Wes Montgomery and the Wynton Kelly Trio - Smokin' in Seattle: Live at the Penthouse

Veröffentlicht am 29. Januar 2026 um 10:41

Wes Montgomery and The Wynton Kelly Trio – Smokin’ in Seattle: Live At The Penthouse

Resonance HLP 9029, 04/1966; Engineer: Jim Wilke; Mastering: Matt Lutthans; Producers: Zev Feldman & George Klabin

Wes Montgomery – gtr*; Wynton Kelly – p; Ron McClure – b; Jimmy Cobb – ds;

 

Side A:

1) There Is No Greater Love

2) Not A Tear

3) Jingles*

4) What’s New*

5) Naptown Blues*

 

Side B:

1) Sir John

2) If You Could See Me Now

3) West Coast Blues*

4) Once I Loved (O Amor Em Paz)*

5) Oleo*

 

„Die wollen doch alle nur unser Geld.“

Ein reichlich desillusioniertes Urteil über die Natur des Menschen – besonders für jemanden wie den jungen NJF, der gerade erst begonnen hatte, ein Bewusstsein für die Welt zu entwickeln. Allerdings kam es aus dem Mund einer, die schon lange im Spiel war und es wissen musste: meine Großmutter.

 

Woran wir uns damals konkret aufhingen und was sie zu dieser resignierten Diagnose veranlasste, weiß ich heute nicht mehr, doch ihre Worte kamen mir wieder in den Sinn, als ich diese Veröffentlichung einer lange vergessenen Liveaufnahme der Hard-Bop-Helden Wes Montgomery und Wynton Kelly betrachtete.

 

Ich wünschte, ich könnte ihr heute sagen, dass sie … vielleicht nicht ganz falsch, aber eben auch nicht völlig richtig lag. „Nein, Oma, es geht nicht immer nur ums Geld. Manchmal tun Menschen Dinge, weil sie sie lieben. Es ist nicht alles immer nur Kalkül.“ Und ich hätte sogar einen Beweis dafür.

 

Denn bei Resonance Records müssen Philanthropen am Werk sein. Seit Jahren hat sich das Label darauf spezialisiert, tief vergrabene Jazzschätze zu heben und sie als liebevoll produzierte Alben zu veröffentlichen, denen Booklets von fast barocker Opulenz beiliegen. Jede Resonance-Veröffentlichung, die ich bislang gesehen habe, besticht durch ein reiches Konvolut akribisch kuratierten Begleitmaterials wie historische Session-Fotos, Konzertplakate, Eintrittskarten, Flyer und Interviews, flankiert von ausführlichen Essays führender Kritiker sowie Erinnerungen der beteiligten Musiker.

 

Das müsste man nicht tun. Man müsste bekannte Kritiker und Musiker nicht um erhellende Texte bitten, man müsste sich nicht die Mühe machen, alte Eintrittskarten und Konzertflyer aufzutreiben. Niemand würde vermissen, was es nie gegeben hat. Die Hardcore-Freaks, die sich für eine bislang obskure Wes-&-Wynton-Live-Session aus dem Jahr 1966 interessieren, kaufen die Platte ohnehin, alle anderen sind vermutlich auch durch ein schickes Begleitheft kaum zum Kauf zu verführen.

 

Und doch tun sie es, immer wieder. So viel Hingabe kann es nur dort geben, wo der merkantile Instinkt durch echte Liebe zum Produkt gezügelt wird. Ich wette: Bei Resonance arbeiten Überzeugungstäter, aufrechte Apostel für das Hard-Bop-Evangelium.

 

****

 

Wes Montgomerys/Wynton Kellys Smokin’ in Seattle: Live at the Penthouse ist in vielerlei Hinsicht eng verwandt mit Horace Silvers Silver in Seattle: Live At The Penthouse. Beiden liegen Rundfunk-Aufnahmen aus dem Penthouse in Seattle zugrunde und dieselbe Crew war für die Veröffentlichung verantwortlich: Jazz-Detektiv Zev Feldman, Tontechniker Jim Wilke, Mat Lutthans und Charlie Puzzo jr. Selbst die Gestaltung des Begleitmaterials zeigt dieselbe Handschrift, auch wenn Silver in Seattle bei Blue Note erschien, Smokin’ in Seattle dagegen bei Resonance.

