Ich habe letzte Woche ja vollmundig behauptet, alle Alben der Three Sounds klängen im Prinzip gleich. Dazu stehe ich auch, aber ich muss einschränkend zugeben, nicht jedes Album gehört zu haben. Meine Aussage ist allerdings auch nicht völlig aus der Luft gegriffen, sie basiert auf den sechs Alben, die ich besitze (Bottoms Up! auf CD, aber das ist der Musik ja egal). Here We Come hatten wir schon, hier ist der Rest.
****
The Three Sounds (Introducing The Thre Sounds)
Blue Note BLP 1600, 09/1958; Engineer: Rudy van Gelder, Producer: Alfred Lion
Gene Harris – p, cel*; Andrew Simpkins – b; Bill Dowdy – ds
Side A:
1) Tenderly
2) Willow Weep For Me
3) Both Sides
4) Blue Bells*
Side B:
1) It’s Nice
2) Goin’ Home
3) Would’n You
4) O Sole Mio
Bottoms Up!
Blue Note BST 84014, 02/1959; Engineer: Rudy van Gelder, Producer: Alfred Lion
Gene Harris – p, cel*; Andrew Simpkins – b; Bill Dowdy – ds
Side A:
1) Besame Mucho
2) Angel Eyes
3) Time After Time
4) Love Walked In
Side B:
1) I Could Write a Book
2) Jinne Lou*
3) Nothing Ever Changes My Love For You
4) Falling In Love With Love
Good Deal
Blue Note BST 84020, 05/1959; Engineer: Rudy van Gelder, Producer: Alfred Lion
Gene Harris – p; Andrew Simpkins – b; Bill Dowdy – ds
Side A:
1) Robbins’ Nest
2) Don’t Blame Me
3) St. Thomas
4) Down The Track
Side B:
1) Tracy’s Blue
2) That’s All
3) Satin Doll
4) Soft Winds
Feelin’ Good
Blue Note BST 84072, 06/1960; Engineer: Rudy van Gelder, Producer: Alfred Lion
Gene Harris – p; Andrew Simpkins – b; Bill Dowdy – ds
Side A:
1) When I Fall in Love
2) Parker’s Pad
3) Blues After Dark
4) I Got it Bad And That Ain’t Good
Side B:
1) Straight, No Chaser
2) I Let a Song Go Out of My Heart
3) It Could Happen to You
4) Two Bass Hit
Babe’s Blues
Blue Note BST 84434, 08/1961; 03/1962*; Engineer: Rudy van Gelder, Producer: Alfred Lion
Gene Harris – p; Andrew Simpkins – b; Bill Dowdy – ds
Side A:
1) Babe’s Blues*
2) Wait a Minute
3) Work Song
4) Blue Daniel
5) Sweet and Lovely
Side B:
1) Shiny Stockings
2) Walking the Floor Over You
3) Between the Devil and the Deep Blue Sea
4) Stairway to the Stars
5) Lazy Cat
****
Es ist inzwischen eine Weile her, dass ich mir eine Platte der Sounds gekauft habe und ich kann heute nicht mehr sagen, was mich damals, beim Kauf der fünften oder sechsten, geritten hat. Wie gesagt, keine ihrer Platten ist wirklich schlecht, aber es ist eben auch keine besser als angenehme, leichtverdauliche Unterhaltung auf hohem Niveau, und ich hätte spätestens nach der dritten wissen müssen, was mich erwartet. Es muss die Hoffnung gewesen sein, dass ausgerechnet bei der nächsten Platte die Jazz-Sterne günstig standen und für die Three Sounds einfach alles zusammenpasste. Leider ist das bis heute nicht passiert und jetzt, um bittere Erfahrung reicher und etliche €€ ärmer, glaube ich nicht mehr daran, dass irgendwo im Bandkatalog noch ein vergessener Edelstein zwischen den Kieseln schlummert.
Ich muss betonen, dass die folgenden Kommentare – wie überhaupt alle Rezensionen auf NJF – allein auf meiner extrem maßgeblichen Meinung beruhen und von jedem von euch anders empfunden werden könnten. Ihr müsst ja nicht auf mich hören und könnt nach dem Cover kaufen (habe ich auch oft gemacht, funktioniert erstaunlich gut) oder nach bestimmten Titeln im Programm. Wenn ihr keine Aufnahme der Sounds habt, ist es wirklich fast egal, mit welcher ihr anfangt. Man mag sie, oder eben nicht.
