegnen wird.
Seit einer Weile gibt es im Angebot auch Neuware vom deutschen Vertrieb M.I.G. Passt gut in UMYs Programm mit seinem Fokus auf Material aus den 70ern und 80ern, das droht, in Vergessenheit zu geraten. Im Katalog findet man zahlreiche Rockpalast-Mitschnitte neben Krautrockern wie Agitation Free oder musikalischen Freigeistern wie Volker Kriegel.
Wir reden jetzt über Hardrock, mir kommen Iron Maiden in den Sinn. Was im Bestand? Sicher doch. Wir hören in Killers rein. Fand ich mal richtig stark, Paul Di’Anno klang viel rauer, weniger nach Oper als Bruce Dickinson später. Aber irgendwie ist Killers nicht in Würde gealtert, anders als klassische Alben von Deep Purple oder Led Zeppelin. Heute wirkt es auf mich pueril und fast ein wenig albern.
Eine Frage noch: wieso eigentlich der etwas andere Plattenladen? Weil hier der Kunde nicht nur zur Kohleabgabe da ist. Man darf gerne etwas länger bleiben, kann in Platten reinhören und über Musik reden. Viele kommen wieder, werden Stammkunden, einige sogar Freunde.
Inzwischen geht auch die letzte Flasche zur Neige. Ulf zieht zum Abschluss noch etwas aus seiner Raritätensammlung. Wir hören Tina Turners Wildest Dreams mit dem Titelstück des Bond-Films GoldenEye und ich reise im Geiste dreißig Jahre zurück, ins La Scala auf der Strothers Lane in Inverness, das es längst nicht mehr gibt. Irgendwie schön, noch einmal dagewesen zu sein.
Thanks Buddy.
Kommentar hinzufügen
Kommentare