 

Im Begleitheft finden wir neben historischen Session-Fotos lesenswerte Essays von Feldman, Wilke und Puzzo jr., aber besonders interessant sind die Erinnerungen von Ron McClure (er beschreibt, wie er mehr oder weniger zufällig in die Band geriet) sowie die Gedanken etablierter Musiker zu Kelly (Kenny Barron) und Montgomery (Pat Metheny).

 

Smokin’ in Seattle ist ein gutes halbes Jahr jünger als die Aufnahme von Silver, doch auch hier haben wir es mit einem Mitschnitt in mono zu tun – wovon man sich aber nicht beunruhigen lassen sollte, der Klang ist gut sortiert und lässt jedes Instrument zu seinem Recht kommen. Der Titel spielt auf das heute legendäre Smokin’ at the Half Note an, das Montogomery/Kelly knapp ein Jahr zuvor eingespielt hatten. Bis auf Bassist Ron McClure, der den aus gesundheitlichen Gründen ausgeschiedenen Paul Chambers ersetzt, sind die Besetzungen beider Alben identisch. Die Band hatte also reichlich Zeit, sich einzuspielen und die hat sie auch genutzt. Wir haben es hier, besonders auf den schnelleren Stücken, mit einer veritablen Swingmaschine zu tun, die mächtigen Drive entfachen kann.

 

Die Seiten des Albums bestehen aus zwei aufeinanderfolgenden Sets der Gruppe und bieten mit einer knappen halben Stunde Spielzeit pro Seite reichlich Musik. Zunächst spielt Kelly zwei Titel mit seinem Trio, dann gesellt sich Montgomery dazu. Die Trio-Stücke haben ihren Reiz, weil Kelly ausgiebig solieren kann (seine Soli auf Sir John sind länger als manche Titel auf Piano Interpretations) und auch McClure das ein oder andere Solo spielen darf, doch die Höhepunkte sind die Nummern mit Montgomery, dessen talismanische Präsenz den Rest der Gruppe noch einmal zu befeuern scheint.

 

Wäre der Begriff nicht so vorbelastet, ließen sich die Stücke des Kelly Trios, mit ihrer gut gelaunten Mischung aus Standards und Blues (Blue Mitchells Sir John), als anspruchsvoller Cocktail-Jazz bezeichnen, doch sobald Montgomery hinzustößt, weht ein anderer Wind. Wir bekommen ziemlich kompromisslosen Hard Bop, bei dem Montgomery den Löwenanteil der Soli erhält. Besonders packend geraten die Blues (Jingles, Naptown Blues und West Coast Blues) sowie das abschließende Oleo. What’s New und Jobims Once I Loved lassen es etwas gemächlicher angehen; dafür kann man Montgomerys unglaublichen Einfallsreichtum hier fast noch besser verfolgen als auf den schnellen Stücken.

 

Man soll ja aufhören, wenn es am schönsten ist, aber dieser Gedanke wird hier vielleicht zu konsequent verfolgt. Gerade wenn die Swingmaschine auf Hochtouren läuft – beim Naptown Blues und bei Oleo –, streut die Radiomoderation Sand ins Getriebe und die Titel weden ausgeblendet. Ein kleiner Misston in einer ansonsten rundum gelungenen Platte.

 

Fazit: Klasse Scheibe von zwei Hard-Bop-Größen in Hochform. Für die Jünger Kellys und Montgomerys ist sie ein Pflichtkauf, aber dieser abwechslungsreiche und locker swingende Mainstream-Jazz dürfte auch genre-fremde Hörer ansprechen. Wer Smokin’ At The Half Note mag, wird garantiert nicht enttäuscht. Wie immer lässt sich Resonance beim Begleitmaterial nicht lumpen.

 

Musik: ****1/2

 

Sound: Ordentlicher Radiomitschnitt in Mono. Die Klangqualität ist völlig ausreichend.

 

Verfügbarkeit: Die Vinylausgabe ist auf 2200 Pressungen limitiert, aber Anfang 2026 mit etwas Glück noch zu finden. Interessenten sollten sich beeilen!

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