Back At The Chicken Shack vs. Street Of Dreams

Veröffentlicht am 2. November 2025 um 08:54

Orgelcombo ≠ Orgelcombo

 

Jimmy Smith – Back at the Chicken Shack

Blue Note BST-84117; 04/1960; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion

Stanley Turrentine – ts; Jimmy Smith – org; Kenny Burrell – gtr; Donald Bailey – ds.



Side A:

1) Back At The Chicken Shack

2) When I Grow Too Old To Dream



Side B:

1) Minor Chant

2) Messy Bessie



Grant Green – Street Of Dreams

Blue Note BST-84253; 11/1964; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion

Bobby Hutcherson – vib; Larry Young – org; Grant Green – gtr; Elvin Jones – ds.



Side A:

1) I Wish You Love

2) Lazy Afternoon



Side B:

1) Street of Dreams

2) Somewhere In The Night



Rechnet man Blue Notes Classic Vinyl und die Tone Poet Series zusammen, so sind gegenwärtig knapp 300 Aufnahmen im Umlauf oder stehen kurz vor ihrer Veröffentlichung. Wie soll man sich da als Einsteiger zurechtfinden?

 

Oberflächlich betrachtet sehen sich nämlich die beiden Platten, um die es hier geht, ziemlich ähnlich: Wir haben es mit Jazz-Quartetten zu tun, die einen Organisten, einen Gitarristen und einen Schlagzeuger aufweisen, lediglich das vierte Instrument ändert sich. Tatsächlich aber sind diese Aufnahmen wie Tag und Nacht.

 

****

 

Back At The Chicken Shack gilt, wie Midnight Blue und erst recht Moanin’, heute als einer der Klassiker im Katalog von Blue Note. Den Hype um Midnight Blue und Moanin’ kann ich nachvollziehen, den um Chicken Shack weniger, obwohl sich mir der Charme des Albums durchaus erschließt.

 

Das Album wurde im April 1960 eingespielt, doch bis zur Veröffentlichung dauerte es noch drei Jahre. Die Session mit Smith, Turrentine und Burrell – alles Jazzer mit einem starken Bezug zum Blues, die sich außerdem (für Blue-Note-Verhältnisse) gut verkauften – warf nämlich genug Material für zwei Alben ab. Midnight Special, das erste Resultat der Session, stand bereits 1961 in den Regalen, Back At The Chicken Shack folgte im Februar 1963.

 

In den frühen 60ern waren Orgelcombos in Mode und in den Clubs verlangte man zunehmend nach einer tanzbaren Musik mit viel Blues und Soul. In dieses Umfeld passte Back At The Chicken Shack perfekt, denn es bietet über seine gesamte Dauer ein angenehm temperiertes Programm aus verjazztem Blues, das gut unterhält, ohne die Pferde scheu zu machen und zu dem sich hervorragend trinken lässt. Besonders überzeugend ist dabei der Titeltrack, genial simpel und mit Ohrwurmqualitäten, von denen die damals ebenfalls aufkommenden Free Jazzer nicht einmal träumen konnten.

 

Das gilt – mit einigen Abstrichen – auch für die restlichen Stücke, die alle einem ähnlichen Strickmuster folgen: Entspannte, bluesige Melodie im Thema (bei Minor Chant mollgefärbt), gefolgt von einer Kette langer, relaxter Soli unserer Helden. Turrentine, Burrell und Smith fühlen sich offensichtlich in dem Material komplett zu Hause und man erlebt Smith hier deutlich gruppendienlicher als auf seinen Trio-Alben.

 

Das Problem – wenn man es so nennen will – das ich mit dem Album habe, ist sein Midtempo-Flow, der sich konstant durch die gesamte Platte zieht. Keines der Stücke ist schlecht, man nickt eigentlich immer im Takt mit, aber nach zwanzig oder dreißig Minuten beginnt man, darüber nachzudenken, die Platte zu wechseln. Dennoch: empfehlenswert als Geschenk für Jazz-Novizen oder als Background zur Hipster-Party.



