New Faces – New Sounds: Piano Interpretations by Wynton Kelly
Blue Note BN 5025; 07&08/1951; Engineer: unknown (WOR Studios); Producer: Alfred Lion
Wynton Kelly – p; Franklin Skeete, Oscar Pettiford* – b; Lee Abrams – ds.
Side A:
1) Cherokee
2) Crazy He Calls Me
3) Blue Moon*
4) Born To Be Blue*
Side B:
1) Moonlight In Vermont
2) There’ll Never Be Another You
3) I’ve Found A New Baby
4) Good-Bye
Im zarten Alter von zwanzig Jahren und drei Monaten stand Wynton Kelly zum ersten Mal für Blue Note als Leader in einem Studio. Damals, im Jahr 1951, war das noch nicht bei Van Gelder in Hackensack, sondern im WOR Studio am Broadway. Wie jung der Pianist war, zeigt das Foto auf Gil Mellés Cover: Kelly wirkt, als ginge er noch zur Schule. Davon sollte man sich jedoch nicht täuschen lassen. Wie uns Leonard Feather in den Liner Notes verrät, spielte er seine ersten Gigs als Profi bereits mit elf Jahren. Mit fünfzehn ging er auf eine Tournee in die Karibik, und zum Zeitpunkt der Aufnahme war er Pianist in der Band von Dinah Washington. Er hatte also trotz seiner Jugend ausreichend Gelegenheit, einen eigenen Stil zu entwickeln.
Und wenn man seine spätere Arbeit mit Miles Davis, Wes Montgomery et al. kennt, dann hört man tatsächlich sofort, dass hier Kelly agiert. Ich spiele kein Klavier, daher will ich nicht über Technik und musikalische Reife schwadronieren. Dennoch glaube ich, hier bereits seine typische Leichtigkeit und bluesigen Akkorde hören zu können. Man ahnt sofort, warum er als Sideman so gefragt war: Selbst bei dem hohen Tempo von Cherokee, dem Opener, bleibt er völlig locker und klingt dabei dennoch präzise.
Bislang hatten wir ja einige Fälle, in denen Blue Note mehrere Aufnahmen im 10''-Format ausschlachtete, um daraus ein „neues“ 12''-Album zu erschaffen und so neue Hörer für alte Musik zu gewinnen. Doch diese BN 5025 ist selbst das Ergebnis einer kuratorischen Neubewertung älteren Materials: Fünf der acht Titel waren ursprünglich auf 78-rpm-Schellack erschienen, die restlichen drei bislang unveröffentlicht.
Davon hört man allerdings nichts. Die acht Titel des Albums klingen wie aus einem Guss; qualitativ fällt keiner ab oder ragt heraus. Selbst dass auf zwei Titeln Oscar Pettiford statt Franklin Skeete den Bass bedient, bemerkt man erst dann, wenn der Bass ein kurzes Solo erhält: Pettiford darf, Skeete darf (oder will) nicht. Skeete und Drummer Abrams machen ihren Job ansonsten diskret und zuverlässig. Dass sie hier keine Gelegenheit für solistische Einlagen bekommen, schadet letztendlich nicht. Die Platte war in erster Linie ein Forum für Kelly, und die drei Minuten Spieldauer pro Titel geben selbst ihm nur wenig Raum zur Entfaltung.
Das Programm besteht ausschließlich aus Fremdkompositionen: Standards, die Kelly allerdings selbst ausgewählt hat. Wir haben eine recht bunte Mischung aus Stimmungen und Tempi: Crazy He Calls Me bleibt ruhig, Born to Be Blue und Good-Bye (mein persönlicher Favorit) sind voller melancholischer Sehnsucht. Blue Moon swingt beschaulich, Cherokee und das beinahe überschwängliche I’ve Found a New Baby gehen ein strammes Tempo, behalten dabei aber eine unforcierte Leichtigkeit. Da zudem alle Titel eingängige Themen besitzen und um die drei Minuten lang sind, kommt bei dieser Platte garantiert keine Langeweile auf.
Ich kann Piano-Trios häufig nicht viel abgewinnen, aber diese frühe Aufnahme von Wynton Kelly habe ich immer gemocht. Kelly hatte schon als Jüngling ein Händchen für attraktive Titel und Lion hat hier so sorgfältig kuratiert, dass am Ende eine richtig kurzweilige Platte entstanden ist: acht kleine Jazz-Pralinchen zum schnellen Wegnaschen.
Musik: ***1/2 bis ****
Sound: Historisch. Selbst von frühen van Gelders ziemlich weit entfernt, aber nicht unangenehm.
Verfügbarkeit auf Vinyl: Nur gebraucht bei den einschlägigen online-Anbietern. Selten und teuer, unter 35€ kaum zu haben.
P.S.: 1983 veröffentlichte Toshiba in Japan unter der Katalognummer BNJ 71001 im 12''-Format eine erweiterte Edition von Piano Interpretations, mit aufgefrischtem Klang ("new disc transfers that improve the sound quality greatly"), neuen Liner Notes von Michael Cuscuna und insgesamt neunzehn Titeln, darunter zahlreiche Alternate Takes. Ich besitze beide Ausgaben, greife aber praktisch immer zum Original. Neunzehn Titel sind schlicht Overkill und klangliche Quantensprünge höre ich auch nicht.
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