Freddie Hubbard - Hub Cap

Veröffentlicht am 3. November 2026 um 22:32

 

Freddie Hubbard – Hub Cap

 

Blue Note ST-84073; 04/1961; Engineer: Rudy van Gelder; Producer: Alfred Lion

Freddie Hubbard – tp, Julian Priester – tb; Jimmy Heath – ts; Cedar Walton – p; Larry Ridley – b; Philly Joe Jones – ds.

 

Side A:

1) Hub Cap

2) Cry Me Not

3) Luana

 

Side B:

1) Osie Mae

2) Plexus

3) Earmon Jr.

 

Man muss es Blue Note lassen: die Alben in der Tone Poet Series haben sie wirklich schön hingekriegt. Die Reihe gibt es seit 2019. Verantwortlich für die Auswahl und die Produktion ist Joe Harley, der zuvor gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Ron Rambach die vielbeachteten Music-Matters-Neuauflagen von Blue-Note-Alben betreut hatte. Ziel der Tone Poets ist schlicht die bestmögliche Neuauflage klassischer Jazz-Alben (inzwischen nicht nur Blue Notes) zu bieten. Dabei geht es darum, den Klang des Masterbands möglichst originalgetreu auf die Schallplatte zu bringen. Viel Mühe investiert man auch in die Cover:

 

„When it comes to Blue Note LP packaging, extreme attention to detail has been paid to getting these right in every conceivable way, from the jacket cover graphics to the printing quality. Every aspect of these Blue Note releases is done to the highest possible standard. It means that you will never find a superior version. This is IT.“ (Quelle: Blue Note)

 

Von Anfang an war die Idee, jeden Monat zwei neue Tone Poets zu veröffentlichen und so kamen auch ein paar lange unerhältliche Titel zu Ehren. Seit dem 2. Oktober gibt es in der Tone Poet Series eine Aufnahme, die ich auf Vinyl ewig nicht und selbst auf CD nur selten gesehen hatte: Freddie Hubbards Hub Cap aus dem Jahr 1961. Die stand tatsächlich in keinem Format bei mir im Regal und als ich die Platte letzte Woche beim Stöbern in A&O sah, konnte ich nicht widerstehen. Wie sich herausstellte: Gut so.

 

****

 

Hub Cap wurde am 9. April 1961 eingespielt. Hubbard war im Flow und Blue Note im Aufnahmefieber, es war sein drittes Album als Leader innerhalb von zehn Monaten. Klar, dass wir auch hier noch Hard Bop bekommen, aber Hub Cap ist keine bloße Kopie von Open Sesame und Goin’ Up!, sondern lässt eine echte Weiterentwicklung erkennen. Das typische Hard-Bop-Quintett aus Rhythmusgruppe plus Tenorsax/Trompete ist erweitert um eine interessante Stimme, nämlich Posaunist Julian Priester. Der sorgt dafür, dass der Ensembleklang des Albums großformatiger, harmonisch komplexer wird und mehr Tiefgang bekommt. Darüber hinaus versucht sich Hubbard hier ernsthaft als Komponist, vier der sechs Stücke des Albums sind von ihm und es geht dabei teilweise schon in eine modernere Richtung – später sollte man von Post-Bop reden. Neben Priester ist der Tenorsaxofonist Jimmy Heath Hubbards zweiter Partner an der Front. Heath kam aus einer musikalischen Familie: Sein älterer Bruder Percy spielte Bass für das Modern Jazz Quartet, der jüngere Albert “Tootie” Heath war ein beliebter Session Drummer. Jimmy Heath war eine interessante Wahl für Hub Cap. Er gehörte keineswegs zum festen Labelteam von Blue Note, sondern agierte eher im Umfeld von Riverside/Jazzland, wo er sich als Saxophonist, Komponist und Arrangeur auf einer Reihe von eigenen Alben profilierte.

 

Während am Schlagzeug mit dem vielgebuchten Philly Joe Jones ein Labelveteran saß, waren die Aufnahmen zu Hub Cap für zwei weitere Mitglieder der Gruppe die erste Session für Blue Note: Hubbard hatte mit Pianist Cedar Walton in der Band von Jay Jay Johnson gespielt, den 23-jährigen Bassisten Larry Ridley dagegen kannte er aus der Jazz-Szene ihrer gemeinsamen Heimatstadt Indianapolis.

 

Zur Musik: Das Material besteht ausschließlich aus Originals, hat man auch nicht so oft. Es gibt zwei Titel von Hubbard zu Beginn und Ende jeder Seite, dazwischen eine zeitgenössische Fremdkomposition. Auf Seite 1 ist das Randy Westons Cry Me Not, auf Seite 2 Plexus von Cedar Walton.

