Curtis Fuller – Bone & Bari
Blue Note BLP 1572; 08/1957; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion
Curtis Fuller – tb; Tate Houston – bs; Sonny Clark – p; Paul Chambers – b; Art Taylor – ds
Side A:
1) Algonquin
2) Nita’s Waltz
3) Bone & Bari
Side B:
1) Heart and Soul
2) Again
3) Pickup
Ich musste auf diese Platte sehr lange warten. Das erste und einzige Mal, dass ich sie gesehen hatte, war Ende der 1980er im damals noch größten Plattenladen Europas, dem Saturn auf dem Kölner Hansaring. Dort gab es sogar ein eigenes Regal für Japan-Pressungen mit der kompletten 1500er-Serie von Blue Note. Ich holte mir so viele, wie ich mir als Student leisten konnte, aber zu BLP 1572 kam ich nicht. Irgendwann war nicht nur das Regal mit den Japan-Pressungen verschwunden, sondern auch die meisten Platten. Ein neuer Tonträger hatte sie verdrängt. Es war die große Zeit der CD.
BLP 1572, betitelt Bone & Bari, ist eine Kollaboration zwischen dem Posaunisten Curtis Fuller und einem wenig bekannten (soweit ich weiß, existiert von ihm keine Aufnahme als Leader) Baritonsaxophonisten namens Tate Houston. Für Fuller war es die zweite von insgesamt vier Aufnahmesessions als Leader für Blue Note und vielleicht die mit der ungewöhnlichsten Frontline: Die Kombination zweier Instrumente mit einem recht tiefen Register – Posaune plus Baritonsaxophon – verleiht der Platte einen viel dunkleren, erdigeren Charakter als die omnipräsente Paarung von Trompete mit Tenorsaxophon.
Dunkler und erdiger zwar, aber nicht immer musikalisch überzeugender. Ein Grund für die Omnipräsenz von Trompete/Tenorsax dürften deren expressive Möglichkeiten und schiere Beweglichkeit gewesen sein, da kann eine Frontline aus Posaune und Baritonsax nicht mithalten. Aber eins nach dem anderen.
Wie häufig bei Blue Note wurde den Männern im Rampenlicht ein hochkarätiges Team zur Seite gestellt. Am Piano finden wir Sonny Clark, der hier eine seiner ersten Sessions fürs Label spielt. Paul Chambers (Bass) und Art Taylor (Drums) gehörten zur Stammbesetzung und konnten diese Art Gig im Schlaf spielen.
Das Album startet mit drei Titeln aus der Feder Fullers: Der Opener Algonquin1, ein zupackender Moll-Blues, zeigt gleichzeitig das Potenzial wie auch die Problematik der dunklen Front: Einerseits sorgt die ungewohnte Tonalität für Aufmerksamkeit, andererseits klingt es ein wenig, als würden zwei rivalisierende Alphamännchen balzen. Aber das Spektakuläre passt zumindest hier gut zum Thema des Titels, der etwas Fanfarenartiges, Deklamatorisches hat. Fuller nimmt das erste Solo und zeigt, wieso er in den folgenden Jahren zu einem vielbeschäftigten Hard-Bop-Posaunisten werden sollte. Houston und Clark folgen, wobei Clark bei seinem Solo fast nur seine rechte Hand einsetzt, was einen angenehm lichten Gegenpart zu den Bläsern schafft.
Bei Nita’s Waltz bedauere ich ein wenig, dass die Melodiestimmen tonal so dicht beieinander liegen. Das Stück ist ein herbstlich schöner Walzer, bei dem ich mir eine höhere Melodiestimme als Kontrast zu Fullers Posaune gut hätte vorstellen können. Vielleicht ist mir auch einfach der Klang von Houstons Bariton etwas zu heiser für diese liebliche Melodie. Zudem scheint die Band selbst in den Soli noch nach dem richtigen Zugang zu dem Stück zu suchen: Clark würzt eine eigentlich wenig bluesige Nummer mit eingestreuten Bluesphrasen; Chambers und Art Taylor klingen, als würden sie lieber swingen statt walzern. Interessant erscheint mir in diesem Kontext eine Bemerkung von Leonard Feather in den Liner Notes: ‚Nita’s Waltz… has an intangible Strauss flavor.‘ Die Melodie vielleicht, die Ausführung etwas weniger. Das soll keine Kritik sein, nur eine Beobachtung.
