The Three Sounds - Here We Come

Veröffentlicht am 25. September 2026 um 07:27

 

The Three Sounds – Here We Come

Blue Note ST-84088, 12/1960; Engineer: Rudy van Gelder, Producer: Alfred Lion

Gene Harris – p; Andrew Simpkins – b; Bill Dowdy – ds

 

Side A:

1) Now’s the Time

2) Summertime

3) Here We Come

4) Just Squeeze Me

 

Side B:

1) Broadway

2) Our Love is Here to Stay

3) Poinciana

4) Sonnymoon for Two

 

Irgendwo im Jazz der späten 50er und frühen 60er gab es einen Ort, da war immer Sommer. Dort lebten die Three Sounds, das Trio aus dem Pianisten Gene Harris (p), Bassist Andrew Simpkins und Drummer Bill Dowdy, das seit Herbst 1958 regelmäßig für Blue Note ins Studio ging. 

Und regelmäßig ist hier wörtlich zu nehmen. Zwischen ihrem ersten Date im September 1958 und ihrem letzten im Juni 1962 spielten die Sounds genug Material ein für sagenhafte zehn Veröffentlichungen unter eigenem Namen, plus zwei Sessions als Supportgruppe für Lou Donaldson und Stanley Turrentine, wir berichteten. Bei derart emsiger Aufnahmeaktivität darf man dann wohl erwarten, dass ein weites musikalisches Terrain bereist wurde?

 

Nicht wirklich. Die Kartographierung unbekannter Gebiete auf der Landkarte des Jazz war nicht das Anliegen der Three Sounds, ganz im Gegenteil sogar. Sie waren in den Clubs zu Hause, wo Leute in Ruhe ihr Bier trinken, unterhalten werden und sich mit der Musik nicht zu sehr anstrengen wollten. Folglich war das Programm der Sounds beinahe schamlos eingängig, dazu unten mehr. Kanten oder Dissonanzen suchte man vergebens, wer Abenteuer wollte, musste sich woanders umsehen.

 

Die Dramaturgie ihrer Alben und Stücke blieb konstant wie die Jahreszeiten. Sämtliche mir bekannten Platten boten ein kurzweiliges Programm mit locker swingenden Titeln, meist im Midtempo, gelegentlichen Balladen, sporadischen gospeligen Ausflügen und hier und da ein wenig Latin. Simpkins erhielt vereinzelt kurze Intermezzi auf dem Bass, ansonsten war Harris der einzige Solist. Von Dowdy, anscheinend einem Mann ohne Ego, ist mir kein Solo bekannt – ich sage das mit einer gewissen Vorsicht, denn ich habe nicht alle Alben der Three Sounds. Das Material war eine clevere Mischung aus bekannten Standards und ein, zwei blues-basierte Kompositionen von Harris pro Scheibe. Die Stücke sind relativ kompakt – auf Here We Come erreicht kein Titel die acht Minuten, viele bleiben unter fünf, Soli ufern nie aus – und laufen wie folgt ab:

1 (optional) – kurze instrumentelle Meditation (meist Harris, gelegentlich Simpkins).

2. Thema

3. Piano-Solo

4. (optional) Bass-Solo/kurze Bandpassage

5. Thema.

Sie hielten mit der Unbeirrbarkeit von Stoikern an diesem Rezept fest. Aus heutiger Sicht wundert man sich zunächst, warum Lion den Markt mit Platten der Sounds geradezu flutete. Die Antwort ist ernüchternd einfach: Sie machten Umsatz. Und zwar reichlich. Tatsächlich waren die Three Sounds zu ihrer Zeit der kommerziell erfolgreichste Act von Blue Note.1

 

Und die Popularität der Three Sounds erschließt sich auch heute noch. Zwar war keiner der Beteiligten ein herausragender Instrumentalist und es gab auch keine Kompositionen wie bei Horace Silver oder Tina Brooks, aber man funktionierte als Gruppe. Sie waren so etwas wie die Ramones des Jazz: Jahre im Stahlbad der Jazz-Clubs von Washington hatte aus den Sounds eine höchst effektive Einheit geformt, die sich als Begleitband für durchreisende Jazz-Größen einen Namen machte und auch Horace Silver so nachhaltig beeindruckte, dass er sie Alfred Lion empfahl. Der winkte zunächst ab, aber der Umzug der Band nach New York führte schließlich doch zur ersten Aufnahmesession.2

 

Wie oben bereits angedeutet, hatten nicht nur die Stücke, sondern auch die Platten der Three Sounds eine ähnliche Dramaturgie. Der Vorteil: wenn du ein Album der Three Sounds magst, dann magst du alle. Andererseits brauchst du wirklich nicht viele, vielleicht noch nicht einmal zwei, denn ihre Alben sind einander so ähnlich, dass es selbst mir schwerfällt, den Kauf mehrerer zu empfehlen, geschweige denn mir alle ins Regal stellen zu wollen. Aber mindestens eine sollte man doch haben – allein schon um zu sehen, wie die Band klang, die einen wesentlichen Beitrag dazu lieferte, dass Lion und Wolff sich täglich eine warme Mahlzeit leisten konnten.

