Stanley Turrentine – Blue Hour
Blue Note BST-84057; 06/1960, 12/1960; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion
Stanley Turrentine – ts; Gene Harris – p; Andrew Simpkins – b; Bill Dowdy – ds.
Side A:
1) I Want A Little Girl
2) Gee Baby, Ain’t I Good To You
3) Blue Riff
Side B:
1) Since I Fell For You
2) Willow Weep For Me
Stanley Turrentine, aka Mr. T., wurde in eine musikalische Familie geboren. Sein Vater Tommy Turrentine Sr. war Saxofonist in einem Ensemble namens Savoy Sultans, sein älterer Bruder Tommy spielte Trompete und war sporadischer Gast bei Blue Note. NJF-Leser kennen ihn von Horace Parlans Speakin’ My Piece. Stanley begann seine lange Karriere als Saxofonist in Blues- und R‘n’B-Bands in den frühen 1950ern. In den Orbit von Blue Note geriet er 1960; wie üblich startete er mit einigen Sessions als Sideman. Blue Hour war seine zweite Aufnahme als Leader.
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Ich mochte diese Scheibe schon immer. Damals, in den späten 1980ern, als das Saturn am Hansaring in Köln nach eigenen Angaben noch der größte Plattenladen Europas war, hatten sie dort eine exzellent sortierte Abteilung für Jazz, mit Reihe um Reihe voller Klassiker von Blue Note, Riverside, Prestige usw. Selbst eine eigene Ecke für hochwertige, aber teure Japan-Pressungen gab es; da bediente ich mich als Student jedoch nur in Ausnahmefällen. Jazz war für mich noch neu, es war die Zeit der großen Entdeckungen, und jede Expedition nach Köln brachte neue Schätze. Aber wie sollte ich entscheiden, welches Album den Kauf wert war? Streaming war noch Zukunftsmusik, also blieb mir nichts anderes übrig, als nach Cover, Besetzung und drei einfachen Regeln zu wählen.
Da ihr fragt:
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Regel 1: keine Flöte.
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Regel 2: keine Big Band.
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Regel 3: kein Latin.
Regeln 2 und 3 gelten noch immer, Regel 1 im Prinzip auch, nur bei Roland Kirk mache ich eine Ausnahme.
Zurück zu Blue Hour. Schon das Cover löste bei mir, noch vor dem ersten Hören, eine Kaskade von Assoziationen aus. Wie so oft bei Blue Note gelingt es Reid Miles auch hier, die Gestaltung perfekt auf die Musik abzustimmen: Unterlegt mit einem satten, tiefen Blaugrün, zeigt das Titelbild die vier Musiker und ihre Instrumente schemenhaft verschwommen in einem großen, holzgetäfelten Raum; neben Turrentine steht eine Weinflasche auf dem Boden. Turrentine selbst befindet sich auf der rechten Seite, man sieht ihn nur als Silhouette von hinten, tief in Gedanken versunken. Dowdy und Simpkins stehen links und scheinen zu Pianist Harris zu schauen, der hinter seinem Flügel kaum auszumachen ist. Es entsteht der Eindruck stiller, intensiver Konzentration.
Unterhalb der Band wird das Cover durch Albumtitel und Künstlername geteilt. Die gesamte untere Hälfte besteht aus einer fast strukturlosen Fläche in Blau, nur zwischen Albumtitel und dem Namen des Interpreten von einem schmalen Lichtreflex durchbrochen. Die bewusst eingesetzte Unschärfe und das geheimnisvolle Blau suggerieren einen entrückten Schwebezustand zwischen Traum und Wirklichkeit.
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So dunkel und schwer wie das Bild ist auch die Musik. Wie Ira Gitler in den Liner Notes schreibt: „Wenn es eins gibt, das wie Balsam für die geschundene Seele wirkt, ist es Musik… nichts wirkt reinigender und lindernder als Blues“. Vier der fünf Titel hier sind das, was Gitler als Blues-Balladen bezeichnet: formal keine Zwölftakter, aber durchdrungen von Geist und Klang des Blues. Dazu gibt es mit Blue Riff einen echten Blues im Midtempo.
