Sonny Clark - Leapin' and Lopin'

Veröffentlicht am 22. September 2026 um 16:46

 

Sonny Clark – Leapin’ and Lopin’

Blue Note ST-84091, 11/1961; Engineer: Rudy van Gelder, Producer: Alfred Lion

Charlie Rouse, Ike Quebec* – ts; Tommy Turrentine – tp; Sonny Clark – p; Butch Warren – b; Billy Higgins – ds;

 

Side A:

1) Somethin’ Special

2) Deep in a Dream*

3) Melody for C

 

Side B:

1) Eric Walks

2) Voodoo

3) Midnight Mambo

 

Leapin’ and Lopin’ war Sonny Clarks fünftes und letztes Album als Leader für Blue Note vor seinem frühen Tod im Januar 1963. Zwischen 1957 und 1958 war er beinahe der Hauspianist des Labels, aber nach Cool Struttin’ (Januar 1958) wurde es länger still um ihn. Erst im November 1961 stand er wieder mit einem Quintett im Studio.

 

Wie auf seinen älteren Aufnahmen für Blue Note gibt es auch auf Leapin’ and Lopin’ lupenreinen Hard Bop von einem Quintett mit Tenorsax und Trompete, aber das Begleitpersonal ist für Clark neu* und ein paar Worte wert. Tenorsaxofonist Charlie Rouse war im Hauptjob bei Thelonious Monk, dessen zerklüftete Kompositionen er mit seinem etwas raubeinigen Ton und burschikosen, unsentimentalen Spiel gut ergänzte. Hier dagegen hätte ich ihn fast nicht wiedererkannt. Clarks Musik ist gefälliger und leichter als die von Monk, und so spielt auch Rouse entspannter, mit weicherem, aber noch lange nicht softem Ton. Dennoch bleibt seine Phrasierung trocken und rhythmisch präzise wie bei Monk, damit gibt er der Platte durchaus eine leicht querständige Note. Trompeter Tommy Turrentine, Stanleys Bruder, ist da schon eher ein straighter Hard Bopper mit viel Gefühl für Blues und liefert einen schönen Kontrast zu Rouses rauer Kanne.

 

Bassist Butch Warren und Drummer Billy Higgins waren auf dem Weg, die Hausrhythmusgruppe bei Blue Note zu werden, aber hier stehen sie noch am Anfang. Beide spielen ihre dritte gemeinsame Session für das Label und zeigen sich bereits als formidables Team. Warren ist die Art unauffällig zuverlässiger Bassist, den man erst dann wirklich hört, wenn er nicht mehr spielt. Egal ob Ballade, Uptempo-Swinger oder latinesker Groove – Warren ist da, wenn es drauf ankommt, der ideale Innenverteidiger des Hard Bop. Sein Partner Billy Higgins setzte dem knackigen Punch von Leuten wie Louis Hayes und Philly Joe Jones, mit denen Clark vorher aufgenommen hatte, einen freier fließenden, schwerelosen Rhythmus entgegen. Besonders auffällig wird das im direkten Vergleich mit Philly Joe Jones: beide waren agile Drummer, aber Jones hatte eine härtere Attack. Er konnte seine Snare und Toms richtig knallen lassen, bei Higgins dagegen bekommen sie Streicheleinheiten, sein Spiel wirkt weniger aggressiv, aber rhythmisch offener. Beides hat seinen Reiz.

 

Zum Material: Es gibt sechs Stücke, fünf davon sind von Bandmitgliedern: drei vom Leader, je eins von Warren und Turrentine. Einer der wesentlichen Gründe für Clarks lange Studioabstinenz war seine schwere Heroinabhängigkeit.** Zwischen März 1959 und seiner Rückkehr zu Blue Note im Oktober 1961 nahm Clark nur fünfmal für andere Labels auf. Clark mochte sein Leben nicht unter Kontrolle gehabt haben, aber auf dem Album ist davon nichts zu hören, im Gegenteil. Die Musik zeigt sich ausnehmend gut organisiert, mit einer selbst für Blue Note sehr tighten Band, und Voodoo auf Seite 2 gilt sogar als eine von Clarks stärksten Kompositionen überhaupt. 

 

Den Anfang macht Somethin’ Special, einer dieser typischen nachtdunklen, im mittleren Tempo swingenden Moll-Blues mit fanfarenartigem Thema, die Clark aus dem Ärmel schütteln konnte wie kaum jemand sonst. Die einprägsame Melodie ist schwer, aber nicht verzweifelt und wird in der Bridge aufgelockert von einem latinesken Beat. Die anschließenden Soli sind allein deshalb interessant, weil die Charaktere der Solisten so klar hervortreten. Rouses Ton ist vielleicht weniger rau als bei Monk, aber er hat dennoch die kantigste Phrasierung. Wenn er an einer Stelle ein paar kurze hohe Noten aus seinem Saxofon presst, dann klingen sie fast wie kleine akustische Messerstiche. Turrentine dagegen spielt lange, fließende Linien, die sich geschmeidig zwischen den Registern des Instrumentes bewegen, Clark selbst lässt seine rechte Hand grazile Figuren zaubern, während die linke sporadisch Akkorde unterlegt - so sanft, dass sie sich teilweise am Rand der Hörschwelle bewegen.

