Grant Green - Talkin' About

Veröffentlicht am 4. April 2026 um 22:51

 

Grant Green – Talkin’ About

 

Blue Note BST-84183; 09/1964; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion

Larry Young – org; Grant Green – gtr; Elvin Jones – ds.

 

Side A:

1) Talkin’ About J.C.

2) People

 

Side B:

1) Luny Tune

2) You Don’t Know What Love is

3) I’m an Old Cowhand

 

Grant Green und Larry Young – hatten wir doch schon einmal, oder? Stimmt: Im November 1964 nahm Green mit Young und ebenfalls Elvin Jones am Schlagzeug das wunderbare Street of Dreams auf. Allerdings wurde für diese Session Vibraphonist Bobby Hutcherson als zusätzliche Stimme rekrutiert. Auf Talkin’ About dagegen, das zwei Monate vor Street of Dreams eingespielt wurde, agiert formal ein klassiches Gitarren-/Orgel-Trio. Aber keine Sorge (oder Hoffnung, je nachdem) – da hier „der John Coltrane der Orgel“ (© Jack McDuff) an der Hammond sitzt, haben wir es nicht mit einem gut abgehangenen Stück Club-Jazz zu tun, sondern mit herberer modaler Kost.

 

Green hatte zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits acht Dates als Leader für Blue Note mit wechselnden Besetzungen hinter sich, von der clubtauglichen Mainstream-Session im Trio mit Soul-Jazz-Organist Baby Face Willette bis zum Sextett mit experimentierfreudigen Musos wie Joe Henderson und Bobby Hutcherson auf seiner Großtat Idle Moments. Auf Talkin’ About ging’s also zurück zum Trio-Format, aber, wie bereits angedeutet, nicht zum Soul Jazz. Dafür sorgte neben Larry Young auch Coltranes Schlagzeuger Elvin Jones, der zum ersten Mal bei einer Aufnahme von Green als Drummer mitwirkte.

 

Verglichen mit der ätherischen Balladenstimmung von Street of Dreams ist Talkin' About insgesamt das kantigere, offensivere Statement, obwohl es auch hier stille Momente gibt. Das Album weist fünf Stücke auf, von denen Larry Young zwei beisteuert, der Rest sind Standards, wobei ich sagen muss, dass ich People, laut den Liner Notes von einem Broadway Musical mit Barbra Streisand, auf keinem anderen Album in meiner Sammlung finde. Also eher eine Fremdkomposition als ein Standard im engen Sinne. Aber egal.

 

Den Anfang macht Youngs Talkin’ About J.C., ein modaler Uptempo-Swinger und Hommage an Trane. Die Melodie evoziert bei mir wirklich den Coltrane von Giant Steps oder My Favourite Things. Green liefert ein langes, fließendes Single-Note-Solo, doch der eigentliche Star des Stückes ist für mich Larry Young, der modern und harmonisch offen klingt, aber zwischendurch auf seiner Hammond auch mal richtig Druck macht. People, Standard oder nicht, ist ein ruhiges Vehikel für den Leader, der unter den Besen von Jones und einem dezent säuselnden Young leise, verträumte Linien spinnt, die man fast mitsingen möchte.

 

Zu Larry Youngs Luny Tune, dem Opener von Seite 2, merkt der Komponist selber in den Liner Notes an: „Some people who are beautiful may seem goofy or loony to others…“ Tatsächlich klingt das Stück auf eine leicht schräge, schelmische Weise attraktiv – man bekommt eine Melodie mit seltsamen Intervallsprüngen, ein bisschen wie bei Monk, die aber dennoch rhythmischen Zug entwickelt und sogar den sonst oft zurückhaltenden Green dazu bringt, sein Solo mit gezielt gesetzten Akkorden zu würzen.

 

Wer eine Schwäche hat für den ruhigen, melancholischen Green, der wird bei You Don’t Know What Love Is wieder gut bedient. Für mich persönlich das stille Highlight des Albums: Green konnte auf seiner Gitarre singen wie kein anderer und Young liefert ihm einen klanglich dunklen Hintergrund für seine hellen, schwebenden Linien.

 

I’m An Old Cowhand, der letzte Titel der Platte, beschwört auf Way Out West von Sonny Rollins – wir berichteten – Cowboys und den Wilden Westen, dort klingt das Stück wie eine Expedition in unbekanntes Land. Auf Talkin’ About jedoch wirkt es durch die verhaltene Phrasierung von Green und Young fast introspektiv. Es swingt durchaus, köchelt aber auf niedriger Flamme. Green und Young spielen nicht einen wirklich lauten Ton (und keinen zuviel), doch ihre Beiträge haben eine Verbindlichkeit, die bei extrovertierteren Musikern manchmal im Notenhagel verloren geht. Selbst Drummer Elvin Jones, der ja wirklich entfesselt spielen konnte, wenn er wollte, passt sich dieser Stimmung an. Er spielt gewohnt virtuos und variantenreich (es lohnt sich immer, bei ihm genauer hinzuhören), bleibt dabei aber unaufdringlich, fast behutsam.

 

Fazit: Talkin’ About war das erste Album, auf dem Larry Young und Grant Green gemeinsam spielten und es sollten noch einige folgen, denn sie waren ein gutes Team – im wörtlichen Sinne, einen echten Leader gibt es nicht. Vielmehr ist die Aufnahme ein Statement zweier gleichberechtigter Stimmen, begleitet von einem Drummer, der sich bewusst in den Dienst der Musik stellt. Young ist kein Organist, der marktschreierisch Bluesphrasen raushaut, sondern wirkt eher wie ein musikalischer Architekt, der gezielt Stimmungen erzeugt und harmonische Räume öffnet, in denen sich Greens lyrischer Stil und sein singender Ton entfalten können. Das Ergebnis: eine Platte, die sich erst nach mehreren Durchgängen richtig erschließt, dann aber lange nachhallt.

 

Musik: ****1/2

 

Sound: Klassischer RvG-Sound, also überzeugende Klangfarben, dynamischer Klang und stimmige Balance zwischen den Instrumenten.

 

Verfügbarkeit: Im Frühjahr 2026 auf Vinyl nur gebraucht zu bekommen und gerade prohibitiv teuer. Meine EU-Ausgabe von 2013 gibt’s auf Discogs momentan nicht unter 110€. Da lohnt sich der Griff zur CD – bei Amazon findet man eine japanische Ausgabe für knapp 20€.

 

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