Das wirft die Frage auf, ob es überhaupt nötig ist, über mehr als eins ihrer Alben zu schreiben? Eigentlich nicht. Wer meine Betrachtung von Here We Come gelesen und eine Meinung zu den Three Sounds gebildet hat, kann jetzt getrost Netflix weiterbingen, die Welt wird nicht untergehen. Andererseits – wenn ihr seit Jahren mit dem Gedanken spielt, jetzt endlich mal eine ihrer Platten zu kaufen und partout nicht weiter wisst, dann ist so eine Kurzbetrachtung vielleicht hilfreich. Solange ich auch nur einer Person einen Anhaltspunkt geben kann, dann hat sie sich gelohnt. Meine Alben der Three Sounds in chronologischer Ordnung:
The Three Sounds (****)
Bekanntlich wohnt allem Anfang ein Zauber inne. Das Debüt der Three Sounds für Blue Note (im Katalog später auch als Introducing The Three Sounds geführt), und gleichzeitig das letzte Album in der 1500 Series des Labels, gefiel mir von Anfang an. Da ja, siehe oben, zu den Alben, die noch kommen sollten, kein konzeptioneller Unterschied zu erkennen ist, besteht für Fürsprecher des Labeldebüts ein gewisser Rechtfertigungsdruck. Dabei ist die Sache ganz einfach: Ich finde die Stücke schlicht besser als die auf den meisten anderen Platten der Sounds. Mir ist jedoch klar, dass man mit demselben Argument auch Bottoms Up! zur Lieblingsplatte erklären kann. Aber Leute, was soll ich sagen? Das bluesig-dunkle Willow Weep for Me, das die Sounds später noch mit Stanley Turrentine einspielten, ist halt für mich eine bessere Ballade als zum Beispiel Angel Eyes auf Bottoms Up! Und Harris hat sich hier als Komponist echt reingehängt – vier der acht Titel stammen von ihm, alle swingen in der unvergleichlich lockeren Art, die die Sounds so an sich hatten. Die obligatorische Latin-Note gibt es im Thema von Would’n You, das doch tatsächlich ein Schlagzeugsolo von Dowdy präsentiert – ups! Da muss ich wohl eine vorschnelle Aussage in meiner letzten Rezension korrigieren. Egal, The Three Sounds ist ein rundum gelungenes Album, daran kann auch das unverzeihliche O Sole Mio am Ende nichts mehr ändern. Es wurde zu einem der populärsten Jazzalben des Jahres, laut Blue Note selbst ein „unexpected success“. Vielleicht war das nicht unbedingt eine gute Sache, denn von da an ging Lion mit ihnen ins Studio, als gäbe es kein Morgen. Keines der folgenden Alben ist ein echter Rohrkrepierer, aber nicht alle erreichen den Charme des Debüts.
Bottoms Up! (***)
Das zweite Album der Three Sounds habe ich mir als Japan-CD gekauft. Das muss in den 1990ern gewesen sein und ich stand voll auf das neue Medium. Ehrlich gesagt konnte ich aber mit Bottoms Up! nie wirklich viel anfangen. Normalerweise mag ich Besame Mucho, die meisten Versionen tragen eine melancholische Sehnsucht in sich, genau wie NJF selbst. Aber hier wird dieses unschuldige Stück für meinen Geschmack zu aggressiv mit Blockakkorden angegriffen und kann sich davon nicht mehr erholen, auch wenn Harris im Solo mit seinem typischen Drive swingt. Der Rest des Albums bietet smarten, aber leider nicht immer packenden Cocktail-Jazz. Auf der Harris-Nummer Jinne Lou, ein Blues, logisch, gibt’s noch einmal ein paar Takte Celeste, doch auch die kann die Betriebstemperatur dieser Session nicht erhöhen. Man kann Bottoms Up! eine gewisse Wärme nicht absprechen, echtes Feuer spüre ich aber nicht.
Good Deal (***)
Seit der Session für Bottoms Up! waren erst drei Monde vergangen und die Sounds standen erneut im Studio. Loderte in ihnen ein unglaubliches kreatives Feuer, oder konnte Alfred Lion einfach nicht genug von ihnen bekommen? Seine Maxime „It must schwing!“ erfüllten sie ja wie kaum eine andere Combo. Der erneute Gang ins Studio könnte allerdings auch am Geld gelegen haben. Dass sie sich gut verkauften, wissen wir ja (s.o.). Vielleicht nutzte Lion den wirtschaftlichen Spielraum, um ein Labelprogramm zu betreiben, das nicht jede einzelne Produktion nach ihrem unmittelbaren Verkaufspotenzial beurteilen musste. Wie auch immer, gefühlt waren die Sounds von 1958 bis 1960 alle paar Wochen im Studio. Da aber nicht alle Sessions unmittelbar in Veröffentlichungen resultierten, wurde offenbar Material auf Vorrat produziert. Good Deal jedenfalls stand wohl erst 1960 in den Regalen, also ein Jahr nach Bottoms Up!, hat aber mit denselben Problemen zu kämpfen: ein eher biederes Programm, das gelegentliche Flugversuche startet, aber nie wirklich abhebt. Es gibt ein lauwarmes St. Thomas und zwei Blues von Harris, die er mit seinen Läufen und patentfähigen Blockakkorden kräftig würzt. Alles ganz nett, und immer drei Sterne wert, aber hatte man so etwas nicht kürzlich erst gehört? Doch, hatte man.
