Joe Henderson - Mode For Joe

Veröffentlicht am 1. April 2026 um 22:52

 

Joe HendersonMode For Joe

 

Blue Note BST-84227; 01/1966; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion

Joe Henderson – ts; Lee Morgan – tp; Curtis Fuller – tb; Bobby Hutcherson – vib; Cedar Walton – p; Ron Carter – b; Joe Chambers – ds.

 

Side A:

1) A Shade Of Jade

2) Mode For Joe

3) Black

 

Side B:

1) Caribbean Fire Dance

2) Granted

3) Free Wheelin’

 

Wie Blue Hour und zahllose andere Jazzalben kaufte ich auch Mode For Joe zunächst wegen seines Covers: ein vertikal angeordnetes Triptychon aus Porträts, das Henderson zeigt, wie er gedankenverloren raucht. Der Hintergrund ist dunkel, fast schwarz, die Namen der Musiker und das Blue-Note-Logo stehen in einem kräftigen Rot, das Hitze, Turbulenz und Leidenschaft suggeriert.

 

Anders als das letzte Woche hier vorgestellte Blue Hour fand ich Mode for Joe jedoch anfangs gar nicht gut – es war mir zu unruhig, zu dicht, zu sperrig, zu viel schwer greifbare Moderne und zu wenig Jazz Messengers. Und es war eines der ganz wenigen Blue-Note-Alben, die ich verkaufte. Hätte ich besser nicht getan, denn meine DMM-Pressung von Pathé Marconi aus Frankreich war erste Sahne, und das Album ist, wie ich heute weiß, besser, als ich damals dachte.

 

Einfach ist es allerdings nicht. Wer bluesigen Soul Jazz sucht wie bei Jimmy Smith oder Lou Donaldson, tanzbare Grooves wie bei Lee Morgans The Sidewinder oder die eingängigen Melodien Horace Silvers, der wird hier nicht fündig. Man begegnet auch keinem Standard aus dem Great American Songbook, an dem sich das Ohr orientieren könnte. Stattdessen gibt es schwerer verdauliches Material irgendwo zwischen Hard Bop und Avantgarde, das den Hörer nicht wirklich verschreckt, aber auch nicht unmittelbar verfängt.

 

Alle Kompositionen stammen von den beteiligten Musikern: drei sind von Henderson, Walton steuerte Mode for Joe und Black bei, Morgan Free Wheelin’.

 

Ungewöhnlich an der Platte ist die Besetzung: Vier Melodieinstrumente geben Komponisten und Arrangeuren Gestaltungsräume, die ein klassisches Hardbop-Quintett schlicht nicht bietet. Bei Blue Note sind größere Ensembles lange Zeit selten; erst als modernere oder avantgardistische Strömungen mit ihren komplexen Texturen, Arrangements und Klangflächen in den Jazz Einzug hielten, ungefähr ab Mitte der 1960er, kommen sie häufiger vor. Mode for Joe ist ein Beispiel für diesen Trend, denn es wird wesentlich geprägt durch die vierstimmige Melodieführung und die tonalen Schattierungen, die durch eine Frontline aus Tenorsax, Trompete, Posaune und Vibraphon möglich werden.

 

Bei Shade of Jade, Hendersons erster Nummer, blasen die dicht geschichteten Melodieinstrumente eine insistierende Phrase im A-Teil, die sichmal bewegt, mal zu zögern scheint, als sei sie in einem harmonischen Käfig gefangen, aus dem sie im B-Teil dann doch befreit wird. Nominell steht das Stück, glaube ich, in F-moll, aber selbst als regelmäßigerJazz-Hörer kann man sich nicht sicher sein und während der in rasendem Tempo gespielten Soli – der Leader, Morgan und Walton kommen zu Wort – hat man das Gefühl, dass die Solisten, besonders Henderson, zwischen den Skalen gleiten und Farben wechseln wie tonale Chamäleons.

 

Aber zum Glück können diejenigen unter uns, die nicht mit einer Partitur vor der Anlage sitzen, die Musiktheorie genauso lässig hinter sich lassen wie die Musiker die alten Orthodoxien. Wir müssen nicht immer alles verstehen, und es kann uns egal sein, wie die empfundene harmonische Offenheit genau zustande kommt. Allein das Ergebnis zählt: nachdem man die anfängliche Ratlosigkeit überwunden hat, findet man eine schwer fassbare Musik ohne definiertes Zentrum, die aber gerade deshalb immer spannend bleibt.