****



Die zweite Orgel-Combo hier, nominell eine Session unter der Führung von Grant Green, hat dagegen mit Club Vibes gar nichts am Hut. Man findet weit und breit keinen Blues, sondern ruhige, introspektive Musik mit zurückhaltendem Groove. Allein der Austausch von Turrentines publikumsnahem Tenorsaxofon gegen die asketische Strenge von Hutchersons Vibes trägt entscheidend dazu bei.

 

Alle Stücke auf Street of Dreams sind Fremdkompositionen, denen jedoch eine eigentümliche Stimmung gemein ist – eine Art entspannte Nachdenklichkeit, die irgendwo zwischen Melancholie und Ruhe schwebt. Besonders stark empfinde ich das auf Seite 1, etwas weniger auf der insgesamt etwas schnelleren Seite 2.

 

Bei der Einleitung von I Wish You Love malen Young und Hutcherson Klangfarben unter Greens fließende Gitarrenlinien, die mich an Impressionisten wie Monet denken lassen. Es folgen stille, intensive Soli aller Beteiligten, bei denen die Gedanken des Hörers weit reisen. Sogar noch besser gefällt mir Lazy Afternoon, dem hier ein 5/4-Takt unterlegt wird, der jedoch niemals manieriert wirkt. Green und Hutcherson solieren; am Ende spielt Green eine wunderbare kleine Coda über einem modalen Orgel-Vamp.

 

Street of Dreams ist mit seinem Midtempo-Swing das schnellste Stück auf der Platte und gibt während der Soli von Green und besonders Young die nachdenkliche Grundstimmung kurzzeitig auf – die sich jedoch auf Somewhere in the Night wieder einstellt. Green und Hutcherson stellen das Thema unisono vor, während Young dezent unterstützt; anschließend solieren Green, Hutcherson und Young.

 

Ein Wort noch zu Elvin Jones: Der Mann, der als Schlagzeuger hinter John Coltrane mitunter ein wahres Inferno entfachen konnte, spielt hier mit äußerster Zurückhaltung – aber es lohnt sich, ihm genauer zuzuhören. Seine Variationen und kleinen Breaks sind ein Genuss.



****

 

Beiden hier vorgestellten Alben kann man eine Grundstimmung attestieren. Chicken Shack ist bluesig-volksnah, Street ruhig und introvertiert. Chicken Shack ist weitaus besser bekannt (angeblich taucht es sogar in einer Liste auf mit "1001 Alben, die man vor seinem Tod gehört haben muss"), meist im Laden erhältlich und hat vermutlich deutlich mehr Einheiten verkauft. Aber wie so oft ist kommerzieller Erfolg nicht zwingend ein Indiz für künstlerische Qualität und Klasse. Das Album ist keineswegs schlecht – es strengt nie an, macht Laune, und der Titeltrack ist ein Klassiker. Doch es hat auch einen Beigeschmack von routinierter Massenware. Street of Dreams dagegen ist ein kleines, schillerndes Juwel. Es zeigt, dass Musik in ihren besten Momenten mehr kann, als nur zu unterhalten. In seinen weiten, offenen Räumen kann man die Gedanken von der Leine lassen, seine verhaltenen, aber intensiven Klangfarben lassen in meinem Kopf Bilder stiller Sehnsucht entstehen.

 

Musik: ***1/2 (Smith); ***** (Green)



Sound: Auch Back At The Chicken Shack und Street of Dreams haben den typisch lebendigen, gut ausbalancierten Klang, den wir von Blue Note kennen. Die neue Classic Vinyl Series mit ihren makellosen Pressungen ist allerdings ein Extralob wert und seit Kevin Gray sich ums Mastering kümmert, dürfte auch die Klangqualität kaum zu toppen sein.

Street of Dreams ist mit neuer Katalognummer (B1 21290) in einer Reihe erschienen, die sich Back to Black nennt. Die Qualität stimmt aber auch hier.



Verfügbarkeit auf Vinyl: Im Herbst 2025 gut für Back At The Chicken Shack als Teil der Classic Vinyl Series, etwas tricky für Street of Dreams. Beide um die 30€.

Kommentar hinzufügen

Kommentare

Es gibt noch keine Kommentare.