Grant Green - I Want to Hold Your Hand

Veröffentlicht am 3. Juli 2026 um 09:43

 

Grant Green – I Want to Hold Your Hand

Blue Note BST-841202; 05/1965; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion

Grant Green – gtr; Larry Young – org; Hank Mobley – ts; Elvin Jones – ds.

 

Side A:

1) I Want to Hold Your Hand

2) Speak Low

3) Stella by Starlight

 

Side B:

1) Corcovado

2) This Could be the Start of Something

3) At Long Last Love

 

Normalerweise mache ich um solche Platten einen weiten Bogen: Sanft lächelndes Covermodell, dazu eine Typografie und ein Farbkonzept, die sobewusst auf einen einladenden Vibe und Harmonie angelegt sind, dass man schon misstrauisch wird. Reid Miles verzichtet auf Kontraste und gestalterische Ausrufezeichen. Dieses Cover will nicht in erster Linie deine Aufmerksamkeit, sondern Atmosphäre vermitteln. Nur: welche Atmosphäre? Es fehlt jede Form von Reibung, jeder visuelle Stachel. Wohlwollend könnte man von einem ausgewogenen Farbgefüge sprechen, das die ruhige, lyrische Stimmung der Musik bereits visuell vorwegnimmt. Weniger wohlwollend fragt man sich, ob man hier vierzig Minuten Weichspülmucke bekommt, die man nach zwei Versuchen für immer wegsortiert.

 

Andererseits ist da die Besetzung: Mit Larry Young, und Elvin Jones hatte Green schon zusammengearbeitet1 und die Ergebnisse, Talkin’ About und Street of Dreams, waren zwar still, aber alles andere als seichtes Genudel. Also gab ich mir einen Ruck. So schlecht konnte das Album doch nicht sein.

 

Doch beim ersten Mal war ich arg ernüchtert. Fast die ganze Platte fährt mit ziemlich gebremstem Schaum und es sind sogar zwei Bossas dabei, so etwas wird normalerweise aus meinen Playlists rauskuratiert. Bei Corcovado war das ja klar, aber auch das Titelstück ist lateinamerikanisch unterlegt. Also trotz der Besetzung am Ende doch nicht mehr als eine stilvolle Klangtapete für Cocktail-Empfänge bei Content-Creators?

 

Gemach. Wie schon öfter bei Green und Young zahlt sich Beharrlichkeit auch bei I Want to Hold Your Hand aus. Das Album besticht weder durch unglaublich eingängige Titel, explosive Soli und Instrumentalakrobatik, noch verstört es durch dissonante Eruptionen. Vielmehr wirkt es als Gesamtkunstwerk mit einer ganz eigenen Atmosphäre. Im Grunde sind die Beiträge aller Beteiligten (dazu gleich mehr) aufs absolut Wesentliche reduziert. Da die Tempi nicht allzu hoch sind, muss keiner bei der Arbeit übermäßig schwitzen und jeder Ton sitzt. Das Resultat ist eine schwer fassbare entspannte Eleganz, die sich erst nach einer Weile richtig erschließt, einen dann aber nicht mehr loslässt.

 

Interessant ist der Vergleich mit Street of Dreams: hier wie dort agiert ein Gitarre/Orgel-Quartett. Beiden gemeinsam ist der demokratische Ansatz. Man hat das Gefühl eines echten Kollektivs bei der Arbeit, einen Star gibt es nicht und im Prinzip hätte die Platte auch unter einem anderen Namen erscheinen können. Beide Platten bieten ausschließlich tendenziell ruhige, aber nicht zwingend balladeske Interpretationen von Fremdkompositionen. Der markanteste Unterschied ist der Austausch der dritten Melodiestimme: Bobby Hutcherson am Vibrafon wird auf I Want to Hold Your Hand durch den Tenorsaxofonisten Hank Mobley ersetzt. Ähnlich wie Hutcherson setzt auch Mobley weniger auf Kontraste als auf klangliche Geschlossenheit, aber sein samtiger Ton und unaufgeregtes Spiel verleihen dem Album eine noch wärmere, geschlossenere Klangfarbe. Besonders bei den beiden Bossas erweist sich das als Glücksgriff.

 

Schauen wir auf den Opener I Want to Hold Your Hand: im Vergleich zum Original fahren Green et al. das Tempo um ein, zwei Stufen herunter und der vorwärtsdrängende Beat des Originals weicht einem gelassenen Bossa-Groove. Das nimmt dem Stück sofort die Hitze und Dringlichkeit, aber es wird dadurch keineswegs lauwarm. Vielmehr habe ich das Gefühl, dass diese Entschleunigung in einer Destillation der musikalischen Essenz resultiert, weil vom Sturm und Drang nichts übrig bleibt außer der Melodie. Anfangs erkannte ich das Stück kaum wieder, aber nach ein paar Durchgängen bekam ich es nicht mehr aus dem Ohr und inzwischen klingt es für mich selbstverständlich, als wäre es schon immer ein Jazz Standard gewesen. Es fügt dem heftig verknallten Vibe des Originals eine gewisse Saudade hinzu, die Vorahnung, dass selbst das intensivste Herzklopfen nicht für immer ist.