 

Dieses Gefühl tonaler Mehrdeutigkeit zieht sich übrigens durch die gesamte Platte, auch wenn die nächsten beiden Kompositionen, Cedar Waltons Mode For Joe und Black, unterm Strich zugänglicher sind. Das Titelstück ist im Vergleich fast schon entspannt und vielleicht am ehesten geeignet, beim Aufräumen gepfiffen zu werden. Im Thema blasen Fuller, Morgan und Hutcherson wiederholt fanfarenartige Fragmente aus drei Noten, auf die Henderson antwortet, der Rhythmus ist derweil suspendiert. Erst während der Soli nehmen Carter und Chambers wieder Fahrt auf, aber das Tempo bleibt kontrolliert, wie auch die Stimmung. Black folgt einem ähnlichen Bauplan und bleibt relativ eingänglich, zieht aber im Tempo deutlich an.

 

Caribbean Fire Dance ist das Stück, das mich vor vielen Jahren vor Rätsel stellte. Seinen Namen trägt es völlig zurecht. Rhythmisch wird es getragen von einem fiebrigen Calypso-Beat, beim Thema spielen Morgan und Hutcherson die Melodie, während Fuller und Henderson dazu kurze Noten wie Messerstiche setzen. Nach dem Thema übernimmt Walton mit der linken Hand die Melodie und spielt einen unglaublich treibenden Piano-Vamp, der ständig zwischen Konsonanz und Reibung wechselt, aber harmonisch auf der Stelle tritt, bis die Bridge die Spannung für ein paar Takte aufhebt – ein Muster, das auch während der Soli erhalten bleibt.

 

Erst Henderson und später Fuller (der hier teilweise klingt wie Grachan Moncur III) liefern einen dunklen Kontrast zu Morgans grellem Trompetenton, während Hutcherson im Anschluss kalkuliert und fast kühl wirkt und so eine neue Art von Kontrast schafft. Auch heute noch empfinde ich Caribbean Fire Dance als unruhige, fast bedrohliche Musik, der ich jedoch, im Gegensatz zu früher, mit derselben Faszination zuhöre, mit der man einen gruseligen Film verfolgt: Gewisse Dinge sieht man einfach nicht gerne, aber der Spannung kann man sich nicht entziehen.

 

Hendersons dritter Titel Granted ist dagegen vergleichsweise konventionell: ein temporeicher Post-Bop Swinger mit Soli von Fuller, Henderson (heiß), Hutcherson (kühl) und schließlich Walton, auch Carter darf vor der Coda ein bisschen alleine walken. Aber ich muss noch mal betonen – konventionell ist hier relativ, verglichen mit Jimmy Smith oder Standley Turrentine ist das reine Avantgarde.

 

Den Abschluss macht Lee Morgans Free Wheelin’, ein abstrakter Blues in einem 3/4- oder 6/8-Takt, je nach Blickwinkel. Immer noch kein echter Hard Bop, kommt ihm mit seiner Blues-Prägung aber zumindest nahe und lässt das Album auf einer versöhnlichen Note ausklingen. Wer einen Jazz mag, wie man ihn Jahre früher auf Blue Note finden konnte, bekommt hier noch ein Stück geboten, auf dem die alten Zeiten als fernes Echo nachschwingen.

 

Fazit: Mode For Joe ist vielleicht nicht reine Avantgarde, aber von der gepflegten Background-Mucke der Three Sounds schon ziemlich weit entfernt. Das Album versucht gar nicht erst, eingängig zu sein und ich verstehe, warum ich beim Erstkontakt vor vielen Jahren nicht begeistert war. Aber wie so oft wird auch hier Geduld belohnt. Wer am Ball bleibt und der Platte mehrere Chancen gibt, bekommt besonders während der Soli eine Menge geboten.

 

Musik: ****

 

Sound: Lebendiger, gut ausbalancierter Klang. Morgan bläst seine Trompete manchmal sehr heiß und es klingt entsprechend grell. Nicht schön, aber kaum der Aufnahme anzulasten.

 

Verfügbarkeit auf Vinyl: Anfang 2026 gut, da Teil der Classic Vinyl Series.

 

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