Sonny Clark – Leapin’ and Lopin’
Blue Note ST-84091, 11/1961; Engineer: Rudy van Gelder, Producer: Alfred Lion
Charlie Rouse, Ike Quebec* – ts; Tommy Turrentine – tp; Sonny Clark – p; Butch Warren – b; Billy Higgins – ds;
Side A:
1) Somethin’ Special
2) Deep in a Dream*
3) Melody for C
Side B:
1) Eric Walks
2) Voodoo
3) Midnight Mambo
Leapin’ and Lopin’ war Sonny Clarks fünftes und letztes Album als Leader für Blue Note vor seinem frühen Tod im Januar 1963. Zwischen 1957 und 1958 war er beinahe der Hauspianist des Labels, aber nach Cool Struttin’ (Januar 1958) wurde es länger still um ihn. Erst im November 1961 stand er wieder mit einem Quintett im Studio.
Wie auf seinen älteren Aufnahmen für Blue Note gibt es auch auf Leapin’ and Lopin’ lupenreinen Hard Bop von einem Quintett mit Tenorsax und Trompete, aber das Begleitpersonal ist für Clark neu* und ein paar Worte wert. Tenorsaxofonist Charlie Rouse war im Hauptjob bei Thelonious Monk, dessen zerklüftete Kompositionen er mit seinem etwas raubeinigen Ton und burschikosen, unsentimentalen Spiel gut ergänzte. Hier dagegen hätte ich ihn fast nicht wiedererkannt. Clarks Musik ist gefälliger und leichter als die von Monk, und so spielt auch Rouse entspannter, mit weicherem, aber noch lange nicht softem Ton. Dennoch bleibt seine Phrasierung trocken und rhythmisch präzise wie bei Monk, damit gibt er der Platte durchaus eine leicht querständige Note. Trompeter Tommy Turrentine, Stanleys Bruder, ist da schon eher ein straighter Hard Bopper mit viel Gefühl für Blues und liefert einen schönen Kontrast zu Rouses rauer Kanne.
Bassist Butch Warren und Drummer Billy Higgins waren auf dem Weg, die Hausrhythmusgruppe bei Blue Note zu werden, aber hier stehen sie noch am Anfang. Beide spielen ihre dritte gemeinsame Session für das Label und zeigen sich hier schon als formidables Team. Warren ist die Art unauffällig zuverlässiger Bassist, den man erst dann wirklich wahrnimmt, wenn er aufhört, zu spielen. Egal ob Ballade, Uptempo Swinger oder latinesker Groove – Warren ist immer da, wenn es drauf ankommt, ein idealer Innenverteidiger des Hard Bop. Sein Partner Billy Higgins setzte dem rhythmischen Punch von Leuten wie Louis Hayes und Philly Joe Jones, mit denen Clark vorher aufgenommen hatte, einen freier fließenden, schwerelosen Rhythmus entgegen. Besonders auffällig wird das im direkten Vergleich mit Philly Joe Jones: beide waren äußerst agil, aber Jones hatte eine härtere Attack. Er konnte seine Snare und Toms richtig knallen lassen, bei Higgins dagegen bekommen sie Streicheleinheiten, sein Spiel wirkt weniger aggressiv, aber rhythmisch offener und beides hat seinen Reiz.
Zum Material: es gibt sechs Stücke, fünf davon sind von Bandmitgliedern: drei vom Leader, je eins von Warren und Turrentine. Einer der Gründe, wenn nicht der Grund, für Clarks lange Studioabstinenz war seine schwere Heroinabhängigkeit. Clark mochte sein Leben nicht unter Kontrolle gehabt haben, aber auf dem Album ist davon nichts zu hören, im Gegenteil. Die Musik zeigt sich ausnehmend gut organisiert, mit einer selbst für Blue Note sehr tighten Band, und Voodoo auf Seite 2 gilt sogar als eine von Clarks stärksten Kompositionen überhaupt.
Den Anfang macht Somethin’ Special, einer dieser typischen nachtdunklen, im mittleren Tempo swingenden Moll-Blues mit fanfarenartigem Thema, die Clark aus dem Ärmel schütteln konnte wie kaum jemand sonst. Die einprägsame Melodie ist schwer, aber nicht verzweifelt und wird in der Bridge aufgelockert von einem latinesken Beat. Die anschließenden Soli sind allein deshalb interessant, weil die Charaktere der Solisten so klar hervortreten. Rouses Ton ist vielleicht weniger rau als bei Monk, aber er hat dennoch die kantigste Phrasierung. Wenn er an einer Stelle ein paar kurze hohe Noten aus seinem Saxofon presst, dann klingen sie fast wie kleine akustische Messerstiche. Turrentine dagegen spielt lange, fließende Linien, die sich geschmeidig zwischen den Registern des Instrumentes bewegen, Clark selbst lässt seine rechte Hand grazile Figuren zaubern, während die linke sporadisch Akkorde unterlegt - so sanft, dass sie sich teilweise am Rand der Hörschwelle bewegen.
