Lee Morgan - Cornbread

Veröffentlicht am 28. April 2026 um 22:02

 

Lee Morgan Cornbread

Blue Note BST-84222; 09/1965; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion

Lee Morgan – tp; Hank Mobley – ts; Jackie McLean – as; Herbie Hancock – p; Larry Ridley – b; Billy Higgins – ds.

 

Side A:

1) Cornbread

2) Our Man Higgins

 

Side B:

1) Ceora

2) Ill Wind

3) Most Like Lee

 

In den acht Jahren und über zehn Alben nach Lee Morgan Vol. 3 hatte sich der Trompeter weiterentwickelt. Ich will nicht behaupten, man würde ihn kaum wiedererkennen, denn sein Selbstbewusstsein, Feuer und die technische Brillanz sind auch auf Cornbread spürbar, aber sein Spiel ist kontrollierter.

Die sporadischen Notenkaskaden seiner frühen Alben sind vorbei, ebenso wie der reine Hard Bop, den er in den Fünfzigern mitgeprägt hatte. An ihre Stelle treten sorgfältiger austarierte Soli, die bei Bedarf Raum für Stille lassen, sowie ein zunehmend ambitionierter Komponist. Einige Stücke auf Cornbread lassen sich, wenn ein Etikett nötig ist, am ehesten als Post Bop bezeichnen. Die Unmittelbarkeit des Hard Bop wurde zugunsten eines modaleren und freier fließenden Ansatzes aufgegeben.

Das heißt aber nicht zwingend, dass es auf der Platte keine populistischen Momente gibt. Zwei Jahre vorher hatte Morgan mit dem wegweisenden, von einem unwiderstehlichen Boogaloo-Beat angetriebenen The Sidewinder einen Überraschungserfolg für Blue Note gelandet. Der warf zunächst sogar Probleme auf: Das Label bediente mit dem Jazzpublikum eine Marktnische und war mit relativ kleinen Auflagen unterwegs. Als The Sidewinder kommerziell abhob, kam Blue Note mit der Nachpressung kaum hinterher. Man hatte eine Großproduktion schlicht nicht erwartet und war auf externe Presswerke angewiesen, das war nicht von heute auf morgen skalierbar. Zudem kam die Nachfrage vornehmlich aus dem Soul-/Pop-Markt und der wollte 45rpm-Singles, ebenfalls nicht die Spezialität der LP-basierten Jazzlabels.

Trotz der anfänglichen Schwierigkeiten: Endlich, nach 25 Jahren Plackerei, hatte Labelchef Lion vom Nektar des kommerziellen Erfolgs probiert und wollte nun mehr davon. Morgan versuchte zu liefern. Die Titelstücke von zwei der folgenden Alben, The Rumproller und Cornbread, kupferten schamlos beim Sidewinder ab und waren ihm, zumindest in meinen Ohren, künstlerisch mindestens ebenbürtig, aber ein erneuter Hit gelang ihm nicht mehr.

Dabei ist Cornbread ein gut abgehangener Cut Soul Jazz und ein starker Opener. Im Grunde durchweht das Stück noch der Geist, den man zehn Jahre zuvor schon in Horace Silvers The Preacher fand, nur unterlegt mit einem modernen Beat: Die eingängige Melodie kommt direkt aus Blues und Gospel, doch der Groove hat sich gewandelt. Hier gibt es keinen geshuffelten Swing mehr, sondern echtes Club-Futter: einen eminent tanzbaren Boogaloo mit geradem Puls, markantem Backbeat auf zwei und vier und ausreichend Spieldauer, um bei den Tänzern tranceartige Zustände zu induzieren. Und in den Soli bekommen wir Butter bei die Fische. Morgan ist in dem Material sowieso zu Hause, spielt funky, mit rhythmischer Wucht und gezielten Halbventiltönen, aber sogar der sonst so smoothe Mobley überbläst sein Horn gelegentlich, während die Rufe McLeans auf dem Altsax kraftvoll und durchdringend wie immer tönen. Prediger Hancock schließlich haut eine Gospelphrase nach der anderen raus. Natürlich tragen auch die Männer im Maschinenraum zur Power der Nummer bei. Beide gehörten zur zweiten oder gar dritten Generation von Blue-Note-Regulars. Bassist Ridley hatte bereits mit Freddie Hubbard, Hank Mobley und Jackie McLean aufgenommen, Billy Higgins war in den 1960ern so etwas wie der Hausdrummer des Labels. Man kannte sich also, und das hört man auch an der Tightness der Band.