 

Auch bei den Soli lässt man sich Zeit und gewährt Raum. Green konnte auf der Gitarre singen wie kaum ein anderer und spielt seine langen, fließenden Linien mit reichlich Pausen und ohne Aggression. Mobleys Beitrag schließt sich nahtlos an. Sein Ton ist minimal aufgeraut – gerade so, dass er nicht mehr glatt klingt, und sein gelassenes Solo im mittleren Register hält die Stimmung: fokussiert, aber nie verkrampft; entspannt, aber nicht leidenschaftslos. Young begnügt sich hier mit Begleitung, verzichtet aber darauf, die Kapazität der Hammond für endlos nachklingende Akkorde auszureizen. So klingt er mehr wie ein Pianist als ein typischer Soul-Jazzer aus dem Stall von Blue Note.

 

Das anschließende Speak Low ist der einzige Uptempo-Swinger des Albums, doch auch hier bleibt die Temperatur trotz des höheren Tempos erstaunlich kühl. Mobley und Green verfolgen in ihren Soli dieselbe zurückhaltende Ästhetik; Young konzentriert sich erneut auf die Begleitung, aber Elvin Jones erhält einen Chorus, auf dem er kurzzeitig den Druck erhöht, ohne dabei aber auch nur in die Nähe von Kontrollverlust zu geraten. Generell spielt Jones auf dem Album unfassbar diskret und voll auf den Punkt. Kaum zu glauben, dass es derselbe Drummer ist, der auf Sonny Rollins’ A Night at the Village Vanguard so ein Spektakel entfacht hatte. Bitte nicht missverstehen: Jones beglückt seine Jünger auch hier, aber eben nicht mit seiner Wucht, sondern mit seinem Variantenreichtum, seiner kontrollierten Lebendigkeit und seinen synkopierten Akzenten auf der Bassdrum.

 

Freunde von Larry Young, die sich nach Speak Low besorgt fragen, ob Young hier überhaupt einmal ins Rampenlicht tritt, kann ich beruhigen: ja, das tut er, und zwar, wenn er es für nötig hält, und dann mit demselben musikalischen Gestus, den wir schon von seinen anderen Sessions für Blue Note kennen – die bewusste Vermeidung jeglicher Klischees aus dem Soul-Jazz. Es gibt weit und breit keinen clubtauglichen Hammond-Drive und keine vorgestanzten Blues-Licks, dafür die oben bereits erwähnte pianistische Ästhetik und Bereitschaft zum Spiel im Team.

 

Die zweite Seite hält die verhaltene Melancholie der ersten konsequent aufrecht. Beim ersten Hören hatte ich damit noch meine Probleme. Das Album erschien mir latent monoton – keine Qual, aber eher wenig interessant, weil es durchzogen ist von dieser fast zu makellosen Eleganz und sich nie wirklich davon löst. Doch dann hört man genauer hin und findet einiges zu entdecken. Ausgerechnet das für mich manchmal grenzwertig sanfte Corcovado wird ein bisschen gegen den Strich gebürstet – in den Soli von Young, dessen Orgel hier einen leicht nostalgischen Klang annimmt, der mich an die Jahrmärkte meiner Kindheit denken lässt, und Green, der doch tatsächlich ein paar verhaltene Blues-Akkorde in sein Solo schmuggelt. So erhält das Stück interessante neue Aspekte, ohne seinen Charakter aufzugeben.

 

Fazit: I Want to Hold Your Hand erzeugt vielleicht keine Hitze, dafür aber viel Licht und eine gewisse Wärme. Wie so oft bei Grant Green erschließt sich nicht alles unmittelbar, hallt aber lange nach. Auch gut für Jazz-Novizen.

 

Musik: ****

 

Sound: Selbst im Kontext der zahlreichen Klassiker von Blue Note eine außerordentlich gut klingende Aufnahme. Phänomenale Lebendigkeit, Feindynamik und Klangfarben. Für mich besitzt der direkte Klang Referenzcharakter. Auch Kevin Gray hat beim Mastering ganze Arbeit geleistet.

 

Verfügbarkeit: Im Sommer 2026 als Teil der Tone Poet Series leicht zu finden. Um die 40€, aber jeden Cent wert.

 

1Dazu kommt noch ihre Zusammenarbeit mit dem Tenorsaxofonisten Sam Rivers auf Larry Youngs Debüt Into Somethin’ (BST 84187) vom 12. November 1964, vier Tage vor Street of Dreams.

 

Kommentar hinzufügen

Kommentare

Es gibt noch keine Kommentare.