 

Auf Eddie De Langes Deep in a Dream, dem einzigen Standard, dürfen Rouse und Turrentine ein Päuschen machen, während Blue Notes A&R-Mann und Saxofonveteran Ike Quebec sein Horn rausholt, um diese introspektive Ballade mit seinem butterweichen Tenorsound zu veredeln. Das Thema jedoch gehört Clark allein, er klingt träumerisch, fast weltverloren vor Warrens gestrichenem Bass und Higgins’ diskreter Beckenarbeit mit Besen. Quebec stammt noch aus der Swing-Ära, als Titanen wie Coleman Hawkins und Ben Webster die Szene dominierten, und das hört man ihm auch an – mit mächtigem Ton und entspannter Phrasierung spielt er das einzige Solo des Titels.

 

Schaut Deep in a Dream musikalisch zurück, dann tut das folgende Melody for C das Gegenteil. Ira Gitler bezeichnet das Stück in seinen Liner Notes als modal, und es ist auch ein locker federnder Swinger, der mich an Duke Pearsons Jeannine denken lässt, aber mir scheint es harmonisch komplexer. Wie auch immer, es ist ein weiteres Stück, das Clarks Händchen für eingängige und eminent hörerfreundliche Melodien demonstriert. Hier möchte wirklich jemand die Welt zu einem besseren Ort machen. Knapp acht Minuten dauert diese Musik, aber am Ende fühlt man sich, als sei sie zu kurz gewesen.

 

Eric Walks, der Opener von Seite 2, stammt von Warren und ist ziemlich interessant. Es handelt sich um ein kräftig swingendes Uptempo-Stück mit langgezogenen Noten im A-Teil des Themas. Diese überlagern die harmonische Bewegung darunter, sodass ein modaler Eindruck entsteht, ohne dass der Titel wirklich modal im Sinne harmonischer Stasis ist. Aber was rede ich? Wichtig ist, dass sich Eric Walks trotz seiner hohen Schlagzahl nahtlos in den entspannten Groove der Platte einreiht und neben den üblichen Verdächtigen auch der Komponist mal solieren darf.

 

Damit kommen wir zu Clarks letzter Komposition, dem vielgelobten Voodoo, einem Medium-Swinger in einer 32-taktigen AABA-Form. Mollgefärbt, klar, aber die Mollfärbung ist eher Grundkolorit; der Charakter des Stücks ist im A-Teil tonal seltsam ambivalent, um sich dann in der Bridge harmonisch zu verdunkeln. Über einer ostinat absteigenden Basslinie spielen Rouse und Turrentine eine geheimnisvoll klingende Melodie aus Phrasen von vier und zehn Noten, die chamäleonesk zwischen den Tongeschlechtern zu wechseln scheinen. Auch Clarks Comping ist stark bluesig, aber harmonisch ebenfalls nicht eindeutig. Erst in der Bridge verdichtet sich der Mollcharakter, das Stück erhält hier eine eindeutige Klangidentität, die es jedoch im abschließenden A-Teil wieder verliert.

 

Als Hörer bleibt man da durchaus verwirrt zurück. Man begreift nicht wirklich, was man gerade hört, aber das muss man ja zum Glück auch nicht. Wir können uns locker zurücklehnen und einfach darüber freuen, dass vor knapp siebzig Jahren in einem Studio in New Jersey ein junger Pianist mit seiner Band diese bleibende Musik eingespielt hat. Und wenn irgendwann das rätselhafte Thema vorbei ist, dann dreht sich auch der innere musikalische Kompass nicht mehr ganz so wild: in den Soli nämlich geht es über dunkel dräuenden Mollakkorden wieder ordentlich zur Sache.

 

Nach diesem Highlight wirkt Tommy Turrentines Midnight Mambo ein wenig antiklimaktisch. Es ist beileibe nicht übel, aber persönlich brauche ich Mambo-Rhythmen im Jazz nicht wirklich. Zum Glück wechselt das Stück während der Soli in einen strammen Midtempo-Swing, über dem die Solisten sich ein letztes Mal ausbreiten können.

 

Fazit: Leapin’ and Lopin’ ist Sonny Clarks Schwanengesang und ein Abgang mit Würde. Das Album bietet neben einem Standard fünf sorgfältig arrangierte, prägnante Eigenkompositionen der Bandmitglieder, darunter mit Voodoo einen späteren Klassiker. Charlie Rouse und Tommy Turrentine setzen neue Impulse an der Front, während Butch Warren und besonders Billy Higgins für rhythmische Leichtigkeit sorgen. Schönes Album.

 

Musik: ****1/2

 

Sound: Gewohnt stabile Aufnahme von RvG mit guter Durchhörbarkeit und Balance.

 

Verfügbarkeit: Im Spätsommer 2026 etwas schwierig, doch nicht unmöglich, es gibt hier und da noch Exemplare der Wiederveröffentlichung von 2015. Blue Note hat jedoch eine Neuauflage in der Classic Vinyl Series für den 11. Dezember 2026 angekündigt.

 

*Ganz fremd war man sich nicht: Warren, Higgins, Turrentine und Clark hatten schon gemeinsam im Studio gearbeitet, jedoch nicht unter Clarks Führung - als Sidemen bei Sessions von Jackie McLean und Grant Green.

 

** Clark entwickelte die obsessive Fixierung eines echten Junkies, die kaum noch Raum für ein geregeltes Leben ließ. In seiner Autobiografie Raise Up Off Me schreibt der Pianist Hampton Hawes: Hustling day and night, Sonny and I earned ourselves a righteous moniker: the Gold Dust Twins. (Raise Up Off Me, p.106; Thunder's Mouth Press, ISBN 978-1-56025-353-2) 

 

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