Julius Watkins Sextet Vol.2

Veröffentlicht am 19. Januar 2026 um 23:47

Julius Watkins Sextet Vol. 2

Blue Note BN 5064; 03/1955; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion

Hank Mobley – ts; Julius Watkins – fh; Perry Lopez – gtr; Duke Jordan – p; Oscar Pettiford – b; Art Blakey – ds.

 

Side A:

1) Garden Delights

2) Julie Ann

3) Sparkling Burgundy

 

Side B:

1) B And B

2) Jor-Du

 

Das French Horn, zu Deutsch Waldhorn, begegnet einem im Jazz eher selten. Ich habe das nie als großen Verlust empfunden: Ich finde es nicht sonderlich ausdrucksstark, es klingt wie eine entmannte Posaune und ein wenig ungelenk, eher geeignet für die Addition gedeckter Schattierungen zur Klangfarbe eines Orchesters als für hitzige Bop-Läufe. Aber warum ist das so?

 

Eine kleine Nachforschung ergab, dass das Waldhorn tatsächlich extrem schwer zu meistern ist und seine Physik den Einsatz im Jazz erschwert: Der Ansatz beim Blasen ist hochkritisch, weil die Tonabstände sehr eng sind; schon ein minimal falscher Ansatz resultiert in einem falschen Ton, daher ist auch die Intonation permanent instabil. Die kleine Mundstücköffnung sorgt für einen hohen Luftwiderstand, was die Schärfe des Ansatzes (neudeutsch: „Attack“) bei schnellen Bebop-Linien vermindert – das Horn spricht weicher an als Trompete oder Saxofon. Überdies, als wären das nicht schon genug Hindernisse, ist das Horn auch noch deutlich leiser als andere Blasinstrumente und setzt sich in Live-Situationen schlechter durch.

 

Vor diesem Hintergrund ist es fast erstaunlich, dass es überhaupt Hornisten im Jazz gibt. Einer der Pioniere war Julius Watkins, der in den Jahren 1954 und 1955 zweimal mit einem Sextett für Blue Note ins Studio ging. Es war noch die Zeit der 10"-Veröffentlichungen; die beiden Aufnahmen erschienen separat als BN 5053 und die hier vorliegende BN 5064.

 

Für die Session bestellte Watkins einige namhafte Jazzer ins Studio. Als Partner an der Front agierte Tenorsaxofonist Hank Mobley, am Schlagzeug saß Art Blakey, beide gehörten zur regulären Blue-Note-Mannschaft. Oscar Pettiford und Duke Jordan waren gestandene Bebopper; lediglich Gitarrist Perry Lopez ist weniger bekannt, war aber kein unbeschriebenes Blatt: Er hatte mit Swingern wie Buddy DeFranco und Benny Goodman gearbeitet.

 

Wie schon die Aufnahmen von Lou Mecca, Gil Mellé oder auch J. R. Monterose vermeidet auch Julius Watkins Sextet Vol. 2 die ganz große Hitze, klingt mehr nach Westküsten-Coolness als nach Hard Bop. Die Aufnahme bietet fünf Stücke; Seite A stammt komplett von Watkins, B And B geht auf die Kappe von Benny Harris und Bud Powell, Jor-Du ist Duke Jordans Beitrag.

 

Garden Delights startet mit einem verträumten, freien Dialog von Lopez und Watkins, der dabei klingt, als würde er einen aus einer längst vergangenen Zeit anblasen, bevor das boppige Thema in entspanntem Midtempo angegangen wird. Da wir uns noch in der Ära der 10"-Alben befinden, bleiben alle Stücke unter fünf Minuten. Entsprechend kurz und knackig kommen die Soli zur Sache. Auf Garden Delights solieren Lopez, Mobley und Watkins über einem swingenden Groove von Pettiford und Blakey mit Besen, der zwischendurch Gelegenheit für ein kleines Break bekommt.

 

Julie Ann ist eine Ballade, die durch den melancholischen Ton des Waldhorn eine herbstlich-neblige Schwermut erhält. Mobley bläst ein zärtliches Solo und das langsame Tempo spielt auch Watkins in die Karten: Hier klingt die tonale Wärme des Hons absolut richtig und die langsame Ansprache ist kein Nachteil.

 

Sparkling Burgundy trägt seinen Titel zurecht, eine Up-Tempo-Nummer, die jedoch eher fröhlich perlt als wild brodelt. Klasse Solo von Jordan.

 

B And B ist ein weiteres boppiges Thema in strammem Tempo, aber mit entspanntem Duktus. Mobley und Jordan liefern geschmeidige Soli, dann folgen Blakey mit ein paar Breaks und Pettiford, dessen Beweglichkeit zu dieser Zeit wirklich maßstabsetzend war, bevor der Leader an die Reihe kommt.

 

Jor-Du bietet vielleicht die attraktivste Melodie der Platte (und ist für mich das zweite Highlight nach Julie Ann). Watkins übernimmt das erste der jeweils ca. 40 Sekunden langen Soli, es folgen der erneut sehr agile Pettiford, Jordan, dann Mobley und nach gut zwei Minuten geht es zurück zum Thema.

 

Die Blue Notes der 10-Zoll-Ära haben ihren eigenen Charme, denn durch die rasch wechselnden Solisten entsteht garantiert keine Langeweile. Längere Exkursionen sind naturgemäß nicht möglich, aber bei rund zwanzig Minuten Spieldauer ist das kein Nachteil. Auf Julius Watkins Sextet Vol. 2 finden wir fünf Stücke am Übergang von Bop zu Hard Bop, mit einer einzigartigen, durch Watkins’ Waldhorn geprägten Klangsignatur, die mehr auf gedämpfte Töne als auf packende Intensität setzt. Das Resultat ist eine Platte, die durchaus swingt, aber tendenziell mit einer gewissen intellektuelle Kühle. Selbst Hard-Bop-Ikone Blakey spielt hier ungewohnt zurückhaltend.

 

Fazit: Kein Pflichtkauf, aber ein interessanter Exot in Blue Notes Labelkatalog.

 

Musik: ****

 

Sound: frühe van-Gelder-Aufnahme, recht gut sortiertes Klangbild; Blakeys Arbeit an den Becken ist etwas undifferenziert.

 

Verfügbarkeit auf Vinyl: Anfang 2026 nur gebraucht über Discogs, ab ca. 30€.

 

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