Elmo Hope Quintet Vol.2

Veröffentlicht am 7. April 2026 um 10:51

 

Elmo Hope Quintet Volume 2

 

Blue Note BN 5044; 06/1954; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion

Elmo Hope – p; Frank Foster – ts; Freeman Lee – tp; Percy Heath – b; Art Blakey – ds.

 

Side A:

1) Crazy

2) Abdullah

3) Chips

 

Side B:

1) Later For You

2) Low Tide

3) Maybe So

 

Elmo Hope, geboren am 27. Juni 1923 in New York, begann im Alter von sieben Jahren mit dem Pianospiel, zunächst klassisch, aber bald auch Jazz. Hope galt als Pianist mit einem tiefen Verständnis für Harmonik. Nach gut zwei Jahren bei der Armee kehrte er nach New York zurück, war aber zunächst kein Teil der embryonalen Bebop-Szene, sondern spielte eine Weile in Rhythm-’n’-Blues-Bands. Anfang der fünfziger Jahre interessierte er sich wieder stärker für Jazz und rückte in den Fokus von Blue Notes Alfred Lion. 1953 nahm er als Sideman für das Label ein Album mit dem Quintett von Clifford Brown und Lou Donaldson auf, danach buchte man ihn zweimal als Leader. Noch im selben Jahr spielte er unter der Katalognummer BN 5029 Introducing The Elmo Hope Trio ein; einige Monate später folgte BN 5044: Elmo Hope Quintet Vol.2. Es sollten seine einzigen Veröffentlichungen unter eigenem Namen für Blue Note bleiben.

 

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Musikalisch steht BN 5044 im Geist des Bebop der späten 1940er: es gibt sechs Stücke, alle von Hope. Viele gehen ein mindestens strammes, oft sehr strammes Tempo (nur Low Tide bewegt sich eher im mittleren Bereich) und unterscheiden sich, neben den marginalen Differenzen beim Tempo, vor allem darin, wer das Thema vorträgt (immer Hope, gelegentlich begleitet von Foster, manchmal auch von Lee), wer die Soli übernimmt und ob die Stücke in Moll oder Dur stehen.

 

Die Arrangements sind präzise und auf den Punkt, mit eng verzahnten Ensemblepassagen. Wer jedoch auf der Suche nach wirklich eingängigen Themen ist, wird sich eher anderweitig umsehen müssen. Am einprägsamsten sind noch die beiden moll-geprägten Titel am Anfang: Crazy ist ein rasend schneller Swinger mit einem kompakten Solo von Hope und frenetischem Comping hinter dem Beitrag von Foster; Freeman Lee auf seiner gestopften Trompete ist lediglich beim Thema zu hören. Abdullah startet mit einer Einleitung von Blakey, der für das Thema kurz in einen Latin-Beat wechselt, bevor es während der Soli – Hope, Lee, Foster – wieder mit einem schnellen 4/4 Swing weitergeht.

 

Die anderen vier Titel weigern sich beharrlich, in meinem musikalischen Langzeitgedächtnis hängen zu bleiben, obwohl man während des Hörens nicht wirklich das Gefühl hat, dass Hope sich hier nur aus einem Baukasten mit Bebop-Phrasen bedient hat. Aber auch wenn die ganz großen Bop-Hymnen fehlen: was dieses kurze Set auf jeden Fall bietet, ist gut gelaunter, hart swingender Jazz, angetrieben von einer erstklassigen Rhythmusgruppe.

 

Wie bei vielen Blue-Note-10-Inch-Veröffentlichungen sind die Stücke oft schon vorbei, bevor sie richtig begonnen haben. Die genauen Spielzeiten kenne ich nicht, aber ich glaube kaum, dass hier ein Titel die viereinhalb Minuten erreicht, geschweige denn überschreitet. Der Vorteil: Langeweile kommt garantiert nicht auf. Man bekommt das Thema, ein, zwei Solochorusse, danach ein zweites, ab und zu sogar ein drittes Solo ähnlicher Länge und gelegentlich ein paar Fours, dann geht’s zurück in die Coda. Schon ist das Stück vorbei und, ehe man sich versieht, auch das ganze Album.

 

Diese reduzierten, prägnanten Titel bieten eine eigene Qualität der Befriedigung. Ich liebe die kreativen Marathons auf Alben wie Idle Moments oder Basra, aber es tut gut, zwischendurch ein Kontrastprogramm serviert zu bekommen. Niemand klaut hier den anderen den Raum, wie auch: es gibt ja kaum Raum, den man klauen könnte. Selbst wenn Hope hier ein Solo über alle Chorusse spielen würde, bliebe es kürzer als jedes einzelne Soloauf einem Stück wie Idle Moments. Die griffigen, knappen Statements auf den Ten-Inch-Blue Notes sind so etwas wie die Tweets des Hard Bop.

 

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Was für ein Musiker war Elmo Hope? Wenn man nach Informationen zu ihm sucht, findet man viele Vergleiche mit Leuten wie Thelonious Monk und Bud Powell. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Powell und Hope waren seit ihrer Kindheit befreundet und es ist schwer vorstellbar, dass sie einander nicht beeinflusst haben. Hopes Kompositionen haben einen beboppigen Klang, und ein Stück wie Later For You erinnert mich sowohl im Thema als auch im Solo (lange Single-Note-Linien mit der rechten Hand) an Powell. Aber ich bin kein Pianist und wahrscheinlich entgehen mir hier einige Feinheiten.

 

Hope wie Powell waren in den 1940ern mit Monk befreundet und tauschten sich vermutlich auch über Musik aus, aber Monk steht als Individualist so weit von allen anderen entfernt, dass man ihn auch als Laie nach wenigen Tönen erkennt. Wenn man Hope in einem Kontinuum von pianistischen Stilen verorten möchte, dann steht er Powell näher als Monk.

 

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Fazit: Wer im Katalog von Blue Note, Prestige oder Riverside nach einem Album sucht, das den Grundstein einer Jazz-Sammlung bilden soll, muss nicht zwingend mit Elmo Hope Quintet, Vol. 2 beginnen. Allein wegen der Spieldauer von ca. 24 Minuten haben wir es mit einem Nischenprodukt zu tun; dazu fehlen unter den Titeln die ganz großen Knaller.

 

Andererseits: Wer die fiebrige Energie des Bebop schätzt, macht mit der Platte sicher nichts falsch. Wir bekommen sechs kurze Nummern mit tighter Ensemblearbeit und konzisen Soli. Dazu bietet diese Aufnahme, verglichen mit vielen aus den 1940ern, eine wirklich ordentliche Klangqualität, immerhin saß Rudy van Gelder an den Reglern. Hinzu kommt, dass Elmo Hopes Œuvre schmal blieb. Er hatte im Laufe seiner Karriere immer wieder ernste Drogenprobleme, aber hier erlebt man ihn bestens aufgelegt und in exzellenter Gesellschaft. Auch Fans von Freeman Lee sollten zugreifen, denn von ihm gibt es sonst kaum Aufnahmen. Nach einer kurzen aktiven Phase im Jazz Mitte der 1950er verließ er die Szene und arbeitete als Lehrer.

 

Musik: ****

 

Sound: Früher RvG-Klang in Mono. Historisch, aber absolut annehmbar.

 

Verfügbarkeit: Im Frühjahr 2026 auf Vinyl (Reissues) nur gebraucht ab ca. 40€ bei den einschlägigen Online-Händlern.

 

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