Our Man Higgins ist ein Schaufenster für den Schlagzeuger, und es gibt definitiv reichlich Drumming. Thematisch allerdings ist es nicht gerade mein Lieblingstitel auf dem Album: einige etwas zerklüftete, stakkatoartige Passagen werden durch Drum-Breaks aneinandergereiht, finden aber nie wirklich zusammen. Dennoch: das Schlagzeugspiel und die Soli sind heiß. Jackie McLean eröffnet, gefolgt vom Leader Lee Morgan, der mit einem deklamatorischen Statement den gesamten Tonumfang seines Horns auslotet, dann Hank Mobley, diesmal wieder mit seiner gewohnt unaufgeregten, geschmeidigen Art, und Herbie Hancock, der hier ebenfalls seine bluesigen Akkorde zugunsten von flüssigen Single-Note-Linien aufgibt. Ein kurzer Beitrag von Billy Higgins leitet die Coda ein.

 

Man könnte argumentieren, dass Seite 2 kompositorisch intereassanter ist und auch dynamisch mehr Abwechslung bietet. Ceora ist ein sich sanft wiegendes Bossa-Törtchen mit einer versonnenen Grundstimmung, zu leicht für echte Melancholie, aber durchzogen von einem Gefühl des Einhaltens, der Nachdenklichkeit. Entsprechend gelöst geht es bei den Soli zur Sache. Morgan klingt hier nicht deklamatorisch, sondern ruhig und reflexiv, genau wie Hancock und Mobley, die tiefenentspannt durch die Changes gleiten, McLean gönnt sich ein Flüppchen.

Auch auf dem einzigen Standard, der Ballade Ill Wind, sorgt Morgan mit gestopften Horn an der Schwelle zur Unhörbarkeit für eine ganz eigene Stimmung. Hatte Ceora noch eine gewisse Leichtigkeit, wirkt Ill Wind schwer und fast verzweifelt, besonders wenn Morgans Trompete von McLean und Mobley mit einem unheilvoll auf- und abschwellenden Riff unterlegt wird. Erst Hancocks ausgedehntes Solo mit locker-bluesig perlenden Noten hellt die Atmosphäre ein wenig auf; Morgan, Mobley und noch einmal Morgan folgen mit kürzeren Statements.

Most Like Lee, eine Uptempo-Nummer mit dem vielleicht eingängigsten Thema des Albums, man kann quasi sofort mitsingen, beendet die Platte auf einer positiven Note. Eine Reminiszenz an die alten Zeiten, wie schon beim Titelstück kommen wir hier dem Hard Bop noch einmal nahe. Passend dazu nehmen die ehemaligen Jazz Messengers Mobley und Morgan die ersten Soli, es folgen McLean sowie Hancock und vor der Coda bekommt auch Bassist Ridley ein paar Chorusse.

Fazit: Ich mochte Cornbread schon immer und auch beim erneuten, kritischen Hören gibt das Album eine gute Figur ab. Morgan zeigt sich als vielseitiger Komponist. Das Titelstück ist ein Tribut an den Zeitgeist bei Blue Note, wer ein Herz für Soul-Jazz-Burner hat, wird hier gut bedient. Most Like Lee dagegen beschwört mit seiner unmittelbaren Eingängigkeit noch einmal die große Zeit des Hard Bop. Dazwischen liegt unterhaltsamer, facettenreicher Jazz zwischen tiefblauer Tristesse und Überschwang.

 

Musik: ****1/2

 

Sound: Erste Sahne. Wirklich klassischer Rudy van Gelder mit guter Durchhörbarkeit und Balance. Selbst Morgan in seinen kraftvollsten Momenten ist unverzerrt eingefangen. Was sich hier verzerrt, ist jedoch das Gesicht des Käufers, wenn er 40€ für die Tone-Poet-Pressung hinlegt. Der kurze Schmerz wird jedoch durch lang anhaltende Freude kompensiert. Cornbread war meine erste Tone Poet und ist noch immer eine der klanglich überzeugendsten.

 

Verfügbarkeit auf Vinyl: im Frühling 2026 als Teil der Tone Poet Series leicht zu finden.

 

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