Der Hauptteil des Albums, mehr als achtzig Prozent der Spieldauer, gehört den Balladen: I Want A Little Girl und Gee Baby Ain’t I Good To You auf Seite 1, Since I Fell For You und Willow Weep For Me auf Seite 2. Alle vier werden in einem so getragenen Tempo angegangen (um die 45 bpm), dass man vom Stillstand nicht mehr weit entfernt ist. Harris eröffnet jeweils mit einigen Takten bluesiger Reflexion, in der Regel unter Einsatz von Blockakkorden, dann stellt Turrentine das Thema vor und es folgen Soli des Leaders und von Harris; Simpkins und Dowdy beschränken sich auf reine Begleitung. Erstaunlich: Trotz der Konzentration auf eine einzige Gemütslage versinkt Blue Hour nicht in lähmender Monotonie.
Aber wieso nicht? Um ehrlich zu sein – so ganz kann ich es auch nicht erklären, denn die vier Balladen unterscheiden sich wirklich nur durch die paar Takte Melodie zu Anfang und Ende. Aber Turrentine und Harris waren mit dieser Art von Musik großgeworden und wussten, wie man seine Zuhörer bei der Stange hält. Mr. T. bläst mit mächtigem Ton und dynamischem Kontrast, mal samtig, mal härter zupackend. Seine Soli atmen; er überfrachtet sie nicht, sondern man hat das Gefühl, dass jede Note genau sitzt und den Raum bekommt, den sie braucht, um zu wirken. Salopp formuliert: Sein Horn soll zum Hörer sprechen, statt ihn zu erdrücken. Bei Harris verhält es sich ähnlich. Auch er schüttelt lässig eine Bluesphrase nach der anderen aus dem Ärmel, und man versteht, warum die Three Sounds sich gut verkauften: Wir sind weit entfernt von Andrew Hill oder Grachan Moncur; hier wird mit Niveau unterhalten, nicht sperrig komponiert oder harmonisches Neuland gesucht.
Was übrigens neben den Soli von (insbesondere) Turrentine und Harris beeindruckt, ist die Disziplin von Simpkins und Dowdy, die sich wirklich bis zur Selbstverleugnung zurücknehmen, um den Solisten die Bühne zu bereiten. Es gibt, wie gesagt, kein einziges Solo von ihnen, sie fallen auch nicht durch markante Breaks auf, obwohl sie es sicher gekonnt hätten. Dadurch bekommt die Platte eine Stringenz, wie sie selbst bei Blue Note nicht alltäglich war.
Blue Riff schließlich hält genau das, was der Titel verspricht: Ein simples Blues-Riff leitet den einzigen Midtempo-Swinger der Platte ein. Atmosphärisch fügt sich das Stück nahtlos in das Programm ein, tut der Dynamik der Platte jedoch gut, indem es das nötige Quantum Energie liefert, um die somnambule Stimmung kurzzeitig zu durchbrechen.
Fazit: Stanley Turrentine und die Three Sounds destillieren auf Blue Hour mit sparsamem Spiel die Essenz des Blues aus vier bekannten Jazz-Balladen. Das Album köchelt auf kleiner Flamme, entwickelt aber intensive Aromen.
Musik: ****1/2
Sound: RvG liefert, wie üblich. Ich finde an der Aufnahme nichts zu meckern.
Verfügbarkeit auf Vinyl: Im Frühjahr 2026 ist eine Nachpressung von 2024 zwar hier und da zu bekommen, aber mit über 30€ recht teuer. Gebraucht und auf CD ist die Aufnahme problemlos erhältlich. Die Complete Master Sessions bieten mit ihren 12 Tracks allerdings eine extreme Dosis dieses bluesgetränkten Soundtracks zur Geisterstunde, somit eher für Komplettisten geeignet.
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