Feelin’ Good (****)
Feelin’ Good? Wirklich? Die Scheibe hätte auch Feelin’ Blue heißen können, keine andere Aufnahme der Sounds steht so tief im Blues wie diese hier. Abgesehen von When I Fall in Love ist Seite 1 durchgehend blau, zwei weitere Titel auf Seite 2 hauen in dieselbe Kerbe: Monks Straight, No Chaser und It Could Happen to You, hier sehr getragen und dunkel. Und wenn sich die Stimmung kurzzeitig aufhellt, wie bei When I Fall in Love, I Let a Song Go Out of My Heart und dem Closer, Tadd Damerons Gassenhauer Two Bass Hit, mit einem ausgesprochen positiven Vibe und dem zweiten mir bekannten Drumsolo von Dowdy während seiner Zeit bei Blue Note, dann hält Harris mit bluesigen Phrasen in seinen Soli den Bodenkontakt. Von seiner Stimmung erinnert mich Feelin’ Good stark an das im selben Monat eingespielte Blue Hour von Stanley Turrentine, und das ist ausdrücklich als Kompliment gemeint! Nach den handwarmen Bottoms Up! und Good Deal ist Feelin’ Good eine willkommene Rückkehr zu alter Form und verdient sich vier Sterne, solange man nichts gegen die oft nachtblaue Stimmung hat.*
Babe’s Blues (insgesamt ****; siehe Text)
Babe’s Blues, erstmals 1986 erschienen, war das Resultat einer kuratorischen Neuordnung von unveröffentlichtem Material zweier Sessions, die bereits drei Alben hervorgebracht hatten: Hey There (BST 84102, 1961), Black Orchid und Out of This World (BST 84155; BST 84197, beide 1962). Babe’s Blues markierte meinen Einstieg in die Welt der Three Sounds. Nur nebenbei: Es war eine der Blue Notes, die in den 1980ern von Pathé Marconi in Frankreich gepresst und im Rahmen einer Serie namens Cadre Rouge veröffentlicht wurden. Diese Pressungen waren „digitally remastered“, Digital war schwer in Mode, und erfuhren außerdem ein Direct Metal Mastering (DMM). Ich habe darüber im Zwischennetz einige kritische Kommentare gelesen, die diesen Pressungen einen kalten, technischen Klang bescheinigen. Ich kann davon bei meinen Platten nichts hören, und ich habe einige! Im Gegenteil, wenn ich eine Cadre Rouge gebraucht sehe, dann greife ich sofort zu, unter meinen ist nicht eine Gurke.
Zur Musik: Dass Babe’s Blues eine Kompilation ist, hört man der Platte nicht an. Zugegeben, man könnte vermutlich von jedem Sounds-Album aus den 50ern und frühen 60ern ein Stück nehmen, daraus eine neue Platte machen und würde immer noch ein geschlossen klingendes Album bekommen. Kurioserweise ist die erste Seite von Babe’s Blues aber besonders gut, für mich die einzige Seite der Three Sounds überhaupt, die einer Fünf-Sterne-Wertung nahekommt. Mit Ausnahme von Sweet and Lovely finden sich darauf nur Granaten. Babe’s Blues und Wait a Minute swingen mit mächtigem Momentum und Frank Rosolinos Blue Daniel verdient das Attribut lovely. Seite 2 fällt dagegen mit eher durchschnittlichem Material deutlich ab – kein Desaster, aber ich lege sie fast nie auf.
Fazit: Was Konzeption, Stimmung und Präsentation der Three-Sounds-Alben angeht, gibt es keine echten Unterschiede. Dennoch, siehe oben, mag ich manche mehr als andere. Die Gründe dafür liegen in einer schwer fassbaren inneren Dramaturgie und der Attraktivität der Themen. Da haben das Labeldebüt, das bluesgetränkte Feelin’ Good und Here We Come die Nase vorne, aber auch das erst im Nachhinein veröffentlichte Babe’s Blues hat seine Momente. Good Deal und Bottoms Up! dagegen sind eher was für Komplettisten.
Sound: Alle Aufnahmen der Three Sounds bieten den üblichen, ausgewogenen van-Gelder-Klang mit starker instrumenteller Präsenz. Ich finde Babe’s Blues in dieser Hinsicht besonders stark.
Verfügbarkeit: Im Spätsommer 2026 tricky. Es gibt gerade tatsächlich von keinem meiner Alben eine aktuelle Nachpressung, abgesehen von Here We Come auf Rat Pack Records. Black Orchid, das ich noch nicht gehört habe, wurde 2014 neu aufgelegt und ist vereinzelt noch zu finden.
*Auch das Album Moods liegt chronologisch vor Feelin’ Good und hat seine Verfechter, aber ich kenne es nicht.
Kommentar hinzufügen
Kommentare