 

****

 

Und Here We Come ist dafür kein schlechter Ausgangspunkt, es steht beispielhaft für das Oeuvre der Band (okay, das kann man von den anderen Platten auch behaupten) und hat, wie ich finde, eine besonders gelungene Auswahl an Titeln. Wenn man ihren Appeal erfassen möchte, dann hilft es, das Material wie aus der Vogelperspektive zu betrachten, statt es zu sezieren:

 

Das Drehbuch einer Three-Sounds-Platte am Beispiel von Here We Come:

Seite 1: Swinger in strammem Midtempo (Now’s the Time) – funereale Ballade (Summertime) – Midtempo Blues mit Gospel Feel (Here We Come mit Bass-Intro) – Swinger in gemächlichem Midtempo (Just Squeeze Me) als Closer.

Seite 2: Uptempo-Swinger (Broadway) – balladesk/langsamer Swinger (Our Love is Here to Stay) – entspannter Latin-Beat (Poinciana, erneutes Bass Intro) – Midtempo Blues (Sonnymoon for Two).

 

Wie man sieht: ein sorgfältig ausgewogener Mix aus Tempi, Stimmungen, Standards und einer bluesigen Eigenkomposition (Here We Come). Allen Stücken gemeinsam sind Melodien, die beim Hörer hängenbleiben, und Soli von Harris, die den Hörer ansprechen wollen, ohne ihn zu bedrängen. Da Harris der einzige Solist ist, liegt es an ihm, für die Spannung zu sorgen, die nötig ist, um das Album vor dem Abdriften in die Belanglosigkeit zu bewahren. Großenteils gelingt ihm das. Sein Approach ist dabei aber nicht die virtuose Demonstration technischer Kunststückchen, sondern die Konstruktion einer sich dynamisch steigerndern Folge tiefblauer Figuren mit häufigen Blockakkorden und jeder Menge bluesiger Triller. Auch wenn sie nicht oder kaum solieren: Simpkins und Dowdy sind wesentlich für den Erfolg der Three Sounds – eine rund schnurrende Swingmaschine, die die Musik trägt und bestenfalls sanft schiebt, aber nicht pusht.

 

Das Ergebnis ist eine Art Jazz, der auf Komplexität und musikalische Experimente verzichtet, aber den Hörer trotz allem mit einem schwer erklärbaren Gefühl der Befriedigung zurücklässt, weil er weder zu banal ist, noch vor unlösbare Rätsel stellt, weil er unprätentiös und lebensbejahend ist. Musik zum Lächeln! Auch wenn man weiß, dass Here We Come keine hohe Kunst darstellt – es ist schwer, sich seinem unschuldigen Charme zu entziehen. Besonders gut funktioniert das auf zwei Titeln: dem Bebop-Klassiker Now’s the Time, dem in dieser locker swingenden Version vielleicht der revolutionäre Stachel des Originals fehlt, der das aber mit Spielfreude und Tightness kompensiert. Auch sehr gelungen finde ich das eigentlich schon damals ausgelutschte Summertime, bei dem sich Harris während seines Solos in eine regelrechte Blues-Ekstase spielt; das Stück wird hier doch tatsächlich nach gut fünf Minuten ausgeblendet, statt zum Thema zurückzukehren.

 

Auch der Rest des Albums wirkt wie der Soundtrack zu einer hippen Vernissage – bluesig, prägnant, lässig. Eine gewisse Intensität ist da, aber die Platte ist zu cool, um zu überhitzen.

 

Fazit: Here We Come steht beispielhaft für den publikumsnahen Wohlfühljazz der Three Sounds in ihrer ersten Phase bei Blue Note. Die Band ist bestens eingespielt, swingt, und dass Harris der einzige Solist ist, bleibt bei einem Album verschmerzbar. Mit seiner Mischung aus gut abgehangenen Klassikern und einer bluesigen Eigenkomposition ist Here We Comevielleicht keine ganz große Kunst, aber gute Unterhaltung.

 

Musik: ****

 

Sound: Lebendige Aufnahme von RvG, klasse instrumentelle Präsenz.

 

Verfügbarkeit: Im Spätsommer 2026 tricky. Eine Nachpressung von Blue Note gibt es gerade nicht, aber vor einigen Jahren gab es eine preiswerte Neuauflage bei L.M.L.R. (um die 20 €), die man vereinzelt noch findet.

 

1: https://resonancerecords.org/artists/the-three-sounds/

 

2: Dieser Punkt ist nicht unumstritten. In einem Interview mit dem Online-Magazin All About Jazz erklärt Lou Donaldson, wie er die Three Sounds nach New York brachte und den Kontakt mit Alfred Lion vermittelte: https://www.allaboutjazz.com/a-fireside-chat-with-lou-donaldson

 

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