Egal, bei Fullers Bone & Bari sind wir zurück im Uptempo-Swing. Die Band ist in dem boppigen, „diatonisch absteigenden“ (Fuller), aber nicht übertrieben eingängigen Titelstück komplett zu Hause. Clark, Houston und Fuller solieren, anschließend bekommen auch Chambers und Taylor einen Chorus.
Das etablierte Bläser-Gespann wird auf den beiden Standards zu Beginn von Seite 2 aufgebrochen: Heart and Soul gehört Fuller (plus Clark), dessen Solo so entspannt klingt, dass man fast mitsingen möchte. Clark bleibt in seinem Beitrag nah an der Melodie und greift den entspannten Vibe auf. Die Ballade Again wiederum ist ein Vehikel für Houston, der sich hier solistisch schön ausbreiten kann und klanglich keine Lichtjahre von Mulligan entfernt ist. Ich muss sagen, dass die Auszeit jeweils eines Bläsers der Platte insgesamt gut tut. Es entsteht ein Gefühl von mehr Raum und es gibt weniger Druck, schnell zur Sache zu kommen.
Reichlich Druck, von der positiven Sorte, gibt es dagegen auf Pickup, Fullers letztem Titel. Hier sind alle wieder dabei und es geht zum Schluss richtig ab: Musikalisch scheint das Stück gleichzeitig nach vorn und zurück zu schauen: Die bluesige Intensität ist modern (im Sinne, dass sie hard-bop-typisch ist), aber das unisono vorgetragene Thema und das halsbrecherische Tempo evozieren auch den Jazz der Vergangenheit, der Swing Bands mit ihren Tenor Battles und heftig riffenden Bläsern.
Fazit: Das Schattendasein von Bone & Bari im Labelkatalog von Blue Note ist bedauerlich. Die Paarung von Posaune und Bariton ist ein Alleinstellungsmerkmal – allerdings eins, das man mögen muss: Sie verleiht der Aufnahme nämlich einen betont dunklen Gesamtklang.
Was Material und musikalische Leistung angeht, ist Bone & Bari kein verlorenes Meisterwerk auf dem Niveau der großen Label-Klassiker. Es ist jedoch eine eigenständige und gelungene Hard-Bop-Platte, deren jahrzehntelange Vernachlässigung kaum durch die Musik selbst erklärt werden kann. Vielleicht liegt es wirklich an der dunklen Frontline: Auf seinen bekannteren und leichter erhältlichen Alben wurde Fuller vom Tenoristen Hank Mobley (The Opener) oder dem Trompeter Art Farmer (Curtis Fuller Vol. 3) unterstützt, deren Klangfarben dem damaligen Labelpublikum vertrauter gewesen sein dürften.
Musik: ****
Sound: Gut ausbalancierter RvG-Klang. Meine Pressung ist Stereo – keine Ahnung, ob das auf den Originalbändern schon so angelegt war oder nachträglich erzeugt wurde. Tonal ist die Aufnahme völlig okay.
Verfügbarkeit auf Vinyl: Eine gute und eine schlechte Nachricht – im Sommer 2026 ist die Platte tatsächlich erhältlich, nur ist es keine Blue Note. Nachpressungen des Albums (die letzte erschien 1984 in Japan) sind praktisch nie zu finden oder kaum bezahlbar. Meine Aufnahme ist von Culture Factory aus dem Jahr 2025 und wirklich ordentlich gemacht: plan, knistert nicht, hat eine gefütterte Innenhülle, das originale Artwork samt Liner Notes, und ist mit rund 20 € auch noch erschwinglich. Wer für seinen inneren Frieden nicht unbedingt das blau-weiße Label braucht, kann hier beruhigt zugreifen.
1: Fun Fact(s) – die Algonquin sind ein indigenes kanadisches Volk; es gibt aber auch das Algonquin Hotel in New York, wo in den 1950ern anscheinend häufiger Jazz lief.
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