Pete La Roca – Basra
Blue Note ST-84205, 05/1965, Engineer: Rudy van Gelder, Producer: Alfred Lion
Joe Henderson – ts; Steve Kuhn – p; Steve Swallow – b; Pete La Roca – ds
Side A:
1) Malaguena
2) Candu
3) Tears Come From Heaven
Side B:
1) Basra
2) Lazy Afternoon
3) Eiderdown
Der Schlagzeuger Pete La Roca hieß eigentlich Peter Sims. Er wurde am 7. April 1938 in Manhattan geboren und wuchs in einer musikalischen Familie auf; sein Stiefvater war Trompeter. Erste berufliche musikalische Erfahrungen sammelte er als Percussionist in einer lateinamerikanischen Tanzband. Mit 14 oder 15 Jahren begann er, sich La Roca („der Fels“) zu nennen, weil ihm der Name gefiel – eine Jugendsünde, denn später war ihm der Künstlername peinlich, und er spielte seine letzten Sessions wieder unter seinem Geburtsnamen.
Wie so viele kam La Roca als Sideman zu Blue Note. Bei den Sessions zu Sonny Rollins’ legendärem Live At The Village Vanguard im November 1957 war er zum ersten Mal dabei. Das allein hätte ihm einen Eintrag in die Annalen des Jazz gesichert, auch wenn es am Ende nur ein Titel mit La Rocas Beteiligung auf das Album schaffte. Es folgten sporadische Aufnahmen als Sideman für Leute wie Jackie McLean, Sonny Clark, Freddie Hubbard und Joe Henderson. Im Mai 1965 war es schließlich soweit, La Roca durfte als Leader ins Studio.
Schon ein flüchtiger Blick auf die Besetzung der Session verrät, dass La Roca hier nicht einfach labelüblichen Hard- oder Post-Bop liefern wollte. Einzig Joe Henderson gehörte zum Stammpersonal bei Blue Note. Weder Bassist Steve Swallow noch der klassisch ausgebildete Pianist Steve Kuhn waren Bopper, aber man kannte sich: Sie gehörten, wie La Roca, zum damaligen Quartett von Art Farmer. Beide hatten einen Hang zu moderner, harmonisch freierer Musik und prägen Basra wesentlich mit. Die Band dieser Session war also nicht nur eine eingespielte Einheit, sondern vermutlich auch ein bewusst gecastetes konzeptionelles Ensemble.
Zum Album: Allein der Name Basra – wer kommt schon auf die Idee, ein Album nach einer Stadt im Irak zu benennen? – suggeriert, dass wir hier keinen Club-Jazz erwarten dürfen. Und diese Erwartung wird auch nicht enttäuscht. Basra ist ein perlmuttartig schillerndes Juwel aus wechselnden Stimmungen; es ist dabei harmonisch reduziert (La Rocas Ziel, so die Liner Notes, war eine Konzentration auf das absolut Wesentliche) und steht A Love Supreme näher als Back At The Chicken Shack.
Wie bei A Love Supreme trifft hier Intensität auf harmonische Stasis statt rasender boppiger Akkordfolgen, mit Soli, die eher zu beschwören scheinen, als zu erzählen. Hört man Coltranes Echo in Hendersons Eruptionen? Findet man Spuren von McCoy Tyner in Kuhns Akkordclustern auf Malaguena? Schon möglich, schließlich war Coltranes Album seit einem knappen halben Jahr auf dem Markt. Aber Basra ist bestimmt keine Kopie. Wie Coltrane spielt Henderson lange, um ein tonales Zentrum kreisende Phrasen und überbläst sein Horn für eine Extraprise Drama. Ihm fehlen jedoch Coltranes Hang zur Ekstase und religiöse Inbrunst. Ähnlich bei Kuhn: während McCoy Tyner mit seinem Akkorddonner die Stücke auf Love Supreme nach vorne treibt, wirkt Kuhn kontrollierter, weniger heftig.