 

Moll-Stimmungen dominieren. Wie auf den vorherigen Alben eröffnet Hubbard mit einem Burner – das Titelstück ist ein Uptempo-Feger mit eng verzahnten Bläserlinien, kurzen, prägnanten Melodiebögen und etlichen rhythmischen Stolperern. Hub Cap klingt eingängig, ist aber komplexer, als man im ersten Moment glaubt – es dauert fast eine Minute, bis das Thema durch ist. Der Leader spielt mit strahlendem Ton ein quecksilbriges Solo, bevor Heath übernimmt, der überwiegend im mittleren Register bleibt und mich mit seinem vibratolosen Ton ein wenig an Coltrane erinnert. Auch Priester und Walton dürfen solieren, und Philly Joe bekommt vor der Coda noch ein paar Fours.

 

Hubbard beschreibt in den Liner Notes mit bewundernswerter Offenheit, dass Randy Westons bittersüße Ballade Cry Me Not für ihn das interessanteste Stück auf der Platte sei. Obwohl auch die anderen Titel Substanz haben, bin ich geneigt, ihm zuzustimmen. Cry Me Not ist keine Schmonzette wie Polka Dots and Moonbeams, sondern eher das, was man ein Mood Piece nennen könnte. Über einem funeralen Beat liegt ein dicht gewebtes Tuch aus ständig changierenden Bläserklängen, dazu spielt Walton im Wechsel Triller und Girlanden wie bei Debussy. Eine Struktur nach dem Muster Thema – Soli – Thema gibt es nicht. Eher lässt sich von einem Hubbard-Solo über einem ominös dräuenden Ensembleklang aus Posaune und Tenorsaxofon sprechen. Hubbard erscheint mir dabei wie ein Vogel, der vor einem gewitterdunklen Himmel mit seinen Pirouetten bezaubert.

 

Luana finde ich fast genauso gut. Das Thema besteht in erster Linie aus einem Piano-Vamp mit einer ostinaten Bass-Figur, alles in sehr dunklem Moll, über dem die Bläser langgezogene Noten spielen. Während der Soli wechselt Luana in einen straighten Swing, aber die dunkle Mollstimmung bleibt. Besonders Priester, dessen Instrument schon konstruktionsbedingt nicht die Leichtigkeit von Trompete oder Tenorsaxophon erreicht, klingt, als trüge er schwer an der Last der Welt.

 

Beim mächtig shuffelnden Osie Mae kommt dann für einen Moment Club-Atmosphäre auf. Hubbard schreibt in den Liner Notes „it just sounded like a funky name to me“. In Anspielung darauf könnte man sagen, dass Osie Mae mit seinem Shuffle und riffendem Piano klingt wie eine bluesige Clubnummer, ohne aber wirklich eine zu sein. Die Melodie der Trompete evoziert die Kraft des Hard Bop, während der Chor von Tenorsax und Posaune dahinter offenere Klangräume schafft. Aber man kann die Haarspalterei auch lassen und sich stattdessen auf sein Bier und das Mitnicken konzentrieren.

 

Plexus bedeutet so viel wie Geflecht oder Verknüpfung und Cedar Waltons gleichnamiges Stück klingt harmonisch entsprechend dicht. Trompete und Tenorsaxophon spielen gemeinsam eine absteigende Melodie, die von dunklen Stichen der Posaune bedroht zu werden scheint. Das wirkt dramatisch, ein bisschen wie der Soundtrack zu einer Verfolgungsjagd in einem Thriller. Entsprechend hoch ist das Tempo.

 

An Earmon Jr. (benannt nach Hubbards Bruder), einem ruhigen Midtempo-Swinger mit modalem Vibe, der das Album beschließt, gefällt mir besonders das Arrangement von Hubbards Mentor Ed Summerlin, das die Möglichkeiten der dreiköpfigen Bläsergruppe mit parallelen und kontrapunktischen Bewegungen auslotet. Neben den drei Bläsern kommen auch Walton und Ridley solistisch zum Zug. Für mein Gefühl spielt die Stimmung des Stückes besonders dem Saxophonisten Heath in die Karten, dessen sonorer, singender Ton und lange Linien gut zur Musik passen. 

 

Fazit: Wie schon das vorherige Goin’ Up gilt auch Hub Cap nicht unbedingt als Großtat von Hubbard, aber ich mag das Album sehr. Die ganz großen Hymnen wie Open Sesame oder Gypsy Blue von Hubbards Labeldebüt mögen hier fehlen, aber Hub Cap entschädigt mit anderen Stärken. Es hat keinen Durchhänger und Julian Priester verleiht dem Gruppensound eine dunkel-herbe Note, die den etwas sperrigeren, aber nicht unattraktiven Stücken gut steht, was übrigens auch für Heaths unsentimentalen Ton und trockenen Solostil gilt. Vielleicht ist Hub Cap sogar mein persönlicher Hubbard-Favorit.

 

Musik: ****1/2

 

Sound: Farbstarke, natürliche Aufnahme mit anspringender Dynamik, wie eigentlich immer bei Blue Note.

 

Verfügbarkeit auf Vinyl: Gut. Seit Oktober 2026 gibt es das Album in Blue Notes Tone Poet Series. Schön gemacht, aber mit 40 € nicht billig.

 

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