Auf Eddie De Langes Deep in a Dream, dem einzigen Standard hier, dürfen Rouse und Turrentine ein Päuschen machen, während Blue Notes A&R-Mann und Saxofonveteran Ike Quebec sein Horn rausholt, um diese introspektive Ballade mit seinem butterweichen Tenorsound zu veredeln. Das Thema jedoch gehört Clark allein, er klingt träumerisch, fast weltverloren vor Warrens gestrichenem Bass und Higgins’ diskreter Beckenarbeit mit Besen. Quebec stammt noch aus der Swing-Ära, als Titanen wie Coleman Hawkins und Ben Webster die Szene dominierten, und das hört man seinem Solo auch an – mit mächtigem Ton und entspannter Phrasierung spielt er das einzige Solo des Titels.
Schaut Deep in a Dream musikalisch zurück, dann tut das folgende Melody for C das Gegenteil. Ira Gitler bezeichnet das Stück in seinen Liner Notes als modal, und es ist auch ein locker federnder Swinger, der mich an Duke Pearsons Jeannine denken lässt, aber mir scheint es harmonisch komplexer. Wie auch immer, es ist ein weiteres Stück, das Clarks Händchen für eingängige und eminent hörerfreundliche Melodien demonstriert. Hier möchte wirklich jemand die Welt zu einem besseren Ort machen. Knapp acht Minuten dauert diese Musik, aber am Ende fühlt man sich, als sei sie zu kurz gewesen.
Eric Walks, der Opener von Seite 2, stammt von Warren und ist ziemlich interessant. Es handelt sich um ein kräftig swingendes Uptempo-Stück mit langgezogenen Noten im A-Teil des Themas. Diese überlagern die harmonische Bewegung darunter, sodass ein modaler Eindruck entsteht, ohne dass der Titel wirklich modal im Sinne harmonischer Stasis ist. Aber was rede ich? Wichtig ist, dass sich Eric Walks trotz seiner hohen Schlagzahl nahtlos in den entspannten Groove der Platte einreiht und neben den üblichen Verdächtigen auch der Komponist mal solieren darf.
Damit kommen wir zu Clarks letzter Komposition, dem vielgelobten Voodoo, einem 32-taktigen Medium-Swinger. Mollgefärbt, klar, mit einer geheimnisvoll klingenden Melodie über einer absteigenden Basslinie. Clark sekundiert mit dramatisch bluesigen Akkorden, bevor die Bridge die Spannung kurz löst. In den Soli jedoch geht es über den dunkel dräuenden Mollakkorden wieder ordentlich zur Sache.
Mambo-Rhythmen im Jazz brauche ich nicht wirklich, das gilt auch für Tommy Turrentines Midnight Mambo, zumindest im A-Teil. Aber das ist keine Kritik an der Komposition, sondern schlicht meinem Geschmack geschuldet; während der Soli wechselt das Stück ohnehin in einen strammen Midtempo-Swing, über dem die Solisten sich ein letztes Mal ausbreiten können.
Fazit: Leapin’ and Lopin’ ist Sonny Clarks Schwanengesang und ein Abgang mit Würde. Das Album bietet neben einem Standard fünf sorgfältig arrangierte, prägnante Eigenkompositionen der Bandmitglieder. Charlie Rouse und Tommy Turrentine setzen neue Impulse an der Front, während Butch Warren und besonders Billy Higgins für rhythmische Leichtigkeit sorgen. Schönes Album.
Musik: ****1/2
Sound: Gewohnt stabile Aufnahme von RvG mit guter Durchhörbarkeit und Balance.
Verfügbarkeit: Im Spätsommer 2026 etwas schwierig, aber nicht unmöglich. Nicht an jeder Ecke zu finden, aber es gibt noch Exemplare der Wiederveröffentlichung von 2015.
*Ganz fremd war man sich nicht: Warren, Higgins, Turrentine und Clark hatten schon gemeinsam im Studio gearbeitet, jedoch nicht unter Clarks Führung - als Sidemen bei Sessions von Jackie McLean und Grant Green.
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