Auch die Stücke bilden keine zusammenhängende Suite, sondern stehen für sich. Drei stammen vom Leader und haben es durchaus in sich. Candu ist ein freier Blues mit einem Boogaloo-artigen Backbeat, hier kommt Basra den Clubs am nächsten. Henderson, Kuhn und Swallow solieren. Tears Come From Heaven swingt als schneller Burner in Moll, klingt aber mit seinem weniger rigiden harmonischen Gerüst und langen Melodielinien moderner als der Hard Bop der 1950er Jahre. Die Solisten scheinen über der Musik zu schweben, statt jeden Akkordwechsel mitgehen zu müssen.
La Rocas dritte Komposition Basra ist ein Höhepunkt des Albums. Auch heute, 60 Jahre nach seiner Einspielung, klingt das Stück noch zeitgemäß. Ein langes Solo von Swallow leitet eine orientalisch-dunkle, moll-schwangere Melodie ein – von einem Thema im herkömmlichen Sinn kann man nicht mehr sprechen –, unterlegt von La Rocas locker federndem Beat, dessen ungerades Metrum der Musik einen spürbaren Puls verleiht, aber dennoch vage bleibt. Im Folgenden entwickelt sich das Stück über Bassfiguren ohne harmonische Bewegung, ein Akkord muss reichen. Henderson bläst ein intensiv-glühendes Solo, bevor Kuhn, Swallow und La Roca zu einer Art freier Gruppenimprovisation ansetzen, bei der La Roca sich einen langen Exkurs gönnt, der sich irgendwo zwischen traditionellem Solo und loser Begleitung bewegt. Kuhn streut hier und da Klaviertriller ein, während Swallow mit Bass-Vamps experimentiert. Irgendwann, es wirkt fast wie Zauberei, setzt das Thema wieder ein.
Malaguena, ein Stück des kubanischen Komponisten Ernesto Lecuona, ist, so La Roca, „something Spanish“ und ein weiterer modaler Workout in Moll mit freien Tendenzen und einem enorm kraftvollen Henderson. Die sanfte Stück des Albums und ein weiteres Highlight ist Lazy Afternoon. Persönlich bin ich kein großer Freund von Balladen, weil sie oft in schnulzige Beliebigkeit abdriften, aber hier nicht. So kraftvoll Henderson auf den anderen Stücken agiert, so zärtlich ist er hier. Kuhn ist grandios: Mit seinen leisen, impressionistisch gefärbten Linien verleiht er dem Stück eine einzigartige Leuchtkraft. Steve Swallows Eiderdown, benannt nach den besonders weichen Daunen der Eiderente, entlässt den Hörer am Ende des Albums mit einem Gefühl schützender Wärme. Das Stück geht ein strammes Tempo, klingt dabei aber nie aggressiv, sondern swingt beinahe schwerelos; Henderson spielt hier softer als auf den übrigen Titeln, auch Kuhn und Swallow dürfen solieren.
Pete La Roca hatte musikalisch noch viel vor. In den Liner Notes zu Basra analysiert er Entwicklungen im Jazz und skizziert Ideen zu einem neuen, flexibleren Gruppenspiel. Dazu sollte es jedoch nicht mehr kommen. Basra blieb seine vorerst letzte Aufnahme als Leader für Blue Note*. Für Douglas nahm er 1967 noch ein Album mit dem Titel Turkish Women At The Bath auf, ein Jahr später zog er sich für lange Zeit aus der Musikszene zurück, studierte Jura und wurde Anwalt.
Fazit: Wenn es nicht so vermessen wäre, ließe sich Basra fast als das Love Supreme Blue Notes bezeichnen. Es besitzt außerordentliche Power, klingt ähnlich kraftvoll-beseelt und hat ebenfalls eine suchende Qualität. Allerdings wird nicht Gott gesucht, sondern das Abenteuer. Basra ist ein Aufbruch zu neuen musikalischen Ufern.
Musik: ****1/2
Sound: Superb, hier stimmen Balance und Klangfarben.
Verfügbarkeit: Teil der Blue Note Classic Vinyl Series, zur Jahreswende 2025/6 gut zu bekommen. Um die 30€.
*P.S.: Tatsächlich gab es noch eine späte Coda. Im Jahre 1997 veröffentlichte La Roca/Sims auf dem wiederbelebten Blue Note ein weitgehend unbeachtetes Album namens Swingtime, das heute kaum zu finden ist.
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